Dritte Zugabe

Das Einfließen des Geistigen in das Naturmäßige

Einst war ich in Staunen über die zahllose Menge von Menschen, welche die Schöpfung, und so denn alles, was unter der Sonne, und alles, was über der Sonne ist, der Natur zuschreiben, indem sie mit Zustimmung des Herzens bei dem Anblick eines Gegenstandes sagen: ist das nicht etwa auch ein Werk der Natur? Und fragt man sie, warum sie solchen der Natur zu eigen geben und nicht Gott, da sie doch je zuweilen mit der Menge sagten, Gott habe die Natur geschaffen, und also mit  gleichem Fugesagen könnten, das, was sie gerade sehen, sei Gottes Werk, als es sei  Werk der Natur: da erwidern sie mit niedergehaltenem und fast unvernehmlichen Tone: was ist Gott anders als die Natur? Und all diese erscheinen von ihrer Ansicht über die Schöpfung des Alls aus der Natur, und von ihrem Irrwahne, als wäre es Weisheit, so aufgebläht, daß sie auf alle Diejenigen, welche sich zur Erschaffung des Weltalls durch Gott bekennen, wie auf Ameisen hinblicken, die auf niederer Erde kriechen und auf ausgetretenem Wege wandern; auf Andere aber wie auf Schmetterlinge, in den Lüften gaukelnd, indem sie deren Lehrmeinungen Träume nennen, wo man sehe, was man sehe; und hinzusetzen: wer hat etwa Gott gesehen, und wer sieht etwa die Natur nicht? - 

Als ich nun so im Erstaunen war über die Menge Solcher, stand mir ein Engel zur Seite und sprach zu mir: "Was sinnst du?" Und ich antwortete: "Über die Menge Derer, welche glauben, die Natur sei aus sich, und so Schöpferin des Alls." Und der Engel sprach zu mir: "Die ganze Hölle besteht aus Solchen; und sie heißen dort Satane und Teufel." "Satane", die sich für die Natur begründeten und folglich Gott leugneten;  "Teufel", welche lasterhaft lebten und so aus ihren Herzen alle Anerkenntnis Gottes verbannt haben. Ich will dich aber zu den Gymnasien in der mittaglich-abendlichen Gegend führen, wo Solche sind, ohne noch in der Hölle zu sein. Und er nahm mich bei der Hand, und führte mich dahin; und ich erblickte kleine Häuser, worin die Gymnasien sind, und in deren Mitte eines, das wie die Vorsteherwohnung unter denselben war; dieses war aus Pechsteinen, welche mit Plättchen wie von Glas mit einer Art von Gold- und Silberschimmer bezogen waren, wie die sind, welche wir Seleniten oder Spiegelsteine nennen; hie und da war Muschelwerk mit ähnlichem Glimmer eingesprengt. 

Wir traten zu diesem Haus und klopften an, und bald öffnete einer die Türe und sagte "Willkommen!" und lief zu einem Tisch, und brachte vier Bücher herbei, und sprach: "Dieses Bücher sind die Weisheit, welcher eine Menge von Staaten heutigentags huldigt; dieser Schrift hier oder Weisheit huldigen viele in Frankreich, dieser da viele in Deuschland, dieser einige in den Niederlanden und diese einige in England." Dann sprach er weiter: "Wollt ihr es sehen, so mache ich, daß diese vier Schriften vor euren Augen leuchten." Und nun goß er den Schein seiner Berühmtheit aus und umher, und die Bücher strahlten bald wie ein Licht.  Vor unseren Augen aber verflatterte dieses Licht alsbald wieder. Und nun fragten wir, was er jetzt eben schreibe; und er antwortete: Nachgerade hole er aus deinem Schatze hervor und spende die Aufgaben der innersten Weisheit. In der Zusammenfassung seien es diese: 

1. Ob die Natur Angehör des Lebens, oder ob das Leben Angehör der Natur sei.                                                                            2. Ob der Mittelpunkt Angehör sei des Umzirks, oder der Umzirk Angehör des Mittelpunktes.                                                         3. Über den Mittelpunkt des Umzirks, oder des Lebens. 

Mit diesen Worten ließ er sich wieder auf den Armstuhl am Tische nieder. Wir aber liefen in seinem sehr geräumigen Gymnasium umher. Er hatte auf seinem Tisch ein Licht  stehen, weil dort nicht Sonnenhelle, sondern nur nächtliche Mondhelle war; und, was mich befremdete, das Licht schien überall umzukreisen und zu erhellen; weil es aber nicht geputzt war, so leuchtete es nur matt. Und als er schrieb, sahen wir in mannigfältiger Gestalt vom Tisch aus Bilder an die Wände fliegen, die in diesem nächtlichen Mondlicht wie schöne Vögel  aus Indien erschienen. Als wir aber die Tür öffneten, siehe, da erschienen sie in der Tageshelle der Sonne wie Dämmervögel mit netzförmigen Flügeln. Es waren nämlich Scheinwahrheiten, durch Begründung in Trugwahrheiten geworden, die er in sinniger Folge aneinandergereiht hatte. Als wir dies sahen, traten wir zu dem Tisch und fragten ihn, was er nun eben schreibe. 

"Über jenen ersten Punkt", antwortete er, "ob die Natur Angehör des Lebens ist, oder das Leben Angehör der Natur." "Beides", sagte er hierbei, "könnte er begründen, und machen, daß es wahr sei. Weil jedoch inwendigs etwas versteckt lauere, das er scheue, so wage er nur soviel zu begründen, daß die Natur sei Angehör des Lebens, d.h. aus dem Leben heraus; nicht aber: daß das Leben sei Angehör der Natur, d.h aus der Natur heraus."  Wir fragten freundlich auffordernd, was denn das sei, was er als inwendigst lauernd scheue. Er antwortete: "Ich könnte ein Naturalist geheißen werden, und so ein Gorttesleugner von der Geistlichkeit, und ein Vernunftkranker von den Laien, weil diese und jene entweder gläubig aus blindem Glauben sind, oder sehend aus der Sehe Derer, welche diese begründen."  Nun aber redeten wir ihn mit einer gewissen Entrüstung des Wahrheitseifers an: "Freund", sagten wir, "du bist sehr im Irrtum; deine Weisheit , welche nichts als die Gabe sinnreicher Schreibart ist, hat dich mißgeleitet, und der Schauer des Ruhms hat dich angetrieben, zu begründen, was du nicht glaubst. Solltest du nicht wissen, daß das menschliche Gemüt erhöhbar ist über das Sinnhafte, über das nämlich, was in den Gedanken aus den Sinnen des Körpers ist, und es in der Erhebung die Angehör des Lebens über sich und die Angehör der Natur unter sich erblickt. 

Was ist das Leben anders als Liebe und Weisheit, und was ist die Natur anders, als deren Aufnahmegefäß, mit dessen Hilfe jene ihr Auswärtswirken, nämlich ihre Nutzzwecke, schaffen? Können jene mit diesen auf andere Art Eins ausmachen, als wie Urständiges und Werkzeugliches? Kann etwas das Licht in Eins zusammenfallen mit dem Auge, oder der Klang mit dem Ohr; woher anders kommen diesen ihre Sinnen, als aus dem Leben, und ihre Formen, als aus der Natur? Was ist der menschliche Körper anders, als nur ein Organ des Lebens? Ist in demselben nicht das Ganze und wieder alles Einzelne dazu organisch gebildet, daß es in die Erscheinung stelle, was die Liebe will und was der Gedanke denkt; entstammen nicht etwa die Organe des Leibes der Natur, und Liebe und Gedanke dem Leben; und sind diese beiden nicht ganz voneinander getrennt? Erhebe den Blick deines Scharfsinns nur um etwas höher, und du wirst sehen, daß es Angehör des Lebens ist, angeregt zu werden und zu denken, und daß die Anregung Sache der Liebe, und das Denken Sache der Weisheit, beides aber Angehör des Lebens ist; denn wir sagten es schon, Liebe und Weisheit sind Leben; hebst du das Erkenntnisvermögen noch etwas höher, so wirst du sehen, daß es nicht Liebe und Weisheit gibt, ohne daß irgendwo ihr Entstehungsgrund liege, und daß ihr Entstehungsgrund ist die Liebe selbst und die Weisheit selbst, und folglich das Leben selbst; diese aber sind Gott, von welchem die Natur ist." -

Sofort sprachen wir mit ihm über den zweiten Punkt: Ob der Mittelpunkt Angehör sei des Umzirks, oder der Umzirk Angehör des Mittelpunkts. Und wir fragten, warum er diesem nachforsche. Er antwortete: "Zu dem Zweck, um über die Frage hinsichtlich des Mittelpunktes und des Umzirks der Natur und des Lebens abzuschließen, somit über die Entstehung des einen und des anderen." Und da wir ihn befrugen, was denn seine Ansicht hierüber sei, antwortete er in gleicher Weise wie früher, daß er beides zu begründen vermöchte, jedoch aus Besorgnis einer Einbuße an seinem Ruf die Begründung dahin fallen lasse, daß der Umzirk Angehör des Mittelpunktes, d.h. aus dem Mittelpunkt sei; "wiewohl ich weiß", fügte er bei, "daß vor der Sonne, etwas da war, und zwar allwärts in dem Umzirk, und daß dieses von sich selbst in die Ordnung zusammenfloß, und somit in den Mittelpunkt." Da nun ließen wir ihn wieder mit ungehaltenem Eifer an, und sagten: "Freund, du faselst", und da er dies hörte, rückte er den Lehnstuhl vom Tisch zurück, sah uns betroffen an, und hörte uns alsdann zu, doch mit Lächeln. Wir aber fuhren fort: "Was kann man Ungereimteres sagen, als daß der Mittelpunkt von dem Umzirk sei (unter deinem Mittelpunkte verstehen wir die Sonne und unter deinem Umzirk verstehen wir das Weltganze), so denn, daß das Weltganze ohne Sonne entstanden sei; macht nun etwa nicht die Sonne der Natur und all ihre Eigentümlichkeiten, welche sich sämtlich durch das Licht und die Wärme bedingen, die von der Sonne die Atmossphären hindurch hervorgehen? Wo sind diese vorher? (Doch ihren Ursprung wollen wir beim folgenden Punkt untersuchen.) Sind nicht die Atmosphären und alles, was auf dem Erdkörper ist, wie der Umkreis, und die Sonne ihr Mittelpunkt? Kann jenes Alles ohne Sonne, kann es auch nur einen Augenblick bestehen; was wäre denn dies Alles vor der Sonne; könnten sie wohl entstehen; oder ist nicht Bestehen fortwährendes Entstehen? Da denn das Bestehen aller Naturdinge von der Sonne kommt, daß auch Aller Entstehen daher kommt, so folgt, daß auch Aller Entstehen daher kommt. Jeder sieht dies und anerkennt es auf dem Grund der Selbstansicht. Besteht nicht das Nachgehende durch das Vorhergehende, wie es daraus entsteht? Damit nun der Umkreis das Vorhergehende, und der Mittelpunkt das Nachfolgende sei, müßte nicht das Vorhergehende durch das Nachfolgende bestehen; was doch den Gesetzen der Ordnung zuwiderläuft. Wie kann das Nachfolgende Vorangehendes hervorbringen, oder Auswendiges Inwendiges, oder Gröberes Feineres: Wie denn als könnten Oberflächen, welche den Umzirk bilden, den Mittelpunkt hervorbringen, wer sieht nicht , daß dies wider die Gesetze der Ordnung liefe? Wir nehmen diese Beweise aus der Analyse der Vernunft hierher, um zu begründen, daß der Umkreis aus dem Mittelpunkt hervorgeht und nicht umgekehrt, wiewohl es jeder Richtigdenkende auch ohne diese Beweisführung einsieht. Du sagtest, der Umzirk sei von sich selbst in den Mittelpunkt zusammengeflossen: floß es denn von ungefähr in eine so wundervolle und staunenerregende Ordnung, daß Eines da sei wegen des Andern, und das Ganze mit allem Einzelnen für den Menschen und für sein ewiges Leben; kann etwa die Natur irgend vermittelst Weisheit Absichten auffassen, Ursachen ausmitteln und Wirkungen vorsehen, auf daß jenes alles in seiner Ordnung hervorgehe; und kann sie etwa aus Menschen Engel, und aus diesen Himmel machen; und machen, daß , die dort sind, ewig leben? Lege dies vor dich und denke ihm nach: verschwinden wird deine Vorstellung von der Entstehung der Natur aus der Natur. -

Hierauf befrugen wir ihn, was er gedacht habe, und nun denke über das Dritte, nämlich über Mittelpunkt und Umzirk der Natur und des Lebens; ob er glaube, daß Mittelpunkt und Umzirk des Lebens dasselbe sei mit dem Mittelpunkt und Umzirk der Natur. Seine Antwort war: hier stehe er an. Vorher habe er gedacht, die inwendige Tätigkeit der Natur sei das Leben; und Liebe und Weisheit, welche wesentlich des Menschen Leben ausmachen, entstammen dieser; und das Feuer der Sonne bringe dieselbe durch Wärme und Licht mittels der Atmosphären hervor. Nun aber sei er infolgedessen, was er von der Menschen Leben nach dem Tode gehört, mit sich im Zweifel, und dieser Zweifel trage sein Gemüt abwechseld nach oben und nach unten; und gehe es nach oben, so bekenne er sich zu einem Mittelpunkte, wovon er früher nichts geahnt; gehe es aber nach unten, so sehe er den Mittelpunkt , welchen er für den einzigen gehalten; und sehe, daß das Leben aus dem Mittelpunkt sei, von welchem er vorher nichts geahnt, und daß die Natur aus dem Mittelpunkt sei, den er vorher für den einzigen gehalten;  und daß beide Mittelpunkt e Umzirke haben. "Schön", sagten wir; "nur möchte er aus dem Mittelpunkte und dem Umzirke des Lebens auf den Mittelpunkt und den Umzirk der Natur hinblicken, und nicht umgekehrt; und wir unterrichteten ihn, daß über dem Engelshimmel eine Sonne sei, welche lautere Liebe, und in der Erscheinlichkeit feurig sei gleich der Mittelsonne; und daß aus der Wärme, die aus dieser Sonne hervorgehe, den Engeln und den Menschen Wollen und Lieben, aus dem heraus hervorgehenden Licht aber Verstand und Weisheit kommen; und das das, was aus dieser Sonne komme, "Geistiges" heiße, was aus der Weltsonne hervorgehe, des Lebens Behälter sei, und die Benennung "Naturmäßiges" habe; das, was dann den Umzirk des Lebens-Mittelpunktes bilde, führe den Namen "naturmäßige Welt", und diese habe ihren Bestand aus ihrer Sonne. "Weil denn nun", fügten wir hinzu, "von Liebe und Weisheit sich nicht Räume und Zeiten aussagen lassen, sondern, statt ihrer, Zustände, so ergibt sich, daß der Umzirk der Sonne des Engelhimmels nicht ein Räumliches ist, daß es jedoch in dem Räumlichgedehnten der naturmäßigen Sonne, und bei lebendigen Geschöpfen in solchem je nach der Aufnehmung ist, und daß die Aufnehmung sich nach den Formen und Zuständen bestimmt."

"Woher aber" frug er nun, "ist das Feuer der Welt- oder Natursonne?" Wir antworteten: "Aus der Sonne des Engelhimmels, welche nicht Feuer ist, sondern die göttliche Liebe in ihrem ersten Ausgehen von Gott, der in ihrer Mitte ist." 

Dies befremdete ihn; wir fügten erläuternd bei: Die Liebe in ihrem Grundwesen ist geistiges Feuer; darum bezeichnet im Worte, nach seinem geistigen Sinn erklärt, "Feuer" Liebe; weshalb die Priester in den Tempeln beten, das himmlische Feuer möge ihre Herzen erfüllen, wobei sie die Liebe meinen; das Feuer des Altars, das Feuer des Armleuchters in der Stiftshütte bei den Israeliten stellte nichts anderes als die göttliche Liebe vor; die Wärme des Blutes oder die Lebenswärme des Menschen, und insgesamt der Tiere, kommt nirgends anders her, als aus der Liebe, die ihr Leben macht; darum erwärmt, erglüht und entbrennt der Mensch, wenn sein Leben sich zum Eifer steigert, oder in Zorn und Grimm ausbricht: aus dem Umstände denn, daß die gesitige Wärme, welche Liebe ist, bei den Menschen naturmäßige Wärme hervorbringt, sodaß sie deren Angesicht und Gliedmaßen erhitzt und entzündet, läßt sich mit Gewißheit annehmen, daß das Feuer der naturmäßigen Sonne nirgends andersher entstanden ist, als aus dem Feuer der geistigen Sonne, welches ist die göttliche Liebe. Weil denn nun der Umzirk aus dem Mittelpunkt entsteht, und nicht umgekehrt, wie wir früher bemerkten, und der Mittelpunkt des Lebens, welches ist die Sonne des Engelhimmels, die göttliche Liebe ist in ihrem ersten Ausgehen von Gott, welcher ist in der Mitte jener Sonne; und weil es folglich der Umzirk jenes Mittelpunktes ist, was "die geistige Welt" heißt; und weil aus jener Sonne die Weltsonne entstanden ist, und aus dieser ihr Umzirk, welcher "die naturmäßige Welt" genannt wird, so liegt zu Tag, daß das Weltall von Gott erschaffen ist." -

Wir schieden nun; und Jener begleitete uns bis über den Vorhof seines Gymnasiums, und besprach sich mit uns über Himmel und Hölle und über Gottes Leitung mit neuer Schärfe der Einsicht.

Erinnerung über Swedenborg´s Sicht an einem Gespräch mit Thomas: "Swedenborg sieht alles von unten nach oben. Durch Lorber schenkt uns Jesus Seine Sicht von oben nach unten. Aus dieser Sicht sind auch die Werke von Jakob Böhme und Meister Eckehart entstanden.