Jakob Böhme:

„Mysterium Magnum oder Erklärung über das erste Buch Mosis“

 

Das 18. Kapitel – Gen. 2, 15 – 17  

Vom paradeisischem  Regiment, wie das wohl hätte mögen sein, so Adam nicht gefallen wäre.  

Ich weiß, dass der Sophist mich allhie tadeln und mir es für ein unmögliches Wissen ausschreien wird, dieweil ich nicht sei darbei gewesen, und es selber gesehen. Dem sei gesaget, dass ich in meiner Seelen- und Leibesessenz, da ich noch nicht der Ich war, sondern da ich Adams Essenz war, bin ich darbei gewesen, und meine Herrlichkeit in Adam selber verscherzet habe. Weil mir sie aber Christus hat wiedergebracht, so sehe ich im Geiste Christi, was ich im Paradeis gewesen bin, und was ich in der Sünde worden bin, und was ich wieder werden soll; und soll uns Niemand für unwissend ausschreien, denn ob ich’s  wohl nicht weiß, so weiß es aber Christus in mir, aus welcher Wissenschaft ich schreiben soll.  

Adam war ein Mann und auch ein Weib, und doch der keines, sondern eine Jungfrau, voller Keuschheit, Zucht und Reinigkeit, als das Bild Gottes; er hatte beide Tincturen vom Feuer und Licht in sich, in welcher Conjunction die eigene Liebe, als das jungfräuliche Centrum stund, als der schöne paradeisische Rosen- und Lustgarten, darinnen er sich selber liebete; als wir denn in der Auferstehung der Todten dergleichen sein werden, wie uns Christus, Matth. 22,30 saget, dass wir uns weder freien, noch freien werden lassen, sondern gleich sind den Engeln Gottes.  

Ein solcher Mensch, als Adam vor seiner Eva war, soll aufstehen und das Paradeis wieder einnehmen und ewig besitzen; nicht ein Mann oder Frau, sondern wie die Schrift saget: Sie sind Jungfrauen und folgen Gott und dem Lamme; sie sind gleich den Engeln Gottes, aber nicht allein pur Geist als die Engel, sondern in himmlischen Leibern, in welchen der geistliche englische Leib innen wohnet.  

Weil dem Adam ins Paradeis zum ewigen Leben geschaffen ward ins Bild Gottes, und ihm Gott selber sein Leben und Geist eingeblasen hatte; so mögen wir ihn wohl beschreiben, wie er gewesen sei in seiner Unschuld, und wie er gefallen, und was er itzt sei, und endlich wieder werden soll.  

Hätte ihn Gott in das irdische, zerbrechliche, elende, nackte, kranke, viehische, mühselige Leben geschaffen gehabt; so hätte er ihn nicht ins Paradeis bracht. Hätte er die viehische Schwängerung und Fortpflanzung begehret, so hätte er bald im Anfange Mann und Weib geschaffen, und wären die zwei Geschlechte im Verbo Fiat in die Theilung der zwei Tincturen gegangen, wie bei anderen irdischen Kreaturen.  

Eine jede Kreatur bringt sein Kleid vom Mutterleibe, der Mensch aber kommt elend, nackend und bloß, in höchster Armuth und Unvermögenheit, und vermag nichts, und ist in seiner Ankunft zu dieser Welt die allerärmste und elendeste, verlassenste Kreatur unter allen Geschlechtern, der ihm gar nichts helfen kann; welches uns genug andeutet, dass er nicht in dies Elend sei von Gott erschaffen worden, sondern in seine Vollkommenheit, wie auch alle andere Kreaturen, welche der allererste Mensch durch falsche Lust verscherzte, da ihn Gott hernach in seinem Schlaf erst zum natürlichen Leben in Mann und Weib, nach aller irdischen Kreaturen Eigenschaft, im äußern Fiat figurirte, und ihm den Madensack mit den thierischen Gliedern zur  Fortpflanzung anhing; dessen sich die arme Seele noch heute schämet, dass sie muß eine thierische Form am Leibe tragen.  

Zwei fixe und beständige Wesen waren Adam; als, der geistliche Leib von der Liebewesenheit des innern Himmels, welcher Gottes Tempel war, und der äußere Leib, als der Limus der Erde, welcher des innern geistlichen Leibes Gehäuse und Wohnhaus war, welcher in keinerlei Wege nach der Eitelkeit der Erde offenbar war, denn er war ein Limus, ein Auszug des guten Theils der Erde, welches in der Erde am jüngsten Gerichte soll von der Eitelkeit des Fluches und der Verderbung des Teufels geschieden werden.  

Dieselbe zweierlei Wesen, als das innere himmlische und das äußere himmlische, waren in einander vermählet, und in ein Corpus gefasset, darinnen war die hochheilige Tinctur vom göttlichen Feuer und Lichte, als die große freudenreiche Liebebegierde, welche das Wesen anzündet, dass die zweierlei Wesen einander ganz inbrünstig in der Liebebegierde begehrten, und sich liebten; das Innere liebte das Äußere, als seine Offenbarung und Empfindlichkeit; und das Äußere liebte das Innere, als seine größte Süßigkeit und Freudenreich, seine edle Perle und allerliebste Gemahlin, und waren doch nicht zwei Leiber, sondern nur Einer, aber zweierlei Essenz, als eine Innere himmlische, heilige, und eine aus der Zeit Wesen, welche mit einander in ein Ewiges vermählet waren.  

Und in dieser feurischen Liebebegierde stund die magische Schwängerung und Geburt, denn die Tinctur drang durch beide Essentien, durch die innere und äußere, und erweckte die Begierde; und die Begierde war das Fiat, das die Liebelust fassete und in eine Substanz brachte: also war die Gleichheit des Ebenbildes in dieser Substanz gefasset als ein geistlich Bild nach dem ersten. Gleichwie das Fiat hatte das erste Bild, als Adam, gefasset und geformet: also ward auch die Gleichheit aus dem ersten zur Fortpflanzung gefasset, und in dieser Fassung war auch alsobald die magische Geburt, da in der Geburt der geistliche Leib äußerlich ward.  

Verstehet, obs wäre geschehen, dass Adam in der Probe wäre bestanden; so wäre die magische Geburt also geschehen, nicht durch einen sonderlichen Ausgang von Adams Leibe, wie itzunder, sondern wie die  Sonne das Wasser durchscheinet, und nicht zerreißet; also wäre der geistliche Leib, als die Geburt, ausgegangen, und im Ausgehen substantialisch  worden, ohne Mühe und Noth; in einem großen Freudenreich und Wolthum wäre das geschehen, auf Art, wie die beiden Samen Mannes und Weibes in ihrer Conjunction einen freudenreichen Anblick empfahen: also wäre auch die magische Schwängerung und Geburt gewesen ein jungfräuliches Bild, nach dem ersten ganz vollkommen.  

Welches hernach, als dem Adam Veneris Matrix genommen und in ein Weib geformet ward, musste durch Angst, Schmerzen, Wehe und Noth geschehen, wie Gott zu Eva sagte: Ich will dir viel Schmerzen schaffen, wann du schwanger wirst, und sollst nun mit Schmerzen Kinder gebären, und dein Wille soll deinem Manne unterworfen sein. Warum? Darum, er war aus des Mannes Willen entsprossen. Eva war der halbe Adam, als das Theil, darinnen sich Adam sollte lieben und schwängern; das ward ihm, als er nicht bestund, im Schlafe genommen, und in ein Weib formieret. Darum, als sie Adam sahe, sprach er: Man wird sie Männin heißen, darum dass sie vom Manne genommen ist.  

Die Menschen wären auf Erden nackend gegangen, denn das Himmlische drang durch das Äußere, und war sein Kleid; es stund in großer Schönheit, Freude und Lust, in einem kindlichen Gemüte. Er hätte auf magische Art gessen und getrunken, nicht in Leib, wie itzunder, sondern im Maule, da war die Scheidung, denn die Paradeisfrucht war auch also.  

Alles war zu seinem Spiel gemacht, kein Schlaf war in ihm, die Nacht war ihm als der Tag: denn er sah mit verklärten Augen in eigenem Lichte; der innere Mensch, als das innere Auge, sah durch das Äußere; gleichwie wir in jener Welt werden keiner Sonne dürfen, denn wir sehen im göttlichen Sehen, im Lichte der eigenen Natur. Keine Hitze noch Frost hätte sie gerüget, es wäre auch kein Winter auf Erden offenbar worden, denn im Paradeis war eine gleiche Temperanz.  

Die Tinctur der Erde war ihr Spiel, sie hätten alle Metalle zu ihrem Spiel gehabt, bis auf die Zeit, dass Gott hätte die äußere Welt verändert; keine Furcht noch Schrecken wäre in ihnen gewesen, auch kein Gesetz von etwas oder zu etwas, denn alles wäre ihnen frei gewesen. Adam wäre ihr Großfürst gewesen, und hätten in der Welt gelebet, und doch auch im Himmel in beiden Welten zugleich gewohnet; das Paradeis wäre durch die ganze Welt gewesen.  

Weil aber die göttliche Fürsichtigkeit wohl erkannte, dass Adam nicht bestehen würde, weil die Erde verderbet war durch ihren gehabten Fürsten, indem sich der Grimm Gottes hatte beweget, und das Wesen in eine Impression gefasset; so schuf Gott allerlei Früchte und Thiere, auch allerlei Arzneien für die künftigen Krankheiten der Menschen, darzu allerlei Speisen, dass der Mensch möchte in dieser Welt Nahrung haben, und auch Kleidung.  

Denn hatte beschlossen, einen andern Fürsten zu senden, durch welchen er den Menschen wollte von seiner Krankheit und Tode erlösen, und die Erde durchs Feuer Gottes bewähren und fegen, und wieder in das Heilige einführen, als sie war, da Lucifer ein Engel war, ehe sie in ein solch Geschöpf einging.  

Und war Adam nur in das göttliche Bild geschaffen, das ewig sein sollte; und obgleich im Grimm Gottes erkannt ward, dass der Mensch fallen würde, so war aber auch in Gottes Liebe der Wiedergebärer erkannt, dem diese Hierarchia sollte zum fürstlichen Besitz an Lucifers Stelle gegeben werden.  

Damit aber der Fall nicht aus göttlicher Verordnung herkäme, hat Gott den Menschen vollkommen und ins Paradeis geschaffen und eingeordnet, und ihm die falsche Lust verboten, welche der Teufel durch den Limum der Erde, in Adams äußerm Leibe, mit seiner falschen Imagination und Hungersbegierde erregte.  

Und ist Adam vor seiner Eva vierzig Tage im Paradeise gestanden in der Versuchung, ehe Gott das Weib aus ihm machte; so er wäre bestanden, so hätte ihn Gott zur Ewigkeit also bestätiget.  

Daß ich aber von den vierzig Tagen schreibe, wider der andern Scribenten Brauch, dessen haben wir Erkenntnis und Ursache, nicht allein durch Wahn, sondern aus anderer Wissene, dessen wir euch auch wollen Vorbilde zeigen, als 1) beim Mose, auf dem Berg Sinai, als ihm Gott das Gesetz gab; das geschahe in vierzig Tagen, und ward Israel versucht, ob sie wollten im göttlichen Gehorsam bleiben. Weil sie aber ein Kalb und Abgott machten, und von Gott abfielen, so musste Moses die ersten Tafeln des Gesetzes zerbrechen, deutet an den ersten Adam in göttlichem Gesetze, welcher davon abfiel: so ward ihm dasselbe abgebrochen, und fiel er in Zerbrechung seines Leibes, gleichwie Moses die Tafeln zerbrach, und wie Gott Mose eine andere Schrift auf eine Kugel gab.  

Welche andeutet den andern Adam (Christum), der den ersten sollte wiederbringen, und sein Gesetz wieder in seine Kugel des Herzens, als ins Leben, in die Menschheit einführen und einschreiben mit dem lebendigen Geiste in den süßen Namen Jesu. Also war auch das andere Gesetz geschrieben, wie Gottes Liebe wollte den Zorn zerbrechen, dessen der Bund im Gesetze ein Bild war, wie hernach soll gemeldet werden bei dem Mose.  

Die andere Figur Adams im Paradeis sind die vierzig Jahre in der Wüste, da Israel im Gesetze mit dem himmlischen Manna versuchet ward, obs Gott wollte gehorsam sein, dass ihrer der Zorn nicht also viel verschlänge.  

Die dritte Figur ist die wahre, als Adams harter Stand mit Christo in der Wüste, da er an Adams Stelle vor dem Teufel und Gottes Zorne bestund, da er vierzig Tage magisch gegessen, als vom Verbo Domini, in welchem Adam auch versuchet ward, ob er wollte gänzlich in Gottes Willen gelassen bleiben. Christus ward an Adams Stelle, in Adams Versuchung versucht, und mit allem demselben, darinnen Adam versuchet ward, wie hernach soll gemeldet werden.  

Die vierte Figur sind die vierzig Stunden Christi im Grabe, da er Adam aus seinem ersten Schlafe aufweckte. Die fünfte Figur sind die vierzig Tage Christi nach seiner Auferstehung in der letzten Probe, da die Menschheit am letzten versuchet ward, ob sie nun wollte bestehen, und ganz in Gott gelassen sein, weil der Tod war zerbrochen, und das innere menschliche Leben in Gott neugeboren worden.  

Diese fünf Figuren gehören in die fünf Gradus der Natur von der ersten Gestalt der Natur bis zur fünften, als zum heiligen Centro der Liebegeburt. So es nicht zu weitläufig sein wollte, wollten wir das klar darstellen; soll an seinem Orte gewiesen werden.  

Diese vierzig Tage ist Adam in seiner Unschuld in der Proba gestanden, ob er wollte und könnte bestehen, dem Lucifer seinen Stuhl zu besitzen, als ein Hiearcha und Fürst Gottes , welches, weil’s Gott erkannt hatte, dass es nicht sein würde, hatte er beschlossen, sich mit seiner tiefen Liebe in dieser adamischen englischen Bildnis des innern heiligen Menschen, welcher in Adam verblich, zu bewegen und ihn neu zu gebären, als in des Weibes Samen, verstehet in der Liebebegierde Samen, darinnen sich Adam sollte magisch schwängern und gebären. In demselben Samen war das verheißene Ziel des Bundes mit Christo gestellet, welcher des Engels Bild sollte wiederbringen, als den göttlichen Menschen, wie geschehen ist.  

Diese vierzig Tage ist Adam, als die Seele Adams, im Fleische zwischen drei Principien versuchet worden; denn ein jedes Principium zog die Seele im Fleische und wollte das Regiment haben; ein jedes wollte das Oberregiment haben.  

Das war die rechte Proba, was der freie Wille der Seelen tun würde, ob er wollte in göttlicher Harmonei bleiben, oder ob er wollte in die Selbheit eingehen: allhie ward er in Seele und Leib versuchet, und von allen drei Principien gezogen: ein jedes wollte sein Wunder mit ihm verbringen.  

Nicht dass die Principia in Adam wären in ungleichem Maaß und Gewichte gestanden: in ihm waren sie in gleichem Gewichte, aber außer ihm nicht; auch so war der Teufel in Gottes Zorne im ersten Principio geschäftig mit seiner falschen Begierde, und führete seine Imagination stets in die Seele und in das äußere Fleisch, als in den Limum der Erde, und in das erste Principium, als in die feurische Eigenschaft der Seele, in die ewige Natur ein, davon das erste Principium in der Seele beweget ward, sich in des Teufels Einbildung zu bespeculieren, als in der magischen Geburt zu beschauen, wie und was Böses und Gutes wäre, wie es in der Ungleichheit der Essenz schmeckte und wäre; davon die Lust in der Seele entstund.  

Als: im äußern Theil der Seele entstund die irdische Lust von der vielerlei Eigenschaft der Qual zu essen; und im innern feurischen Theil der Seele entstund die Hoffartslust, Böses und Gutes zu erkennen und zu probieren, wollen Gott gleich sein, wie der Teufel auch thut, da er wollte ein Künstler sein in der magischen Geburt, darnach Adam allhie auch lüsterte.  

Wiewohl Adam nicht begehrte das erste Principium zu probieren, wie Lucifer gethan hatte: denn seine Lust ging nur dahin, Böse und Gut zu schmecken und zu probieren, als die Eitelkeit der Erde; die äußere Seele ward erweckt, dass der Hunger in ihre Mutter einging, daraus sie war gezogen, und in eine andere Qual eingeführet worden.  

Und als derselbe Hunger in die Erde einging, von Böse und Gut zu essen, so zog die Begierde im Fiat den Versuchsbaum hervor, und stellete den Adam für; da kam das strenge Gebot von Gott, und sprach zu Adam: Du sollst nicht von diesem Baum der Erkenntnis Gutes und Böses essen; welches Tages du   wirst davon essen, sollst du des Todes sterben. Gen. 2,17.  

Und Adam aß auch nicht im Maule davon, allein mit der Imagination oder Begierde aß er davon; davon die himmlische Tinctur verblich, welche in einer feurischen Liebe stund, und wachte die irdische in der äußeren seelischen Eigenschaft auf, davon das Himmelsbild verdunkelt ward.  

So war es geschehen um die magische Geburt, und konnte nicht sein; obwohl Adam im Paradeis stund, so war es ihm doch kein Nutz; denn in der Imagination oder Hunger noch Gut und Böse, wachte der äußere Mensch in ihm auf, und bekam das Regiment; da fiel Adams schönes Bildnis in Unmacht, und nahete sich in die Ruhe von seiner Wirkung, denn die himmlische Tinctur ward in der irdischen Begierde gefangen: denn die äußere Begierde impressete ihr Wesen aus der Eitelkeit in sich, davon der Mensch verdunkelt ward, und seine hellen, steten Augen und Sehen verlor, als aus der göttlichen Essenz, aus welcher er hatte zuvorhin gesehen.

So spricht nun Moses, Gott habe gesprochen: Es ist nicht gut, dass dieser Mensch allein sei, wir wollen ihm eine Gehülfin machen, die um ihn sei. Gen. 2, 18. Als Gott hatte alle Kreaturen mit dem ganzen Geschöpfe geschaffen, spricht Mose: Und Gott sahe an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war alles sehr gut; und bestätigte alles zu seiner Fortpflanzung. Allhie aber saget er vom Menschen, es sei nicht gut, dass er allein sei, denn er sah seinen elenden Fall, dass er sich nicht könnte selber magisch fortpflanzen, und sprach: Wir wollen ihm eine Gehülfin machen.