01]
Hier trat wieder einer der zu Emmaus bekehrten Pharisäer, der ein
Schriftgelehrter war, auf und sagte: »Herr und Meister! Wir wissen nun wohl, was
es mit den Besessenen der Wahrheit nach für eine Bewandtnis hat, und wer im
Grunde die argen Geister sind, von denen hie und da eine Menschennatur in Besitz
genommen wird; aber es wird in der Schrift dennoch von den wirklichen,
urerzbösen Teufeln und von ihrem Fürsten, dem Satan, sehr augenfällig gesprochen
und auch gesagt, daß der Satan, auch Luzifer genannt, und eine zahllose Menge
der nach ihm sich gerichtet habenden Engel von Gott verstoßen und ins ewige
Höllenfeuer verworfen worden sind.
02] Also steht es auch geschrieben, wie eben der
Satan in der Gestalt einer Schlange die ersten Menschen zum Falle brachte, und
wie Gott durch ihn den frommen Hiob versuchen ließ.
03] Was hat es nun nach Deiner neuen Lehre mit
dem Satan und mit seinen ihm untergeordneten Teufeln für eine Bewandtnis? Wer
und wo ist der Satan, und wer und wo sind die Teufel?
04] Wenn es uns schon von Dir aus gegönnt ist,
das gesamte Geheimnis des Gottesreiches zu verstehen, so müssen wir auch in
dieser Sache im klaren sein, und Du wolle uns großgnädig darüber eine
verständliche Aufklärung geben!«
05] Sagte Ich: »Darüber ist von Mir schon vieles
gesagt und erklärt worden, und Meine älteren Jünger wissen es, woran sie sind;
aber da du bei Mir noch ein Neuling bist, so magst du wohl danach fragen, was
dir noch nicht verkündet ward, und so magst du Mich vernehmen!
06] Sieh, was der endlose Raum als eine Materie
in sich faßt, das ist gerichtet und dadurch gefestet durch die Macht des Willens
Gottes! Wenn es nicht also wäre, da befände sich keine Sonne, kein Mond, keine
Erde und gar keine Kreatur im ganzen endlosesten Raume; nur Gott allein bestünde
in der Anschauung Seiner großen Gedanken und Ideen.
07] Gott aber hat schon von Ewigkeit her Seine
Gedanken wie gleichsam aus Sich hinausgestellt und sie verkörpert durch Seinen
allmächtigen Willen. Diese verkörperten Gedanken und Ideen Gottes aber sind
dennoch keine so ganz eigentlichen Körper, sondern sie sind gerichtetes
Geistiges und Gefäße zur Ausreifung für ein selbständiges Sein. Es sind das
sonach Geschöpfe, bestimmt, wie aus sich und aus eigener Kraft neben Mir, dem
ihnen sichtbaren Schöpfer, für ewig fortzubestehen.
08] Alle Kreatur als ein gerichtetes Geistiges
ist gegen das schon Rein- und Freigeistige noch unrein, unreif, daher noch nicht
gut, und kann dem reingeistig Guten gegenüber als an und für sich noch schlecht
und böse angesehen werden.
09] Verstehe sonach unter "Satan" im allgemeinen
die ganze materielle Schöpfung und unter "Teufel" das getrennte Spezielle
derselben.
10] Wenn ein Mensch auf dieser Welt nach dem
erkannten Willen Gottes lebt, so erhebt er sich dadurch aus der geschöpflichen
Gefangenheit und geht in die ungeschöpfliche Freiheit Gottes über.
11] Ein Mensch aber, der an einen Gott nicht
glauben und darum auch nicht handeln will nach dessen den Menschen geoffenbarten
Willen, versenkt sich dann stets mehr und mehr und tiefer und tiefer in das
geschaffene Materielle und wird geistig unrein, schlecht und gerichtet böse und
somit ein Teufel; denn alles pur Geschaffene und Gerichtete ist, wie schon
gezeigt, dem ungeschaffenen Rein- und Freigeistigen gegenüber unrein, schlecht
und böse, nicht aber etwa darum, als hätte Gott aus Sich je etwas Unreines,
Schlechtes und Böses erschaffen können, sondern nur in und für sich darum, weil
es erstens des Daseins wegen notwendig ein Geschaffenes sein muß, begabt mit
Intelligenz und Tatkraft und im Menschen auch mit freiem Willen, und zweitens,
weil es in sich das geschaffen Gegebene, um zur möglichen Selbständigkeit zu
gelangen, selbsttätig zu verwenden und wie in sein Eigentümliches zu verkehren
hat.
12] Vor Gott aber gibt es nichts Unreines,
nichts Schlechtes und nichts Böses; denn Dem Reinen ist alles rein, und alles
ist gut, was Gott geschaffen hat, und Gott gegenüber gibt es denn auch keinen
Satan, keinen Teufel und somit auch keine Hölle. Nur das Geschaffene in und für
sich ist alles das so lange, als es ein Geschaffenes und Gerichtetes zu
verbleiben hat und endlich im Besitze des freien Willens, ob gut oder böse,
verbleiben will.
13] Wenn es denn in der Schrift heißt, daß Satan
in der Gestalt einer Schlange das erste Menschenpaar verführt habe, so will das
soviel sagen als: Das erste Menschenpaar, das Gott und Seinen Willen wohl
kannte, hatte sich von der Anmut der materiellen Welt bestechen lassen, und
ihres gerichteten Fleisches Begehren und Stimme sagte: "Wir wollen sehen, was
daraus wird, so wir einmal dem wohlerkannten Willen Gottes zuwiderhandeln! Denn
Gott Selbst hat uns das Handeln freigestellt; wir können dadurch an unserer
Erkenntnis ja nichts verlieren, sondern nur gewinnen. Denn Gott weiß es sicher,
was uns durch ein freies Handeln werden kann, wir aber wissen es nicht; darum
handeln wir einmal nur nach unserem Sinn, und wir werden dann durch die
Erfahrung auch das wissen, was nun Gott allein weiß!"
14] Und siehe, also aßen die beiden von dem
verbotenen Baume der Erkenntnis auf dem Wege der selbst machen wollenden
Erfahrung und versanken dadurch um einen Grad tiefer in ihr gerichtetes
Materielles, das dem freien Geistleben gegenüber auch "der Tod" genannt werden
kann.
15] Sie erkannten darauf wohl, daß in ihrem
Fleische das Mußgericht und der Tod daheim ist, der bei der steigenden Weltliebe
auch die freie Seele in sein Gericht und in seine Unfreiheit begraben kann, und
so verloren sie denn auch das reine Paradies, das in der vollen Einung der Seele
mit ihrem Geiste bestand, und mochten aus sich heraus dasselbe wohl nicht völlig
wiederfinden; denn ihre Seele war vom Stachel der Materie verletzt worden und
hatte dann viel zu tun, um sich noch so frei als möglich über dem Gerichte des
geschaffenen Muß zu erhalten, wie das nun bei allen Menschen der Fall ist, - und
Ich bin darum in diese Welt gekommen, um den Menschen wieder den wahren
Lebensweg zu zeigen und das verlorene Paradies durch Meine Lehre wiederzugeben.
16] Also ist es auch bei Hiob der Fall. Hiob war
ein irdisch äußerst glücklicher Mann und hatte viele Güter. Er war aber auch ein
weiser und Gott sehr ergebener Mensch, der strenge nach dem Gesetze lebte. Sein
außerordentlicher Wohlstand machte aber dennoch sein Fleisch mehr und mehr
begierlich und machte große Anforderungen an den Geist in ihm.
17] Der gerichtete Geist des Fleisches sagte
gewisserart zur Seele: "Ich will denn doch sehen, ob ich dich durch alle meine
irdischen Freuden und Leiden von deinem Gott nicht abziehen, dich in deiner
Geduld nicht ermüden und nicht in mein Mußgericht setzen kann!"
18] Da kostete es Hiob einen mächtigen Kampf;
denn einerseits standen ihm alle irdischen Freuden zu Gebote, die er zwar genoß,
aber dieselben übten über seine Seele dennoch keine Herrschaft aus, und sie
blieb mit dem Geiste im Verbande.
19] Da aber der arge Geist der Materie mit der
Seele auf diese Art nichts ausrichtete, so ward die Seele Hiobs durch allerlei
körperliche Unannehmlichkeiten versucht, die bildlich im Buche dargestellt sind.
Aber Hiob bestand sie alle mit Geduld, obschon er hie und da murrte und über
seine Not klagte, aber am Ende dennoch allzeit offen bekannte, daß ihm Gott
zuvor alles gegeben, nun weggenommen und ihm wiedergeben könne, und das noch
mehr, als Er ihm genommen hatte wegen der Vollstärkung der Seele im Geiste.
20] Wenn aber also, wer war dann der Satan, der
den frommen Hiob so sehr versuchte? Es was der gerichtete Geist seines
Fleisches, das heißt dessen verschiedenartige Begierlichkeiten!
21] Aber einen gewissen persönlichen Ursatan und
persönliche Urteufel hat es in der Wirklichkeit niemals woanders gegeben als nur
in der gerichteten Weltmaterie aller Art und Gattung. Daß aber der Satan und die
Teufel von den alten Weisen unter allerlei Schreckensbildern dargestellt wurden,
hat den Grund darin, damit die Seele unter allerlei argen Formen sich einen
Begriff bilde, welch eine Not ein freies Leben zu erleiden hat, so es sich
wieder von dem Gerichte der Materie gefangennehmen läßt.«