Zweite Zugabe

Was ist  Geistiges ?

Nachdem im Gymnasium das Problem der Seele besprochen und gelöst war, sah ich die Versammelten in Ordnung heraustreten, an ihrer Spitze der Oberlehrer, nach diesem die Älteren, in deren Mitte die fünf Jünglinge, welche geantwortet hatten, und so fort die übrige Gesellschaft; und im Herausgehen machten sie sich seitwärts um das Haus her, wo sich Lustgänge, mit Gesträucherwerk besetzt, fanden; und nachdem sie hier zusammengetreten, teilten sie sich in kleine Haufen von ebensovielen Jünglingsvereinen zur Besprechung von Gegenständen der Weisheit; je in der Mitte eines jeden Vereins war ein Weiser vom Hochsitz. Als ich sie von meinem Rastort aus erblickte, wurde ich in den Geist versetzt, und im Geiste befindlich trat ich hinaus zu ihnen, und ging auf den Oberlehrer zu, der eben das Problem der Seele in Frage gestellt hatte. Als dieser mich erblickte, sprach er: "Wer bist du ? Es fiel mir auf, während ich dich auf dem Wege herankommen sah, daß ich dich bald ansichtig ward, bald wieder nicht, oder daß du mir jetzt sichtbar warst, und plötzlich wieder nicht; gewiß bist du nicht im Lebenszustande von uns Anderen." Mit Lächeln erwiderte ich hierauf: "Ich bin kein Tausendkünstler, noch Meister Rübezahl, sondern ich bin zwiefältig, bald für euch in eurem Licht, und bald für euch in eurem Dunkel, so denn fremd und auch einheimisch." Bei diesen Worten betrachtete mich der Oberlehrer und sprach: "Du redest seltsame und wunderbare Dinge; sag an, wer bist du?"  Und ich sagte: "Ich bin auf der Welt, worauf ihr waret und die ihr verlassen habt, sie heißt die naturmäßige Welt; und ich bin auch in der Welt, in der ihr kamet und in der ihr seid, die geistige Welt genannt; daher kommt, daß ich in naturmäigem Zustand, und zugleich auch in geistigem Zustand bin; in naturmäßigem Zustand mit Menschen des Erdballs, und in geistigem Zustand mit euch; und bin ich im naturmäßigem Zustand, so bin ich für euch unsichtbar, bin ich aber im geistigen Zustand, so bin ich sichtbar; daß ich so arte, ist mir verliehen vom Herrn. Dir, geehrter Mann, ist bekannt, daß der Mensch der naturmäßigen Welt nicht erblickt den Menschen der geistigen Welt, und auch nicht umgekehrt; versetze ich denn meinen Geist in den Leib, so sahst du mich nicht, versetze ich ihn aber aus dem Körper heraus, so sahst du mich: lehrest du doch auch bei der neulichen Erörterung, ihr seiet Seelen, und Seelen erblickten Seelen, weil sie sind Menschenformen; und du weißt, daß ihr nicht sahet euch, oder eure Seelen, in euren Körpern, da ihr in der naturmäßigen Welt waret; diese Erscheinung aber hat ihren Grund in dem Untetrschied, welcher zwischen dem Geistigen und Naturmäßigen besteht." - Dieser, da er vom Unterschied zwischen Geistigem und Naturmäßigem hörte, sprach: "was ist für ein Unterschied; ist´s nicht der wie zwischen Reinerem und Minderreinem, was wäre denn das Geistige anders, als ein geläutertes Naturmäßiges?" - "Nicht dies ist der Unterschied," erwiderte ich, "sondern es ist der wie zwischen Vorgehendem und Nachgehendem, zwischen welch´ beiden kein geschiedenes Verhalten besteht; Vorgehendes nämlich ist in Nachgehendem, wie Ursache in ihrer Wirkung, Nachgehendes aber ist aus Vorgehendem, wie Wirkung aus ihrer Ursache; darin ist der Grund, warum das eine für das andere nicht zur Erscheinung kommt." Darauf entgegnete der Oberlehrer: "Ich sinne und sinne wieder über diesen Unterschied, doch bis jetzt erfolglos; möchte ich ihn doch inne werden." "Du sollst", sprach ich, " nicht nur inne werden den Unterschied zwischen dem Geistigen und dem Naturmäßigen, sondern auch schauen; du bist", fügte ich nun weiter bei, " in geistigem Zustand, während du bei den Deinen bist, in naturmäßigem Zustand aber bei mir, denn du sprichst mit den Deinen in der geistigen Sprache, welche gemeinsam ist für jeden Geist und Engel, mit mir aber redest du in meiner Muttersprache; ein jeder Geist und Engel nämlich redet, wenn er mit einem Menschen spricht, dessen eigene Sprache, so mit dem Franzosen französisch, mit dem Engländer englisch, mit dem Araber arabisch und so fort; damit du denn den Unterschied erkennest zwischen dem Geistigen und dem Naturmäßigen, machen wir es so: du gehst hinein zu den Deinigen, sprichst etwas da, behältst die Wörter, kommst, mit diesen im Gedächtnis, wieder zu mir heraus und sagst sofort die Wörter wieder her"; - er tat so, kam, die Wörter im Munde, zu mir zurück, sprach sie her, und verstand auch nicht eines davon, denn es waren völlig fremde und fremdklingende Wörter, die sich in keiner Sprache der naturmäßigen Welt finden; durch diesen Erfahrungsbeleg, den wir etlichemale wiederholten, gab sich klar zu Tag, daß in der geistigen Welt Alle die geistige Sprache haben, die nichts Gemeines mit irgend einer Sprache der naturmäßigen Welt hat, und daß jeglicher Mensch in diese Sprache nach seinem Hinscheiden von selbst eintritt; zugleich auch überzeugte er sich, daß schon der Klang der geistigen Sprache sich so sehr unterscheidet, daß ein geistiger Klang, auch noch so stark angestimmt, platterdings nicht vernommen wird von einem naturmäßigen Menschen, noch ein naturmäiger Klang von einem geistigen Menschen. Sofort bat ich den Oberlehrer und die Umstehenden, sie möchten zu den Ihrigen hineingehen, irgend einen Satz auf Papier niederschreiben, dann mit dem Papier zu mir herauskommen und den Satz ablesen; sie taten so, und kehrten mit dem Papier in der Hand wieder; da sie aber lasen, konnten sie lediglich nichts verstehen, weil die Schrift nur aus einigen Buchstaben des Alphabets bestand mit Schriftzügen darüber, deren jeder irgend einen Sachsinn bezeichnete; weil jeglicher Buchstabe des Alphabets in dieser Sprache einen Sinn ausdrückt, so zeigt sich der Grund, warum der Herr genannt wird Alpha und Omega. Indem sie nun wieder und wieder hineingingen, schrieben und zurückkamen, überzeugten sie sich, daß jene Schrift enthält,  und umfaßt Unzähliges, was durchaus keine naturmäßige Schrift ausdrücken könnte; dabei ward gesagt, es sei dies darum so, weil der geistige Mensch denke Unfaßliches und Unaussprechliches für den naturmäßigen Menschen, und dieses nicht könne in eine andere Schrift und in eine andere Sprache sich hinein machen und hinein getragen werden. Und nun, weil die Umstehenden nicht begreifen wollten, daß geistiges Denken um so vieles das naturmäßige Denken übersteigt, daß es im Vergleich unaussprechbar ist, so sagte ich zu ihnen: "Machet den Versuch, geht in euren geistigen Verein, denket euch eine Sache, behaltet sie, kommet wieder, und gebt sie vor mir zu Tag"; und sie gingen hinein, dachten, behielten und kamen heraus; als es aber daran kam, das Gedachte von sich zu geben, konnten sie´s nicht; nirgends fanden sie nämlich ein naturmäßiges Denkbild, entsprechend irgend einem geistigen Denkbild; so denn auch kein sie ausdrückendes Wort, denn Denkbilder werden zu Sprachausdrücken; - und nun gingen sie wieder hinein und heraus, und überzeugten sich, daß geistige Gedankenbilder sind naturmäßig, unausdrückbar, unaussprechbar und unfaßbar für den naturmäígen Menschen; und weil sie so überschwenglich sind, so sagten sie, seien geistige Ideen oder Gedanken, im Vergleich mit naturmäigen, Ideen von Ideen und Gedanken von Gedanken, und darum würden durch jene ausgedrückt Beschaffenheiten von Beschaffenheiten und Regungen von Regungen, somit seien geistige Gedanken Beginnformen und Urstände naturmäßiger Gedanken; damit gab sich auch kund, daß geistige Weisheit, mithin unfaßlich für irgend einen Weisen in der naturmäßigen Welt. Da ward ihnen gesagt aus dem dritten Himmel, es bestehe noch eine inwendigere und höhere Weisheit, himmlische genannt, deren Verhalten zu geistiger Weisheit ähnlich sei dem Verhalten von dieser gegen die naturmäige; und diese flößen in Reihenfolge nach den Himmeln ein aus der göttlichen Weisheit des Herrn, welche ist unendlich.

"Aus diesen drei Tatbelegen", sagte ich nun zu den Umstehenden, "habt ihr wohl ersehen, welches der Unterscheid ist zwischen dem Geistigen und dem Naturmäßigen, und auch den Grund, warum der naturmäßige Mensch nicht sichtbar ist für den geistigen, noch der geistige für den naturmäßigen; obwohl sie beide in Absicht auf Regungen und Gedanken, und auf ein aus diesen rührendes Beisammensein, in Gesellung sind; dies die Ursache, warum ich dir, Oberlehrer, auf dem Wege her bald zu Gesichte kam, bald wieder nicht." Darauf ward vernommen eine Stimme vom oberen Himmel her an den Oberlehrer "komm herauf", und er stieg hinauf und kehrte wieder und sagte, die Engel hätten gleich ihm die Unterschiede zwischen dem Geistigen und dem Naturmäßigen bis eben nicht erkannt, aus der Ursache, weil sich ihnen früher noch bei keinem Menschen, der in beiderlei Welt zugleich war, irgend Gelegenheit zur Vergleichung eröffnet hatte, ohne Vergleichung aber jene Unterschiede sich nicht erkennen lassen.

Hierauf trennte sich die Gesellschaft, nochmals aber sprachen wir über den Gegenstand in Frage, und "jene Unterschiede", sagte ich, "rühren nirgends anders her, als weil ihr, die ihr in der geistigen Welt seid, und folglich geistig, in Substanzialem, und nicht in Materialem seid; Substanziales aber Beginnform von Materialem ist; ihr seid in Urständen und so in Einzelnem, wir aber sind in Abgeleitetem und Zusammengesetztem; ihr seid in Besonderem, wir aber in Gemeinem; und wie Gemeines nicht kann eingehen in Besonderes, so kann auch nicht Naturmäßiges, welches Materiales, eingehen in Geistiges, welches ist Substanzoales; ganz wie ein Schifftau nicht kann eingehen oder durchgezogen werden durch das Öhr einer Nähnadel, oder wie ein Nerv nicht kann eingehen oder eingezogen werden in eine von den Fibern, woraus sie besteht, noch die Fiber in eine von den Fasern, woraus diese besteht; diese Tatsache kennt man auch auf der Welt, weshalb die Gelehrten darin einig sind, daß es kein naturmäßiges Einfließen in Geistiges, sondern nur ein geistges Einfließen in Naturmäßiges gibt. Dies nun die Ursache, warum der naturmäßige Mensch nicht kann denken, was der geistige Mensch, und der solches auch nicht sprechen; weswegen Paulus das, was er aus dem dritten Himmel vernahm, Unaussprechbares nennt. Hinzu kommt, daß in geistiger Weise denken, ist denken ohne Zeit und Raum, und naturmäßiges denken, denken mit Zeit und Raum; es klebt nämlich jedem naturmäßigen Gedankenbild etwas von Zeit und Raum an, nicht aber irgend einem geistigen Gedankenbild; der Grund ist, weil die geistige Welt nicht ist in Raum und Zeit, wie die naturmäßige Welt, sondern sie ist in dieser beiden Erscheinlichkeit; darin auch unterscheiden sich Gedanken und Innewerdungen; dies ist der Grund, warum ihr euch denken könnet Gottes Wesen und Allgegenwart von Ewigkeit her, das heißt: Gott vor Erschaffung der Welt, weil ihr euch nämlich Gottes Wesen von Ewigkeit ohne Zeit, und Seine Allgegenwart ohne Raum denket, und auf diese Weise Solches erfasset, das die Ideen des naturmäßigen Menschen übersteigt."

Und nun erzählte ich, daß ich einst über Gottes Wesen und Allgegenwart von Ewigkeit her, d.h. über Gott vor Erschaffung der Welt, nachgedacht habe, und daß, weil ich noch nicht vermochte Raum und Zeit von meinen Gedankenbildern zu entfernen, mich ein Bangen anwandelte, weil nämlich die Idee von der Natur sich statt der Idee Gottes einschob; allein es ward mir gesagt: "Entferne die Idee von Raum und Zeit, und du wirst sehen!"  Und es ward mir vergönnt, sie hinweg zu räumen, und ich sah. Und von dort an konnte ich denken Gott von Ewigkeit her, und durchaus nicht die Natur von Ewigkeit her, weil Gott in aller Zeit ist ohne Zeit, und in allem Raum ist ohne Raum, die Natur dagegen in aller Zeit ist in Zeit, und in allem Raum ist in Raum; und die Natur mit ihrer Zeit und Raum mußte notwendig beginnen und hervorgehen, nicht aber Gott, Welcher ist ohne Zeit und Raum; weshalb die Natur von Gott ist, nicht von Ewigkeit her, sondern in der Zeit; d.h.: zugleich mit ihrer Zeit und zusammen mit dem Raum.

Nachdem der Oberlehrer und die Übrigen von mir gegangen waren, begleiteten mich einige Knaben, die auch bei der Erörterung im Gymnasium gewesen waren, nach Haus, und standen ein Weilchen zu mir her, während ich schrieb; und siehe, da erblickten sie eine Motte, die über mein Papier hinlief, und verwundert fragten sie, was das für ein behendes Tierchen wäre. "Es heißt" sagte ich, "Motte, und ich will euch Wunderbares von ihm erzählen"; und nun setzte ich ihnen auseinander, daß in einem so winzigen Wesen sich ebensoviele Gliedmaßen und innere Teile fnden, wie im Kamel; daß es z.B. habe Gehirn, Herz, Lungenröhren, Sinn-, Bewegungs- und Fortpflanzungswerkzeuge, Magen, Eingeweide usw.; und jedes einzelne zusammengewoben aus Fibern, Nerven, Blutgefäßen, Muskeln, Sehnen , Membranen, und dies alles aus noch Reinerem, das dem Blick auch des schärfsten Auges entschlüpft." Aber, sagten die Knaben, es erscheine ihnen dies winzige Wesen nicht anders, als wie eine einfache Substanz. "Und doch", sagte ich, "findet sich Zahlloses in ihm; ich sage dies, damit ihr wisset, daß das Gleiche der Fall ist bei jedem Gegenstand, der sich euch darstellt als ein Einziges, Einfaches und Höchstkleines, sowohl in euren Handlungen, als in euren Regungen und Gedanken; ich kann euch versichern, daß jedes Körnchen eures Denkens und jedes Tröpfchen eurer Empfíndung teilbar ist bis ins Unendliche, und daß nach dem Maße, wie eure Ideen teibar sind, so ihr weise seid: bemerket, daß jedes Geteilte mehr und mehr vielfach ist, und nicht mehr und mehr einfach, weil jedes Geteilte und Wiedergeteilte sich mehr und mehr nähert dem Unendlichen, worin in unendlicher Weise Alles ist; diese Neuigkeit, wovon euch bis jetzt nichts ahnte, gebe ich euch zum besten."  Mit dieser Rede gingen die Knaben von mir zum Oberlehrer, und lagen diesem an, er möchte einmal im Gymnasium eine nie vernommene Neuigkeit zur Eröterung bringen. "Und was denn?", frug er. "Daß alles Geteilte", antworteten sie, "mehr und mehr vielfach ist, und nicht mehr und mehr einfach; weil es sich immer mehr dem Unendlichen nähert, worin in unendlicher Art Alles ist";  und er versprach, es vorzulegen, und sagte: "Das sehe ich, weil ichs inne ward, daß Eine natrurmäßige Idee in sich faßt unzähligviele geistige Ideen; ja, daß Eine geistige Idee in sich faßt  unzähligviele himmlische Ideen; daraus der Unterschied zwischen der himmlischen Weisheit, in welcher die Engel des dritten Himmels sind, und zwischen der geistigen Weisheit, in welcher die Engel des zweiten Himmels sind, wie auch gegenüber der naturmäßigen Weisheit, worin die Engel des letzten Himmels und auch die Menschen sind."