Die Jakobsleiter. Vom Wesen der Träume. Die Seele im Jenseits

.57. Kapitel

[GEJ.07_057,01] Sagte Nikodemus: „Herr und Meister von Ewigkeit, nun sehe ich erst wahrhaft in der Fülle ein, daß Du allein wahrhaft Christus, der Gesalbte Gottes bist, dessen Fülle in Dir wohnt! Denn so hat noch nie ein Prophet auf dieser Erde gelehrt. Da Du uns aber nun schon eine so große Enthüllung gemacht hast, so könntest Du, so es Dein heiliger Wille wäre, uns auch noch über die Himmelsleiter des Vaters Jakob ein Licht geben, auf der eben Engel zwischen Himmel und Erde auf und nieder stiegen. Aus diesem Gesichte konnte ich nie so recht klar werden, was Jehova, der zuallerhöchst dieser Leiter gesehen ward, dem Jakob hat anzeigen wollen. Denn dieses Traumgesicht hat Jakob sicher um vieles besser begriffen als ich, da wir bis jetzt keine nähere Deutung solch eines Gesichtes von ihm überkommen haben. – Herr, bei meiner großen Liebe zu Dir bitte ich Dich darum!"

[GEJ.07_057,02] Sagte Ich: „Was Jakob in seinem Traume sah, war ganz das, was Ich euch allen nun hell zur Übergenüge gezeigt habe. Die Leiter ist das Band zwischen dem Herzen und dem erleuchteten Haupte des Menschen. Das Herz ist hier ebenfalls die gesehene Erde, die damals auch in Jakob, als er sich in großer Not und Verlegenheit befand, zu wüst, öde und wenig erleuchtet war. Aber eben in diesem Zustande fing er an, sehr an Gott zu denken, und dachte nach, was er irgend getan habe, daß Er ihn in eine solch große Verlegenheit habe kommen lassen. Da schlief er auf offenem Felde ein und ersah in sich die Verbindung zwischen seiner Herzerde und seinen Lichthimmel in seinem Haupte. Da ersah er, wie seine Gedanken, Ideen und Begriffe von seinem Haupte wie über eine Leiter hinab in sein Herz stiegen, dasselbe erleuchteten und trösteten und so, durch die erhöhte Liebe des Herzens selbst mehr belebt und gestärkt, wieder empor zu Gott stiegen, um dort wieder mehr und tiefer erleuchtet zu werden. Und siehe nun den ganzen Lebensverlauf Jakobs, und du wirst es sehen, wie er von da an stets mehr und mehr an Gott dachte und auch strenger und strenger nach dem Willen Gottes lebte.

[GEJ.07_057,03] Zugleich aber wurde durch den denkwürdigen Traum auch dargestellt, wie sich aus ihm eine Geschlechtsstufenleiter als ein rechter Bund zwischen seinen Nachkommen und Gott erheben werd, auf der die Kinder Gottes in der bald steigenden und bald wieder sinkenden Erkenntnis Gottes zu- und abnehmen werden, und daß am höchsten Ende seiner gesehenen Geschlechtsstufenleiter sich in Meiner Persönlichkeit Jehova Selbst als ein Mensch offenbaren wird und den alten Bund erneuen und durch und durch zur lebendigsten Wahrheit erheben wird.

[GEJ.07_057,04] Und so hast du und habt ihr alle nun denn auch die Jakobsleiter doppelt und dreifach erklärt und wisset nun, was ihr wahrhaft geistig unter dem Begriffe ,Engel Gottes‘ alles zu verstehen habt. Aber dennoch frage Ich euch um euer selbst willen, ob ihr das wohl alles verstanden habt."

[GEJ.07_057,05] Sagte Nikodemus: „Mir ist auch in dem ein großes Licht aufgegangen, und es ist also und kann nie anders sein; doch was diesen sichtbaren Engel betrifft, so fragt sich da, ob er eine schon wirkliche, für sich dastehende Realität, – oder ist er nur so ein von Dir festgehaltener Gedanke, hervorgehend aus Deiner Liebe, Weisheit und Allmacht!"

[GEJ.07_057,06] Sagte Ich: „Das ist wahrlich eine so recht kindische Frage von dir! Ich sage es dir, der Engel ist – gleich wie du und alle Menschen und die ganze endlose Schöpfung – beides zugleich, weil es in der ganzen Unendlichkeit keine andere Realität außer Mir gibt als eben nur Meine Gedanken, Ideen und Begriffe. Diese werden durch Meine Liebe belebt und durch Meinen Willen für ewig fest erhalten und gehalten. Was Ich aber als Gott tun kann und von Ewigkeit her getan habe und auch hinfort ewig tun werde, das werdet auch ihr dereinst in Meinem Reiche tun können.

[GEJ.07_057,07] Daß aber in euch Menschen solche Fähigkeiten vorhanden sind, das könnet ihr ganz leicht und richtig euren helleren Traumgesichten entnehmen; denn in denen werden eure inneren Gedanken, Ideen und Begriffe zu Realitäten und werden lebendig und gar wohl geformt, und ihr könnet euch mit ihnen wie mit wahren Objekten unterhalten. Nun, ihr wisset freilich nicht, wie das in euch vor sich geht, daß ihr euch in euren Träumen in einer ganz ordentlichen Welt unter Menschen befindet, die mit euch oft sogar sehr weise reden und dies und jenes tun und verrichten; allein das macht vorderhand nichts. Wenn ihr nach der Art, wie Ich es euch erklärt habe, im Geiste aus Mir wiedergeboren sein werdet, dann werden euch alle Geheimnisse eures Lebens und ihr Grund klar werden; vorderhand aber könnet ihr das als eine lichtvolle Wahrheit annehmen, daß da jedwede Lebenserscheinung im Menschen einen höchst weisen und wahrsten Grund hat, ansonst sie im Menschen nicht und nie zum Vorscheine kommen würde.

[GEJ.07_057,08] Wenn der Mensch dem Leibe nach einmal stirbt, so lebt die Seele dann zwar dem Wesen nach auch im Raume, hat aber dann keine andere Welt zu ihrer Unterlage und zur Wohnung als die, die sie sich selbst geschaffen hat, und hat mit dieser äußeren Welt keine wesentliche Verbindung mehr, weil sie in sich nur zu klar einsieht, daß die gesamte materielle Welt nichts als ein notwendiges und schwer zu ertragendes Gericht ist, und daß ein freiestes und ungebundenstes Leben ein endlos vorzüglicheres ist als ein nach allen Seiten hin gebundenes."

[GEJ.07_057,09] Sagte hier Nikodemus: „Herr, wenn ich also einmal gestorben sein werde, so wird meine fortlebende Seele von dieser Erde ewig nichts mehr zu Gesichte bekommen, sondern in ihrer selbstgeschaffenen Welt fortleben, – und doch gibt es auf und in dieser Erde noch gar sehr vieles, was sich eine nach höherer Erkenntnis dürstende Seele gerne zu einer näheren Anschauung gebracht hätte! So sehen wir auch oft mit großer Sehnsucht den gestirnten Himmel an und möchten näher wissen, was der Mond, die Sonne, die Planeten und was alle die andern Sterne sind, und möchten auch die Tiefen der Meere ergründen. Aber wenn die Seele nach dem Tode nur so in einer hellen, aus ihrer Phantasie entsprungenen Traumwelt leben und handeln und nur mit solchen scheinbaren Menschengestalten verkehren wird, die auch nur Produkte ihrer höchsteigenen Phantasie sind, so wird das nach meiner schwachen Ansicht der ewig fortlebenden Seele unter dem Gesichtspunkte, daß ihr eine volle Rückerinnerung bleibt, eben keine gar zu große Freude machen können. Natürlich, so der Seele aber mit dem Leibe die Rückerinnerung nur höchstens insoweit belassen wird wie in einem hellen Traum, in dem man gewöhnlich sein Ich erkennt, sich aber dabei an nichts oder nur an sehr wenig wahrhaft Diesirdisches mehr erinnert, da kann so eine Seele dann freilich schon ganz heiter fortbestehen; denn was ihr mit dem Leibe völlig benommen wird, nach dem wird sie auch ewig keine Sehnsucht mehr haben. Ich rede hier, wie ich diese Sache verstehe, bitte Dich aber auch in dieser Hinsicht um eine tiefere Belehrung."

[GEJ.07_057,10] Sagte Ich: „Daß du da noch sehr schwach bist, das sehe Ich nur zu klar ein; aber deine Begriffe über das Leben der Seelen nach dem Abfalle ihres Fleisches sind noch öder, finsterer und schwächer als deine Gefühle und inneren Wahrnehmungen. Sage Mir bloß das: Wo und wann sieht ein Mensch schon mit seinen natürlichen Augen mehr: in einem finsteren Kerker zur Nachtzeit oder auf einem nach allen Seiten hin freien und hohen Berge am reinen, hellen Tage? Und ein Mensch, der nun in vollster Freiheit, mit allem versorgt, sich mit seinen besten Freunden auf dem Berge befindet, – wird der sich wohl zurücksehnen in den alten, finsteren Kerker und Lust haben, dessen finstere Winkel und Löcher zu untersuchen und zu erforschen? Denke über diese Meine Fragen nach – frage dein offenes Gefühl – und beantworte sie Mir dann, und Ich will dir erst auf das ein helleres Licht über deine Zweifel geben!"

Seele und Leib. Jenseitiger Zustand einer verweltlichten Seele.

58. Kapitel

[GEJ.07_058,01] Sagte Nikodemus: „O Herr, diese Deine gnädige Frage beantwortet sich ja nach eines jeden Menschen Gefühl von selbst; denn da liegt die klarste Antwort ja doch schon in der Frage selbst, und es wäre da wohl sehr unnötig, nur irgendeine Antwort darauf zu geben. Aber ich entnehme daraus, daß Du damit nur das allergnädigst hast andeuten wollen, daß eine vollendete Seele nach dem Abfalle des Leibes Deine ganze Schöpfung in einem endlos klareren Lichte schauen wird, als ihr das im Leibesleben je möglich gewesen wäre, und daß eine solche Seele alles Erlebte und auf der Erde Mit- und Durchgemachte um vieles heller in ihrer Erinnerung behalten wird, als das im Leibe je hat stattfinden können. – O Herr, habe ich da recht geantwortet?"

[GEJ.07_058,02] Sagte Ich: „Vollkommen, und Ich will euch dafür auch den Grund zeigen, damit da mit der Zeit niemand sagen soll: ,Ja, Er als der Wahrhaftigste hat uns das wohl zu glauben befohlen, und es wird das alles schon sicher also sein, wie Er uns das Selbst gelehrt hat, ohne uns den Grund und das Wie näher gezeigt zu haben!‘ Nein, also will Ich euch nicht lehren! Denn euch eben will Ich es ja geben, das Geheimnis des Reiches Gottes zu verstehen. Und so höret Mich denn!

[GEJ.07_058,03] Der Leib, wie er ist, könnte für sich als eine tote Materie weder etwas sehen noch hören, fühlen, riechen und schmecken ohne eine lebendige Seele in sich. Er ist also nur ein notdürftiges Werkzeug der Seele, also gebaut und wohl eingerichtet, daß sich die Seele seiner für die Außenwelt bedienen kann. Sie kann also mittels des Leibes nach außen hinaus schauen, hören und empfinden Widriges und Angenehmes. Sie kann sich von einem Ort zum andern bewegen und kann mit den Händen mannigfache Arbeiten verrichten.

[GEJ.07_058,04] Der Lenker der Leibesglieder ist der Verstand des Herzens und sein Wille; denn der Leib für sich hat weder einen Verstand noch einen Willen, außer die Seele geht durch ihre weltlichen und sinnlichen Gelüste selbst ins Fleischliche über und verliert sich also sehr in ihrem Fleische, daß sie darin das Bewußtsein ihres geistigen Ichs verliert. Dann freilich ist auch ihr ganzer Verstand samt dem Willen ein völlig fleischlicher geworden. In diesem Falle aber ist dann die Seele nahe so gut wie völlig tot, und es kommt ihr wie ein Wahnwitz vor, so sie von einer pur geistigen Selbständigkeit und von einem geistigen Leben nach dem Tode des Leibes etwas vernimmt.

[GEJ.07_058,05] Aber selbst solch eine Fleischseele stirbt eigentlich nach dem schmerzvollen Abfalle des Leibes nicht, sondern lebt fort in der Geisterwelt; aber ihr Fortleben ist dann ein ebenso mageres wie ihr Erkennen und Selbstbewußtsein in einer rein geistigen Sphäre. Nun, solch eine Seele lebt dann jenseits freilich nur so wie in einem etwas helleren Traume fort und weiß oft nicht, daß sie je in einer anderen Welt schon einmal gelebt hat, sondern sie lebt und handelt ihrer gewohnten Sinnlichkeit gemäß. Und wird sie von helleren, sich ihr offenbarenden Geistern dahin ermahnt und belehrt, daß sie sich nun in einer anderen und geistigen Welt befindet, so glaubt sie das doch nicht und verhöhnt und verspottet die, die ihr die Wahrheit anzeigen.

[GEJ.07_058,06] Es braucht eine sehr lange Zeit jenseits, bis eine solche verweltlichte und verfleischlichte Seele zu einem helleren Erkennen kommt. Wenn sie aber heller und heller wird, so kehrt ihre Erinnerung auch nach dem Grade ihres Hellerwerdens zurück, und sie kann dann auch alles sehen, hören und fühlen, was da auf und über und in der Erde geschieht.

[GEJ.07_058,07] Ist aber eine Seele schon hier auf dieser Welt durch die geistige Wiedergeburt ganz vollendet geworden und dadurch schon hier zur Anschauung und klaren Wahrnehmung der rein geistigen und himmlischen Dinge gelangt, so gelangt sie auch zur richtigen und vollwahren Anschauung der gesamten materiellen Schöpfung in sich und weiß um alles, was sogar im Monde, auf und in der Sonne geschieht, was die Sterne sind und wozu sie erschaffen worden, und was da alles auf und in ihnen ist.

[GEJ.07_058,08] Wenn aber solch eine vollendete Seele erst von ihrem schweren Leibe erlöst worden ist, so ist ihr Schauen dann völlig ein gottähnliches, und sie wird dann – so sie es will – allsehend, allhörend, allwissend und allfühlend sein. Wenn aber das, wie soll sie deshalb, weil sie gottähnlich selbst Schöpferin ihrer Wohnwelt sein kann und auch sein wird, alle ihre Rückerinnerung verlieren können?

[GEJ.07_058,09] Damit du aber siehst und noch tiefer erkennst, daß das von Mir dir nun Gesagte seine vollste Realität hat, so will Ich nun auf einige Augenblicke deine und noch einiger Anwesenden Seelen frei machen, und du kannst in solch einem Zustande dann sagen, was du gesehen und was du gehört und wahrgenommen hast. – Und also sei es!"

[GEJ.07_058,10] Hier wurden mehrere in einen hellen magnetischen Zustand versetzt, und sie befanden sich zuerst in einer ihnen unbekannten Gegend, die allen ungemein wohl gefiel, so daß sie Mich baten, daß Ich sie nun nur gleichfort in dieser himmlisch schönen Gegend belassen solle; denn sie wünschten gar nicht mehr, in diese irdische Welt zurückzukehren.

[GEJ.07_058,11] Ich fragte sie aber, ob sie nicht auch diese Welt sähen.

[GEJ.07_058,12] Da antworteten alle: „Ja, Herr; aber wir sehen sie wie hinter uns, und wir sehen sie auch wie durch und durch!"

[GEJ.07_058,13] Ich fragte sie, ob sie die große Stadt Rom sähen.

[GEJ.07_058,14] Alle bejahten das und beschrieben alles darin, was sie sahen.

[GEJ.07_058,15] Als die anwesenden Römer das hörten, da konnten sie sich nicht genug verwundern, wie getreu und genau die Verzückten die Gestalt Roms schilderten, obschon keiner von ihnen je in Rom war, noch jemals ein Bild von dieser Stadt gesehen hatte.

[GEJ.07_058,16] Und Ich fragte sie, ob sie auch den äußersten Osten von Asien sähen.

[GEJ.07_058,17] Und sie alle gaben die Antwort: „Ja, Herr, wir sehen auch das förmliche Ende dieses großen Weltteils; denn weiter nach Osten sehen wir nichts als pur Wasser und Wasser mit Ausnahme einiger Inseln! Aber das ist ein großes Reich, und wir sehen auch eine ungeheuer große Stadt, die von einer Tagereise langen Mauer eingeschlossen ist, und darin unzählig viele Menschen!"

[GEJ.07_058,18] Sagte Ich: „Wie sind sie bekleidet?"

[GEJ.07_058,19] Hier beschrieben sie schnell die Tracht dieser Menschen auf ein Haar, und einer von den alten Pharisäern, nachher Judgriechen, verwunderte sich hoch darüber, weil er Gelegenheit gehabt hatte, mehrere Chinesen im äußersten Osten von Hochindien zu sehen.

[GEJ.07_058,20] Darauf ließ Ich sie einen Blick in den Mond tun, und sie beschrieben kurz diese traurig aussehende kahle Welt, in der sie außer einigen Gruppen von traurig aussehenden und graufarbigen Kobolden nichts ersähen. Es sei da kein Baum und kein Gras und so auch kein Tier ersichtlich.

[GEJ.07_058,21] Hierauf weckte Ich sie wieder zurück mit der Belassung der vollen Rückerinnerung an all das Gesehene.

[GEJ.07_058,22] Als sie sich also wieder völlig im natürlichen Zustande befanden, da sagte Nikodemus: „O Herr, das ist ja doch wunderbar über wunderbar! Wir waren hier, sahen Dich und alle andern genau, und doch sahen wir auch alles höchst genau und klar, was wir beschrieben, und ich habe nun wahrhaftest selbst erfahren, wie unbeschreibbar heller das Schauen der freien Seele ist als das im Verbande mit dem Leibe. Aber wir sahen nicht nur alles heller in der Nähe wie auch in der größten Ferne, sondern wir hörten auch alles. Und so wir einen Baum oder ein Haus oder ein Schiff auf dem Meere oder auch einen Menschen oder ein Tier sahen, so sahen wir es ganz nach der natürlichen Außenform; aber wir sahen das alles auch durch und durch, obschon der Gegenstand nicht durchsichtig war.

[GEJ.07_058,23] Ja, bei den Menschen sahen wir sogar ihre Gedanken, die anfangs als kleine Bildlein in ihren Herzen ersichtlich wurden. Als solche in das Haupt gleich einem Mückenschwarm aufstiegen, da wurden sie heller und ausgeprägter, stiegen wieder zum Herzen zurück, wurden da größer und entschiedener und traten darauf bald außer die Sphäre des Menschen, wurden größer und größer und bildeten eine ordentliche Welt um den Menschen. Doch bei den Tieren war davon nichts zu entdecken.

[GEJ.07_058,24] Aber was ist denn mit dem armseligen Monde? Daß er eine materielle Welt ist, das ist klar, – aber so kahl, wüst und öde wie die höchste Spitze des Berges Ararat! Wer sind denn jene armselig kleinen, grauen Kobolde? Sie haben wohl so ziemlich die Gestalt eines Menschen; aber dabei scheinen sie doch nur mehr einer Tierart jenes Weltkörpers anzugehören, obwohl sie so gewisserart denn doch mehr Geister als irgend materielle Wesen sein mögen. Denn ich bemerkte, wie sich ein solcher Kobold bald sehr vergrößerte und sich bald wieder ganz puppenklein machte. Wäre so ein Kobold rein materiell, so meine ich, daß ihm solch eine Vergrößerung und Verkleinerung seines Leibes wohl nicht so leicht möglich wäre. – Also, Herr und Meister, was ist es mit dem Monde?"

[GEJ.07_058,25] Sagte Ich: „Das, Mein Freund, wirst du noch früh genug erfahren und kannst dich darüber mit Meinen Jüngern besprechen, die von allem dem schon eine ganz genaue Kunde haben. Ich aber habe euch noch viel Wichtigeres zu zeigen und zu sagen, – aber das erst nach dem Morgenmahle. Jetzt aber werden ohnehin sogleich die dreißig Griechen heraufkommen, ein Morgenmahl nehmen und sich über so manches mit dem Jünglinge dort besprechen. Sie kommen früher, weil die nächtlichen Erscheinungen sie auch erregt haben."

[GEJ.07_058,26] Sagte Nikodemus: „Ganz gut, ganz gut, Herr und Meister, nur allein Dein Wille geschehe! Bloß das möchte ich zuvor noch erfahren, wer dieser gar so wunderherrliche Jüngling ist, woher er ist, und wie er heißt."

[GEJ.07_058,27] Sagte Ich: „Das wirst du schon bei dieser Gelegenheit erfahren! Sein Name ist Raphael."

[GEJ.07_058,28] Sagte Nikodemus: „Also lautet ja nach der alten Schrift der Name eines Erzengels! Am Ende ist das gar der Erzengel selbst? Wenn das, so könnte mich da eine große Furcht ergreifen! Ja, ja, ich habe das ja schon gleich anfangs gesagt!"

[GEJ.07_058,29] Sagte Ich: „Und Ich habe dir nicht widersprochen, sondern dir und euch allen bis jetzt gezeigt, was und wer ein Engel Gottes ist. Wenn aber also, warum sollst du nun vor diesem Engel Furcht bekommen, da du doch auch berufen bist, selbst ein Erzengel zu werden? Damit du aber über diesen Engel nicht in einem Zweifel stehst, so wisse, daß er Henochs Geist ist! Sein Leib ist nun Mein Wille. Darum sagte Ich dir ja, daß es in den Himmeln keine andern Erzengel gibt und je geben wird als die nur, welche zuvor schon im Fleische auf einer Welt gelebt haben. – Aber nun nichts Weiteres mehr davon; denn die Griechen kommen bereits! Mache Mich aber niemand ruchbar vor ihnen; denn ihre Zeit ist noch nicht da, Mich Selbst jetzt schon kennenzulernen!"

[GEJ.07_058,30] Darauf begab Ich Mich ein wenig fürbaß, und die ankommenden Griechen lagerten sich im nächsten Zelte. Daß das Morgenmahl für die dreißig Griechen schon bereitet auf dem Tische im Zelte stand, braucht kaum erwähnt zu werden. Es wurde von ihnen auch bald verzehrt.