6. Zugabe: "Das menschliche Gemüt scheidet sich in drei Regionen"
Eines Morgens nach dem Erwachen vertiefte sich mein Denken in einige Geheimnisse der ehelichen Liebe, und zuletzt in dieses: In welcher Region des menschlichen Gemüts wohnt die wahrhaft eheliche Liebe, und in welcher denn die eheliche Kälte? Ich wußte, daß der Regionen des menschlichen Gemüts drei sind, eine über der anderen, und daß in der untersten Region wohnt naturmäßige Liebe, in der oberen geistige Liebe, und in der höchsten himmlische Liebe, und daß in jeglicher Region Vermählung von Gutem und Wahren besteht; und, weil Gutes ist Angehör von Liebe, und Wahres Angehör von Weisheit, daß in jeglicher Region Ehe von Liebe und Weisheit besteht; und daß diese Ehe von Willen und Verstand, weil der Willen Aufnahmegefäß von Liebe, der Verstand aber Aufnahmegefäß von Weisheit ist. Als ich in der Tiefe dieses Gedanken war, siehe, da erblickte ich zwei Schwäne im Fluge gegen Mitternacht, und bald auch zwei Paradiesvögel im Fluge gegen Mittag, und auch zwei Turteltauben , fliegend im Aufgang; und da ich mit dem Auge die Flüge verfolgte, sah ich, daß die beiden Schwäne sich wendeten von Mitternacht gegen Aufgang, ebenso die beiden Paradiesvögel von Mittag her, und daß sie sich sammelten mit den beiden Turteltauben im Aufgang, und zusammen flogen gegen einen hochragenden Palast, um welchen her der Ölbäume, Palmen und Buchen standen; am Palaste waren drei Fensterreihen, eine über der anderen; und da ich hinblickte, sah ich die Schwäne einfliegen in den Palast durch offene Fenster im untersten Geschoß, die Paradiesvögel durch offene Fenster im mittleren Geschoß, und die Turteltauben durch offene Fenster im obersten Geschoß. Eben da ich dies erblickte, stand ein Engel bei mir und sprach: "Verstehst du dein Gesicht?" "Kaum ein wenig", war meine Antwort. "Jener Palast", sprach er, "bildet die Wohnungen der ehelichen Liebe vor, wie sie sich in dem menschlichen Gemüte finden; der oberste Teil desselben, wohin die Turteltauben unterflogen, bildet vor die oberste Region des Gemüts, wo eheliche Liebe wohnt in Liebe zu Gutem mit ihrer Weisheit; das Mittelgeschoß, wohin die Paradiesvögel unterflogen, wo eheliche Liebe wohnt in Liebe zu Wahrem mit ihrer Einsicht; das unterste Geschoß aber, in welches die Schwäne unterflogen, die unterste Region des Gemüts, wo eheliche Liebe wohnt in Liebe zu Gerechtem und Redlichem mit ihrem Wißtum; die drei Vogelpaare bezeichnen dies auch: das Paar Turteltauben eheliche Liebe höchster Region, das Paar Paradiesvögel eheliche Liebe mittlerer Region, und das Schwanenpaar eheliche Liebe unterster Region. Gleiches bezeichnen die drei Baumarten, Palmen und Buchen. Wir im Himmel nennen die oberste Region des Gemüts die himmlische, die mittlere die geistige, und die unterste die naturmäßige. Und wir werden dieselben inne wie Wohngelasse in einem Haus, eines über dem anderen, und Zugänge von einem hinauf zum andern durch Grade, wie auf Treppen; und in jeglicher Abteilung wie zwei Gemächer, eines für Liebe, das andere für Weisheit, und gegen vorwärts wie ein Schlafgemach, wo die Liebe mit ihrer Weisheit, oder Gutes mit seinem Wahren, oder wo, was wieder dasselbe ist, der Wille mit seinem Verstand auf dem Lager sich gattet; in jenem Palaste stehen wie im Abbilde zur Schau alle Geheimnisse der ehelichen Liebe." -
Diese Rede fachte in mir das Verlangen an, all dies zu schauen, und ich frug, ob es jemand vergönnt wäre einzutreten und es zu sehen, weil es ein vorbildender Palast ist. "Niemanden", erwiderte er, "als denen im dritten Himmel, weil diesen alles Vorbildende von Liebe und Weisheit zu Realem wird; von diesen vernahm ich, was ich dir mitteilte, und dazu dies, daß die wahrhaft eheliche Liebe in der obersten Region in Mitte der Wechselliebe wohnt, in dem Brautgemach des Willens, und auch in der Mitte von Regungen der Weisheit in dem Brautgemache des Verstandes, und daß sie sich im Beilager gesellen in dem Gemache, das vorwärts liegt, und im Aufgang"; und ich frug, warum der Brautgemächer zwei?" - "Der Mann", erwiderte er, "ist im Brautgemache des Verstandes, und das Weib ist im Brautgenmache des Willens." Und ich frug: "Da die eheliche Liebe dort wohnt, wo wohnt daselbst die eheliche Kälte?" - "Ebenfalls", war seine Antwort, "in der oberen Region, jedoch nur in dem Brautgemache des Verstandes, während das Brautgemach des Willens daselbst verschlossen ist; der Verstand nämlich mit seinem Wahren kann, so oft ihn beliebt, hinaufsteigen auf einer Wendeltreppe nach der oberen Region in sein Brautgemach, steigt aber der Wille mit seiner Liebe Gutem nicht zugleich in das Zwillingsgemach hinauf, so wird letzteres verschlossen, und es entsteht Kälte im anderen, und dies ist die eheliche Kälte. Der Verstand schaut, während solche Kälte gegen die Frau besteht, aus der obersten Gegend niederwärts zur untersten, und, zieht ihn Furcht nicht zurück, so steigt er nieder, um dort in unerlaubtem Feuer zu entbrennen." So sprach der Engel, und wollte noch mehr über die eheliche Liebe aus ihren Abbildern in jenem Palaste hererzählen. "Doch genug für diesmal", sprach er, "sieh erst zu, ob, was du vernahmst, über den gemeinen Verstand geht; ist es so, wozu mehr? ist es nicht so, so sollst du mehr erfahren."