01]
Sagte Ich: »Gott hat jedem Menschen einen vollkommen freien Willen gegeben und
einen Verstand und ein ihn mahnendes und allzeit zurechtweisendes Gewissen, ohne
welche drei Stücke der Mensch nur ein bloßes Tier wäre.
02] Dem Menschen aber ist zur Probe seines
freien Willens auch die Trägheit und die Eigenliebe angeboren in seinem
Fleische, in dem sich der Mensch auf dieser Welt am meisten behaglich fühlt.
03] Der Mensch aber soll aus eigener Kraft das
als ein Übel für seine Seele an sich erkennen und es mit den von Gott ihm
gegebenen Mitteln so lange fort bekämpfen, bis er ein vollendeter Meister über
alle seine leiblichen Leidenschaften geworden ist. Das kommt aber dem sinnlichen
und trägen Menschen zu unbequem und unbehaglich vor; er läßt sich lieber von
seinen wachsenden sinnlichen Leidenschaften so fest als nur immer möglich
umstricken und zieht dadurch Tausende nach, weil es auch ihrem Fleische wohltut,
sich in aller Trägheit und ihrer Wollust zu baden.
04] Aber was ist von dem die arge Folge? Die
Seele, statt sich aus den Banden der Materie auf dem Wege der von Gott ihr
angeratenen rechten Tätigkeit loszumachen und am Ende sogar ihr Materielles zu
vergeistigen und wahrhaft zu beleben, begibt sich nur stets tiefer und tiefer in
den Tod ihrer Materie.
05] Wenn das bei den Menschen einmal zu
allgemein zu werden beginnt, so erbarmt sich Gott der Menschen und sendet stets
zur rechten Zeit Wecker unter die trägen Menschen. Wenn diese aber dann ihr Werk
beginnen, so werden die vielen Trägen über die Wecker toll, fallen über sie her
und mißhandeln sie und erwürgen sie gar in ihrer blinden Wut, damit sie dann
wieder in ihrer ihrem Fleische so wohltuenden Trägheit fortschlafen können.
06] Weil aber Gott eben die Menschen nur fürs
ewige Leben und nicht für den ewigen Tod erschaffen hat, so läßt Er auch nicht
ab, den trägen und sinnlichen Menschen fort und fort allerlei Wecker zukommen zu
lassen, damit sie, die trägen Menschen nämlich, sich aufrichten möchten zur
wahren, die Seele belebenden Tätigkeit.
07] Werden die mahnenden Propheten nicht
angehört, sondern nur verfolgt, so sendet dann Gott bald andere und schärfere
Wecker wie Mißwachs, Teuerung, Kriege, Hungersnot und Pestilenz und noch gar
manche andern Plagen.
08] Bekehren sich die Menschen und werden wieder
tätig nach dem göttlichen Rate, dann nimmt Gott bald wieder die Plagen von den
Menschen; kehren sich aber die Menschen nicht daran, so hat dann Gott schon noch
große Wecker im Vorrate, und diese sehen dann aus wie die Sündflut Noahs und die
Zerstörung von Sodom und Gomorra!
09] Wenn ihr in euren Sünden also fortbeharret,
bis das gegebene Maß voll wird, dann werdet auch ihr die letzten großen und
erschrecklichen Wecker ehest zu gewärtigen haben. Ich habe euch das nun gesagt,
auf daß ihr, wenn es über euch kommen wird, euch Meiner Worte wohl erinnern
möget.«
10] Sagten die beiden: »Was tun wir denn Arges,
daß darum über uns so etwas kommen sollte?«
11] Sagte Ich: »Was ihr tut und noch allzeit
getan habt, das werde Ich euch nun sogleich in einem Gleichnisse dartun, - und
so höret Mich!
• mt.21,33] a »Hört
ein anderes Gleichnis: Es war ein Hausvater, der b pflanzte einen
Weinberg und führte einen Zaun darum und grub eine Kelter darin und baute einen
Turm und übergab ihn den Weingärtnern und zog übers Land.
{a =mk.12,01; =lk.20,09; jes.05,01 ff.;
jl.ev07.193,12}
12] a Es war ein weiser Hausvater,
der b pflanzte einen Weinberg und führte einen festen Zaun um ihn;
dazu grub er eine Kelter und baute einen festen Turm darüber, in dem gar viele
Menschen wohnen konnten. Als das alles beendet war, da übergab er alles den
Weingärtnern, nachdem sie ihm zuvor Treue, Aufrichtigkeit und Fleiß und Eifer
versprochen und er ihnen einen gar guten Lohn ausgesetzt hatte, mit dem die
Weingärtner sich sehr zufriedenstellten. Und der Hausvater, da er noch gar viele
anderartige Geschäfte hatte, konnte ganz ruhig über Land ziehen, da er alles in
der besten Ordnung bestellt hatte. {a mt.21,33*;
=mk.12,01; =lk.20,09; b jes.05,01 ff.;}
• mt.21,34] a Als
nun herbeikam die Zeit der Früchte, sandte er seine Knechte zu den Weingärtnern,
daß sie seine Früchte empfingen. {a =mk.12,02;
=lk.20,10; jl.ev07.193,13a}
13a] a Als dann herbeikam die Zeit
der Ernte, da sandte der Hausvater seine Knechte (Propheten und Lehrer) hin, auf
daß sie in Empfang nähmen die Früchte des Weinberges.
{a mt.21,34*; =mk.12,02; =lk.20,10}
• mt.21,35] a Da
nahmen die Weingärtner seine Knechte: den einen stäupten sie, den anderen
töteten sie, den dritten steinigten sie. {a =mk.12,03-04;
=lk.20,11-12; jl.ev07.193,13b}
13b] Als aber die Weingärtner, die dem
Hausvater alle Treue und Aufrichtigkeit und allen Fleiß und Eifer versprochen
hatten, die Knechte ersahen, da berieten sie sich also untereinander und sagten:
'Ei was, wir sind unser viele und werden mit den wenigen Knechten des Herrn bald
fertig werden und werden die Ernte fein unter uns verteilen!' Damit waren alle
die bösen Weingärtner einverstanden, a und sie ergriffen die Knechte,
die vom Herrn gesandt waren, die Früchte in Empfang zu nehmen. Den einen
stäupten sie, den andern töteten sie, und den dritten steinigten sie.
{a mt.21,35*; =mk.12,03-04; =lk.20,11-12}
• mt.21,36] a Abermals
sandte er andere Knechte, mehr als es von den ersten waren; und sie taten mit
ihnen dasselbe. {a =mk.12,05; =lk.20,12;
jl.ev07.193,14}
14] Als das vor den Hausvater kam, da ward er
voll Ärgers und a sandte abermals Knechte hin, aber in einer größeren
Anzahl, als da war die der ersten. Und seht, die Weingärtner überwältigten auch
diese und taten mit ihnen, was sie mit den ersten getan hatten.
{a mt.21,36*; =mk.12,05; =lk.20,12}
• mt.21,37] a Danach
sandte er seinen Sohn zu ihnen und sprach: »Sie werden sich vor meinem Sohn
scheuen.« {a =mk.12,06; =lk.20,13;
jl.ev07.193,15}
15] Als auch das vor den Hausvater kam, da ward
er ordentlich traurig und gedachte bei sich, ob er mit seinen Weingärtnern ein
strenges Gericht halten solle, oder ob er infolge seiner großen Güte und Geduld
noch einmal versuchen solle, seine Weingärtner zur freiwilligen Herausgabe
seiner Früchte aufzufordern. Da gedachte er bei sich und sprach: 'Ich weiß, was
ich tun werde! a Ich werde meinen einzigen Sohn dahin entsenden! Vor
diesem werden sie sich scheuen und werden tun nach seinem gerechtesten
Verlangen!' {a mt.21,37*; =mk.12,06;
=lk.20,13}
• mt.21,38] a Als
aber die Weingärtner den Sohn sahen, sprachen sie untereinander: »Das ist der
Erbe; kommt, laßt uns ihn töten und sein Erbgut an uns bringen!« a {a =mk.12,07;
=lk.20,14; mt.26,03-05; joh.01,11; jl.ev07.193,16a}
16a] a Als aber die Weingärtner den
Sohn ersahen, da sprachen sie untereinander: 'Das ist der Erbe! Kommt und laßt
uns auch den töten, und wir bringen dadurch sein Erbgut an uns!'
{a mt.21,38*; =mk.12,07; =lk.20,14; mt.26,03-05;
joh.01,11}
• mt.21,39] a Und
sie nahmen ihn und stießen ihn zum Weinberg hinaus und töteten ihn.
{a =mk.12,08; =lk.20,15; jl.ev07.193,16a;
39-40: LJ.VatB.392}
16b] a Und sie ergriffen ihn,
stießen ihn zum Weinberge hinaus und töteten ihn daselbst.
{a mt.21,39*; =mk.12,08; =lk.20,15}
• mt.21,40] a Wenn
nun der Herr des Weinbergs kommen wird, was wird er diesen Weingärtnern tun?
{a =mk.12,09; =lk.20,15; jl.ev07.193,17}
17] Was meinet ihr nun: a Was wird
der Herr des Weinberges, wenn er darauf selbst, mit großer Macht begleitet, zu
den bösen Weingärtnern kommen wird, ihnen wohl tun?«
{a mt.21,40*; =mk.12,09; =lk.20,15}
• mt.21,41] a Sie
antworteten ihm: »Er wird die Bösewichter übel umbringen und seinen Weinberg
andern Weingärtnern anvertrauen, die ihm die Früchte zur rechten Zeit geben.«
{a =mk.12,09; =lk.20,16;
jl.ev07.193,18-19}
18] a Da sagten die beiden: »Er wird
die Bösewichter alle übel umbringen und seinen Weinberg sicher andern
Weingärtnern anvertrauen, die ihm die Früchte zur rechten Zeit ausliefern
werden!« {a mt.21,41*; =mk.12,09;
=lk.20,16}
19]
Sagte Ich: »Da habt ihr nun ganz wahr und gut geurteilt; aber wisset ihr auch,
daß unter dem Weinberge die Kirche zu verstehen ist, die Gott als der besagte
Hausvater durch Moses gegründet hat, daß ihr Priester die euch nun gezeigten
argen Weingärtner seid, daß die Knechte die vielen Propheten sind, die Gott zu
euch gesandt hat, und daß nun eben Ich der Erbe des Vaters bin, über den ihr nun
Tag für Tag Rat haltet, wie ihr ihn ergreifen, aus seinem Eigentum hinausstoßen
und auch töten könntet, auf daß ihr dann ganz unbeirrt auf seinem Throne
herrschen könntet und des Weinbergs Früchte unter euch teilen?«
20] Sagten darauf die beiden: »Wo sind denn
hernach die, welche dich, wenn du wahrhaft der Erbe bist, zu töten trachten? Wir
sind nicht hierher gekommen, um dich nun zu ergreifen und zu töten, sondern wir
sind gekommen, um dich ernstlich zu erforschen, ob du wohl der vollen Wahrheit
nach derjenige bist, der uns verheißen ward. Wir müssen da an der Schwelle der
alten Kirchentüre Wache halten, damit nicht etwa auch in dieser wundersüchtigen
Zeit, in der die Essäer und auch andere Magier ihre gute Ernte halten, sich ein
falscher Christus einschleiche und das leichtgläubige und blinde Volk mit seinen
falschen Lehren und Wundertaten berücke und verführe. Wer demnach nicht vor uns
die Feuerprobe besteht, der ist ein Eindringling und ein Betrüger, und wir haben
das Recht, ihn zu ergreifen und hinauszustoßen.
21] Wenn du der wahre Christ bist, - warum
ärgert es dich denn, so wir dich vor dem Volke erproben? Finden wir, daß an dir
kein wie immer gearteter Betrug haftet, so werden wir dich auch allem Volke als
den vorstellen, als den du dich uns selbst vorstellst; erkennen wir aber mit
unserem Scharfsinn, daß du dich nur selbst zu etwas machst - etwa auf Kosten
deiner geheimen Zauberei - , so liegt uns die von Gott auferlegte Pflicht ob,
dich als einen Betrüger und Gotteslästerer hinauszustoßen und nach dem Gesetze
zu bestrafen. Wenn wir aber also handeln, wie kannst du uns da mit den argen
Weingärtnern in einen Vergleich stellen und uns dadurch vor allem Volke
verdächtigen?«
22] Sagte Ich: »Weil Ich dazu allen Grund habe
und Mich vor euch nicht fürchte! Ich will euch aber den Grund noch näher
bezeichnen: Wie ihr nun seid, und wie ihr euch gebärdet, also war es auch schon
seit sehr lange her der gleiche Fall. Auch diese (eure Vorgänger) hielten sich
stets für die völlig rechtmäßigen Wächter und Bearbeiter des Weinberges Gottes;
allein, wo und wie sie arbeiteten, da behielten sie die Früchte für sich und
haben das Gesetz Gottes verkehrt und gar vertauscht mit einem weltlichen Gesetze
zu ihrem diesweltlichen Besten.
23] Da sandte Gott die Propheten zu ihnen, und
sie verfolgten sie mit Feuer und Schwert, indem sie vor dem Volke dieselben
stets für falsche Propheten erklärten und jeden Menschen für einen Frevler und
Gotteslästerer, der der Propheten Lehre annahm und danach lebte.
24] Hundert Jahre später erst wurden die von
ihren zeitgenössischen Priestern verfolgten Propheten als wahre Propheten
anerkannt, und es wurden ihnen Denkmäler errichtet, die ihr nun noch heutzutage
aus lauter scheinbarer Ehrfurcht alljährlich a übertünchet; aber an
ihr, der Propheten, Wort glaubet ihr heute ebensowenig, wie ihre
zeitgenössischen Priester ihnen geglaubt haben. Und wie sie die alten Propheten
verfolgt haben, so auch verfolget ihr die heute zu euch gesandten Propheten,
erkläret sie für falsche, stoßet sie hinaus und tötet sie!
{a mt.23,27}
25] So ihr das aber tuet - was ihr nicht leugnen
könnet - , habe Ich da nicht recht, euch für jene argen Weingärtner zu erklären,
die nach eurem Urteil der Herr des Weinberges bald gar übel umbringen wird?!
Wächter seid ihr wohl, aber gleich jener räuberischen Art, die vor einer
Räuberhöhle Wache halten!
26] Was kümmert euch das Wohlgefallen Gottes, an
den ihr noch nie geglaubt habt? Euch kümmert nur eure Weltehre, weil sie euch
viel Gold, Silber und viele Edelsteine und dazu noch das Erste und Beste von
allem, was das Land erzeugt und trägt, abwirft. Denn glaubtet ihr an Gott, so
hieltet ihr auch Seine Gesetze, in welchen steht: a 'Du sollst nicht
verlangen, was deines Nächsten ist!' und: b 'Du sollst nicht töten!'
Ihr aber verlanget und nehmet gleich schon alles, was eures Nächsten ist, das er
sich im Schweiße seines Angesichtes erworben hat. Wer euch aber das Verlangte
nicht geben will, den verfolget ihr ärger denn hungrige Wölfe ein Lamm, und wer
euch als von Gott erweckt ermahnt, daß ihr unrecht handelt, den ergreifet ihr
alsbald und tötet ihn. {a Ex.20,17;
b Ex.20,13}
27] Daß ihr aber also und nicht anders handelt,
das weiß nicht nur Ich, sondern das weiß nun schon ein jeder Mensch und weint
und klagt über eure rücksichtsloseste Härte. a Ihr leget den armen
Menschen unerträgliche Lasten auf; ihr selbst aber rühret sie nicht mit einem
Finger an! {a mt.23,04; lk.11,46}
28] Saget es hier dem Volke, ob euch zu solch
einer frechsten und gewissenlosesten Gebarung je Moses oder ein anderer Prophet
ein Gesetz gegeben hat! Wo steht es geschrieben, daß ihr die Habe der Witwen und
Waisen gegen verheißene lange Gebete an euch bringen dürfet, und wann hat Moses
befohlen, wahrhafte Propheten für falsche zu erklären und sie zu verfolgen und
zu töten?!
29] Wenn ihr aber alles das tuet - was ihr
nimmer leugnen könnet - , so ist es doch klar am Tage vor aller Welt, daß eben
ihr die argen Weingärtner seid, von denen Ich geredet habe!«
30] Hier wurden die zwei Pharisäer samt den
andern gar sehr aufgebracht, daß Ich ihnen solches vorhielt, und alles Volk
sagte: »Ja, ja, der redet die vollste und nackteste Wahrheit! Ganz also ist es
und nicht um ein Haar anders!«
31] Als das Volk solches laut aussprach, da
sagten die beiden gar drohenden Angesichtes: a »Sage uns, wer du denn
bist, daß du es wagst, uns solches vor dem Volke ins Gesicht zu sagen! Kennst du
unsere Rechte und unsere Gewalt nicht? Wie lange willst du unsere Geduld noch
auf die Probe stellen?« {a mt.21,23}
32] Sagte Ich: »Ich bin nun Der, der Ich mit
euch rede; dann habe Ich wahrlich nicht die allergeringste Furcht vor eurer
Gewalt, weil euer eingebildetes Recht vor Gott und allen ehrlichen Menschen das
höchste Unrecht ist. Was aber die Geduld betrifft, so hättet ihr wohl füglich
fragen sollen, wie lange Ich mit euch noch eben die Geduld haben soll, die ihr
mit Mir zu haben wähnet; denn a Mir ist alle Gewalt und Macht gegeben
im Himmel und auf Erden. Mein Wille kann euch verderben und werfen in das Feuer
Meines Zornes; ihr aber könnet Mir nichts tun, indem Ich euch um vieles eher
verderben kann, als ihr es vermöchtet, an Mich nur einen Finger zu legen. Ja, so
Ich es zulassen werde eurer zu großen Bosheit wegen, daß ihr eure schnöden Hände
an Mich leget, dann auch ist der Tag eures Gerichtes und eures Unterganges
herbeigekommen!« {a mt.28,18}