01]
Wir sind darin und erblicken hier in der Mitte dieses großen und prachtvollen
Saales ebenfalls wieder eine Sonnentafel und in deren Mitte mit rotleuchtender
Schrift geschrieben: »Dies ist dem ersten gleich, daß du deinen Nächsten liebest
wie dich selbst; darinnen ist das Gesetz und die Propheten.« - Da dürfte
sogleich jemand aufstehen und sagen: Wie soll das zu verstehen sein: den
Nächsten wie sich selbst lieben? Die Sichselbst- oder Eigenliebe ist ein Laster,
somit kann die gleichörmige Nächstenliebe doch auch nichts anderes als ein
Laster sein, indem die Nächstenliebe auf diese Weise die Selbst- oder Eigenliebe
ja offenbar als Grund aufstellt. Will ich als ein tugendhafter Mensch leben, so
darf ich mich nicht selbst lieben. Wenn ich mich aber nicht selbst lieben darf,
so darf ich ja auch den Nächsten nicht lieben, indem das Liebeverhältnis zum
Nächsten dem Eigenliebeverhältnisse als vollkommen gleichlautend entsprechen
soll. Demnach hieße ja »den Nächsten wie sich selbst lieben« den Nächsten gar
nicht lieben, weil man sich selbst auch nicht lieben soll.
02] Seht, das wäre schon so ein gewöhnlicher
Einwurf, dem zu begegnen freilich nicht gar zu schwer fallen dürfte. Indem eines
jeden Menschen Eigenliebe so viel als sein eigenes Leben selbst ausmacht, so
versteht sich in diesem Grade die natürliche Eigenliebe von selbst, denn keine
Eigenliebe haben, hieße so viel als kein Leben haben!
03] Es handelt sich hier demnach darum, den
Unterschied zwischen der gerechten und ungerechten Eigenliebe zu erkennen.
04] »Gerecht« ist die Eigenliebe, wenn sie nach
den Dingen der Welt kein größeres Verlangen hat, als was ihr das rechte Maß der
göttlichen Ordnung zugeteilt hat, welches Maß in dem siebenten, neunten und
zehnten Gebote hinreichend gezeigt wurde. Verlangt die Eigenliebe über dieses
Maß hinaus, so überschreitet sie die bestimmten Grenzen der göttlichen Ordnung
und ist beim ersten Übertritte schon als Sünde zu betrachten. Nach diesem
Maßstabe ist demnach auch die Nächstenliebe einzuteilen; denn so jemand einen
Bruder oder eine Schwester über dieses Maß hinaus liebt, so treibt er mit seinem
Bruder oder mit seiner Schwester Abgötterei und macht ihn dadurch nicht besser,
sondern schlechter.
05] Früchte solcher übermäßigen Nächstenliebe
sind zumeist alle die heutigen und allzeitigen Beherrscher der Völker. Wieso
denn? - Irgendein Volk hat einen aus seiner Mitte wegen seiner mehr glänzenden
Talente über das gerechte Maß hinaus geliebt, machte ihn zum Herrscher über sich
und mußte es sich hernach gefallen lassen, von ihm oder von seinen Nachkommen
für diese Untugend empfindlich gestraft zu werden.
06] Man wird hier sagen: Aber Könige und Fürsten
müssen ja doch sein, um die Völker zu leiten, und sie seien von Gott Selbst
eingesetzt. - Ich will dagegen nicht gerade verneinend auftreten, aber die Sache
beleuchten, wie sie ist und wie sie sein sollte, will ich hier bei dieser
Gelegenheit.
07] Was spricht der Herr zum israelitischen
Volke, als es einen König verlangte? Nichts anderes als: »Zu allen Sünden, die
dieses Volk vor Mir begangen hat, hat es auch die größte hinzugefügt, daß es,
mit Meiner Leitung unzufrieden, einen König verlangt.« - Aus diesem Satze läßt
sich, meine ich, hinreichend erschauen, daß die Könige von Gott aus dem Volke
nicht als Segen, sondern als ein Gericht gegeben werden.
08] Frage: Sind Könige notwendig an der Seite
Gottes zur Leitung der Menschheit? Diese Frage kann mit derselben Antwort
beantwortet werden wie eine andere Frage, welche also lautet: Hat der Herr bei
der Erschaffung der Welt und bei der Erschaffung des Menschen irgendeines
Helfers vonnöten gehabt?
09] Frage weiter: Welche Könige und Fürsten, zu
jeder Zeit wie gegenwärtig helfen dem Herrn, die Welten in ihrer Ordnung zu
erhalten und sie auf ihren Bahnen zu führen? Welchen Herzog braucht Er für die
Winde, welchen Fürsten für die Ausspendung des Lichtes und welchen König zur
Überwachung des unendlichen Welten- und Sonnenraumes? Vermag aber der Herr ohne
menschlich fürstliche und königliche Beihilfe den Orion zu gürten, dem Großen
Hunde seine Nahrung zu reichen und das große Welten- und Sonnenvolk in
unverrücktester Ordnung zu erhalten, sollte Er da wohl vonnöten haben, bei den
Menschen dieser Erde Könige und Fürsten einzusetzen, die Ihm in seinem Geschäfte
helfen sollten?
10] Gehen wir auf die Urgeschichte eines jeden
Volkes zurück und wir werden finden, daß ein jedes Volk uranfänglich eine rein
theokratische Verfassung hatte, das heißt, sie hatten keinen andern Herrn über
sich als Gott allein. Erst mit der Zeit, als hie und da Völker mit der höchst
freien und liberalsten Regierung Gottes unzufrieden wurden, weil es ihnen unter
solcher zu gut ging, da fingen sie an, sich gegenseitig übermäßig zu lieben. Und
gewöhnlich ward irgendein Mensch besonderer Taiente halber der allgemeinen Liebe
zum Preise. Man verlangte ihn zum Führer. Aber beim Führer blieb es nicht, denn
der Führer mußte Gesetze geben, die Gesetze mußten sanktioniert werden, und so
ward aus dem Führer ein Herr, ein Gebieter, ein Patriarch, dann ein Fürst, ein
König und ein Kaiser.
11] Also sind Kaiser, Könige und Fürsten von
Gott aus nie erwählt worden, sondern nur bestätigt zum Gerichte für diejenigen
Menschen, die zufolge ihres freien Willens solche Kaiser, Könige und Fürsten aus
ihrer Mitte erwählt hatten und ihnen alle Gewalt über sich eingeräumt haben.
12] Ich meine, es wird diese Beleuchtung
hinreichen, um einzusehen, daß jedes Übermaß sowohl der Eigen- als der
Nächstenliebe vor Gott ein Greuel ist.
13] Den Nächsten sonach wie sich selbst lieben
heißt: den Nächsten in der gegebenen göttlichen Ordnung lieben, also in jenem
gerechten Maße, welches von Gott aus einem jeden Menschen von Urbeginn an
zugeteilt ist. Wer solches noch nicht gründlich einsehen möchte, dem will ich
noch ein paar Beispiele hinzufügen, aus denen er klar ersehen kann, welche
Folgen das eine wie das andere Übermaß mit sich bringt.
14] Nehmen wir an, in irgendeinem Dorfe lebt ein
Millionär. Wird dieser das Dorf beglücken, oder wird er es ins Unglück stürzen?
Wir wollen sehen. Der Millionär sieht, daß es mit den öffentlichen Geldbanken
schwankt; was tut er? Er verkauft seine Obligationen und kauft dafür Realitäten,
Güter. Die Herrschaft, zu der er früher nur ein Untertan war, befindet sich wie
gewöhnlich in großen Geldnöten. Unser Millionär wird angegangen, der Herrschaft
Kapitalien zu leihen. Er tut es gegen gute Prozente und auf die sichere Hypothek
der Herrschaft selbst. Seine Nachbarn, die anderen Dorfbewohner, brauchen auch
Geld. Er leiht es ihnen ohne Anstand auf Grundbuch-Eintrag. Die Sache geht
etliche Jahre fort. Die Herrschaft wird immer unvermögender und die Dorfnachbarn
nicht wohlhabender. Was geschieht? Unser Millionär packt zuerst die Herrschaft,
und diese, nicht im Besitz eines Groschen Geldes mehr, muß sich auf Gnade und
Ungnade ergeben, bekommt höchstens aus lauter Großmut ein Reisegeld, und unser
Millionär wird Herrschaftsinhaber und zugleich Herr über seine ihm schuldenden
Nachbarn. Diese, weil sie ihm weder Kapital noch Interessen zu zahlen imstande
sind, werden bald abgeschätzt und gepfändet.
15] Hier haben wir die ganz natürliche Folge des
Glückes, welches ein Millionär oder ein Besitzer des Übermaßes der Eigenliebe
den Dorfbewohnem bereitet hat. Mehr braucht man darüber nicht zu sagen. - Gehen
wir aber auf den zweiten Fall über.
16] Es lebt irgendwo eine überaus dürftige
Familie. Sie hat kaum so viel, um ihr tägliches Leben kümmerlichst zu fristen.
Ein überaus reicher und auch selten wohltätiger Mann lernt diese arme, aber
sonst brave und schätzenswerte Familie kennen. Er, im Besitze von mehreren
Millionen, erbarmt sich dieser Familie und denkt bei sich: Ich will diese
Familie auf einmal wahrhaft zum Schlagtreffen glücklich machen. Ich will ihr
eine Herrschaft schenken und noch dazu ein ansehnliches Vermögen von einer
halben Million. Dabei will ich die Freude haben, zu sehen, wie sich die
Gesichter dieser armen Familie sonderlich aufheitern werden. - Er tut es, wie er
beschlossen. Eine ganze Woche lang werden in der Familie nichts als
Freudentränen vergossen, auch dem lieben Herrgott wird manches »Gott sei Dank«
entgegengesprochen.
17] Betrachten wir diese beglückte Familie aber
nur ungefähr ein Jahr später, und wir werden an ihr allen Luxus so gut
entdecken, als er nur immer in den Häusern der Reichen zu Hause ist. Diese
Familie wird zugleich auch hartherziger und wird sich nun an allen jenen geheim
zu rächen bemüht sein, die sie in ihrer Not nicht haben ansehen wollen. Das
»Gott sei Dank« wird verschwinden, aber dafür werden Equipage, livrierte
Bediente u.dgl.m. eingeführt.
18] Frage: Hat dieses große Übermaß der
Nächstenliebe dieser armen Familie genützt oder geschadet? Ich meine, hier
braucht man nicht viel Worte, sondern nur mit den Händen nach all dem Luxus zu
greifen, und man wird es auf ein Haar finden, welchen Nutzen diese Familie fürs
ewige Leben durch ein an ihr verübtes Übermaß der Nächstenliebe empfangen hat.
Aus dem aber wird ersichtlich, daß die Nächstenliebe sowie die Eigenliebe stets
in den Schranken des gerechten göttlichen Ordnungmaßes zu verbleiben hat.
19] Wenn der Mann sein Weib über die Gebühr
liebt, da wird er sie verderben. Sie wird eitel, wird sich hochschätzen und wird
daraus eine sogenannte Kokette. Der Mann wird kaum Hände genug haben, um überall
hinzugreifen, daß er die Anforderungen seines Weibes befriedigt.
20] Auch ein Bräutigam, wenn er seine Braut zu
sehr liebt, wird sie dreist und am Ende untreu machen.
21] Also ist das gerechte Maß der Liebe
allenthalben vonnöten. Dennoch aber besteht die Nächstenliebe in etwas ganz
anderem, als wir bis jetzt haben kennengelernt. - Worin aber innerer geistiger
Weise die Nächstenliebe besteht, das wollen wir im Verfolge dieser Mitteilung
klar erkennen lernen. -