01]
Nach dieser überaus tief und lebendig belehrenden Rede des Herrn bekam der
Lamech wieder Mut und sagte zum von ihm nun über alles geliebten Herrn:
02] »O Herr und allerheiligster Vater, wenn es
also ist, da will ich Dich ja fragen mein Leben lang, und es wird mir nicht mehr
bange werden, so Du, um mich zu demütigen, mir noch so tiefe Antworten darüber
erteilen möchtest!
03] Und so habe ich denn nun auch schon wieder
eine meines Erachtens gar tüchtige Frage in Bereitschaft! Willst Du, o Herr, sie
vernehmen, da möchte ich sie sogleich losgeben!«
04] Und der Herr sagte zu ihm ganz sanften
Tones: »Warum willst du denn allzeit eine dreifache Erlaubnis, bevor du dich zu
reden getraust?
05] Ich sage dir, rede! Denn in Meiner Rede habe
Ich es dir ja gesagt, daß du fragen kannst, um was du nur immer willst, und Ich
werde dich darüber erleuchten! Wozu sollte da noch eine zweite und dritte
Erlaubnis vonnöten sein?! Also rede, wie dir das Herz und die Zunge gewachsen
ist!«
06] Diese Worte öffneten dem Lamech völlig den
Mund, und er kam sogleich mit folgender Frage zum Vorschein und sprach:
07] »Herr, Du warst von Ewigkeit her vollkommen
und endlos überaus gut in Deinem Sein, und das durch Dein ganzes Wesen, und
außer Dir war ewig in Deiner ganzen Unendlichkeit nichts als nur Du allein.
08] Als Du aber wolltest Engel, Himmel und
Welten und Menschen erschaffen, da bedurftest Du keines Stoffes, sondern Dein
allmächtiger Wille, verbunden mit Deinen allerweisesten, heilig-erhabensten
Ideen und Gedanken, war allein allzeit und wird ewig sein der Grund Deiner
ganzen unendlichen Schöpfung.
09] Da ich mir aber doch unmöglich denken kann,
daß in Dir je eine arge Idee oder gar irgendein nur dem Anscheine nach böser
Gedanke stattgefunden hat, so möchte ich denn doch erfahren von Dir, woher denn
so ganz eigentlich das Böse des Satans und somit auch das Arge und Schlimme in
uns Menschen kam. Woher die Sünde, woher der Zorn, woher der Neid, woher die
Rache, woher die Herrschsucht, und woher die Hurerei?«
10] Und der Herr erwiderte darauf dem Lamech:
»Mein lieber Lamech, diese deine Frage klingt zwar wie eine großartig weise;
aber Ich sage dir: sie ist sehr menschlich!
11] Ich will dir aber dennoch eine Antwort
darauf geben und lösen deine Frage, obschon du heimlich meintest, Mir eine Frage
dadurch zu geben, mit deren Beantwortung es Mir Selbst ein wenig bedenklich
gehen möchte, und so höre denn:
12] In Meinem Angesichtsbündel gibt es durchaus
nichts Böses, sondern nur Unterschiede in der Wirkung Meines Willens; und dieser
ist in der Hölle wie im Himmel, im Schaffen wie im Zerstören gleich gut.
13] Aber im Angesichtsbündel der Geschöpfe ist
nur eines als gut zu betrachten und zu stellen, das heißt: der Verhältnisteil
der Bejahung allein nur ist als gut zu betrachten und zu stellen, unter dem das
Geschöpf bestehen kann neben Mir und in Mir, und das ist der erhaltende oder
stets schaffende Teil aus Mir, - der auflösende oder zerstörend herrschende
mächtige Teil aber als böse im Anbetrachte des Geschöpfes, weil es im selben
neben Mir und in Mir nicht als existierbar gedacht werden kann.
14] In Mir also ist das Ja wie das Nein gleich
gut; denn im Ja schaffe Ich, und im Nein ordne und leite Ich alles.
15] Aber fürs Geschöpf ist nur das Ja gut und
böse das Nein, und das so lange, bis es nicht völlig eins im Ja mit Mir geworden
ist, allwo es dann auch im Nein wird bestehen können.
16] Sonach gibt es für Mich keinen Satan und
keine Hölle, - wohl aber im Anbetrachte seiner selbst und der Menschen dieser
Erde, weil es sich hier um die Bildung Meiner Kinder handelt.
17] Es gibt noch zahllose andere Welten, auf
denen man den Satan nicht kennt und somit auch das Nein nicht sondern allein nur
das Ja in seinen Verhältnissen.
18] Siehe, so stehen die Dinge! Die Erde ist
eine Kinderstube, und so gibt es auf ihr auch allzeit viel Geschrei und blinden
Lärm; aber Ich schaue das mit anderen Augen als du, ein Mensch dieser Erde.
19] Verstehst du solches? - Rede wieviel davon
du verstehst! Amen.«