Gott und die Welt leidenschaftlich lieben
Hildegard von Bingen: Prophetin durch die Zeiten
Von Sr.Philippa Rath OSB

Wenn Johann Wolfgang von Goethe unmittelbar vor seinem Tod, sozusagen in einem letzten Aufschrei, verzweifelt die Worte "mehr Licht!" in die Welt hinausrief, so wird dies wohl nicht zu Unrecht als Ausdruck schmerzlichster und tiefster Sehnsucht des Sterbenden nach dem Transzendenten bewertet. Bis zum letzten Augenblick seines Lebens hat J.W. von Goethe mit und um Gott gerungen. Am Ende dann der Ruf nach dem Licht, das alle Dunkelheit erhellt, das Hoffnung aufstrahlen läßt und den menschlichen Geist erleuchtet und zur Erkenntnis der Wahrheit führt.
Von jeher ist das Licht als Chiffre für Gott, als Bild dafür gebraucht worden, das unsagbare Geheimnis sagbar zu machen und die Frage nach dem Grund und Ziel allen Lebens zu beantworten. "Gott ist Licht", sagt der Evangelist Johannes, und überall da, wo Gott sich in die Geschichte hinein offenbarte, erschien ein überhelles Licht. Licht aber erhellt nicht nur die Finsternis und ermöglicht das wahre Sehen, es spendet und erhält auch Leben, es schenkt Wärme und Heimat und wird damit zum Symbol der Gotteserkenntnis, des Lebens und der Liebe schlechthin.

Begegnung mit dem Licht
Auch das Leben Hildegards von Bingen (1098 - 1179) war bis zu ihrem Tod, bei dem der Legende nach ein strahlendes Licht am Himmel erschienen sein soll, gekennzeichnet vom Licht in all seinen Farben und Schattierungen. Ja mehr noch: das Licht wurde zum Ausgangspunkt, zum zündenden Funken, zum lebensspendenden Feuer für ihr gesamtes Werk. Die Begegnung mit dem Licht traf wie ein Blitz in ihr bis dahin ganz und gar unscheinbares Leben. Sie selbst beschreibt es so: "Im Jahre 1141 der Menschwerdung Jesu Christi, als ich 42 Jahre und sieben Monate alt war, kam ein feuriges Licht mit Blitzesleuchten vom Himmel hernieder. Es durchströmte mein Gehirn und durchglühte meine Brust Und plötzlich erschloß sich mir der Sinn der Schriften..." Und sie vernahm den Auftrag:" Schreibe, was du siehst und hörst!"

Der Einbruch des Lichtes und die damit verbundene Gabe der Schau hat Hildegard von Bingen bis zum heutigen Tag den Namen einer Visionärin und Prophetin verliehen. Wer war diese Frau, die ihre Zeitgenossen gleichermaßen in ihren Bann zog wie die nach Sinn, Ganzheit und Heil suchenden Menschen unserer Tage? Lohnt es sich, ihr Leben und Werk kennenzulernen und sich darin zu vertiefen? Kann der Sprung über 900 Jahre hinweg gelingen, ohne in die Abgründe der Geschichte abzustürzen? Gibt es mehr und andere Vergleichspunkte zwischen der Jahrtausendwende damals und der heute als die allgemeine Glaubens-, Orientierungs- und Haltlosigkeit des Menschen und der steigende Autoritätsverlust der Kirche?

Zunächst: historisch Zuverlässiges wissen wir nur weniges über Hildegard von Bingen. Im Jahre 1098 geboren, entstammte sie dem Geschlecht Bermersheim, einer Familie, die zum fränkischen Hochadel gehörte. Der zeitgenössischen Vita gemäß hatte Hildegard neun Geschwister und wurde - was damals durchaus üblich war - in jugendlichem Alter der Einsiedlerin Jutta von Sponheim, die in einer Klause neben dem Mönchskloster auf dem Disibodenberg lebte, zur Erziehung und Ausbildung übergeben. Schon früh also wurde Hildegard durch den Lebensrhythmus der Benediktiner mit seinem Wechsel von Gebet und Arbeit, Studium und geistlicher Lesung, gemeinschaftlichem Leben und Einsamkeit entscheidend geprägt. Im Jahr 1136 starb Jutta und Hildegard übernahm die geistliche Leitung der kleinen Klostergemeinschaft, die sich im Laufe der Jahre aus der Klause entwickelt hatte.

Bis zu ihrem 41.Lebensjahr vollzog sich Hildegards Leben im schlichten Gleichmaß normalen klösterlichen Alltags. Gleichwohl dürfen wir mit Sicherheit annehmen, daß sie sich in diesen ersten Lebensjahrzehnten eine profunde Bildung und Lehrweisheit angeeignet hat. Obwohl sie sich in ihren späteren Schriften immer wieder als ungelehrte Frau bezeichnete, - eine Tatsache, die sich wohl eher auf das Fehlen einer formalen Ausbildung in den klassischen Disziplinen der Dialektik, Rhetorik und Grammatik bezog - , besaß Hildegard umfangreiche biblische, theologische und philosophische Kenntnisse. Vor allem der Reichtum der biblischen Schriften, der sich ihr vor allem durch die Liturgie erschloß, und der Benediktusregel, ebenso aber die Lektüre der Kirchen- und Mönchsväter waren für sie eine unerschöpfliche Quelle der Inspiration und bildeten die Grundlage für ihr gesamtes Werk. Wissen und Weisheit, natürliches Erkenntnisvermögen und inspirierte Gelehrtheit schmolzen bei ihr zu einer untrennbaren Einheit zusammen.

Himmel und Erde als Spiegel der göttlichen Liebe
Hildegards Werk - und auch das entspricht ganz ihrem Selbstverständnis - trägt stark visionäre und prophetische Züge. Göttlicher Ursprung dessen, was sie im überhellen Licht geschaut und gehört hat, und Sendungsbewußtsein der Prophetin gehören für sie untrennbar zusammen. Ihr prophetischer Geist wollte die Menschen ihrer Zeit aufrütteln, sie zur Umkehr bewegen und der wachsenden Gott-Vergessenheit entgegentreten. Hildegard verstand sich als Anwalt, Sprachrohr und Werkzeug Gottes. Sie lenkte den Blick in ungeschminkter Rede immer wieder neu auf das Geheimnis des Allerhöchsten und erschloß ihren Lesern und Zuhörern die göttliche Liebe als Urgrund und Vollendung allen Seins. Dabei predigte sie keineswegs eine Seelenmystik oder weltlose Innerlichkeit. Ihr ging es um eine religiöse Deutung des gesamten Universums und um ein konsequent gelebtes christliches Leben in der Welt. Alles, Himmel und Erde, Glaube und Naturkunde, das menschliche Leben in all seinen Facetten und Möglichkeiten, ist für sie ein Spiegel der göttlichen Liebe und damit transparent auf den Schöpfer hin.

Drei große theologische Werke hat Hildegard von Bingen verfaßt - nicht aus Freude am Schreiben, wie sie wieder und wieder betont, sondern aus der Verpflichtung heraus, das zu verkünden, was ihr die Erkenntnis der Schau vermittelt hat. Wie groß die Mühe, die sie das Schreiben kostete, und wie stark die inneren Widerstände waren, die sie zu überwinden hatte, schildert Hildegard im Vorwort zu ihrem ersten Hauptwerk "Scivias" (Wisse die Wege): "Erst als Gottes Geißel mich auf das Krankenlager warf, ... legte ich endlich Hand ans Schreiben..." Was dann in den nächsten Jahrzehnten in mühevoller Arbeit entstand, war eines der imponierendsten Weltpanoramen des Mittelalters - übrigens nicht selten als Vorwegnahme bzw. Grundlage von Dantes "Divina Commedia" bezeichnet.

In ihrem ersten Werk "Scivias" schlägt Hildegard den großen heilsgeschichtlichen Bogen von der Schöpfung der Welt und des Menschen über das Werden und Sein der Kirche bis zur Erlösung und Vollendung am Ende der Zeiten. Die ewige Geschichte von Gott und Mensch, das Drama von Abkehr und Hinwendung des Menschen zu seinem Schöpfer, wird hier auf einzigartige Weise zur Darstellung gebracht. Dabei versucht Hildegard, das unsagbare Geheimnis Gottes in immer neuen Bildern anschaulich zu machen. Ihre Visionen, die alle in gleicher Weise komponiert sind (1: das geschaute Bild selbst; 2: die Erklärung des Bildes; 3: die theologische und spirituelle Deutung), faszinieren den Leser durch den souveränen Umgang Hildegards mit den Quellen, die sie völlig frei und schöpferisch in ihre Gesamtschau einfließen läßt. Ebenso beeindruckend aber ist die elementare Sprachgewalt der Bilder, die es allerdings dem heutigen Leser oftmals nicht leicht macht, Hildegards Gedanken und Deutungen zu verstehen. Entsprechend der inhaltlichen Fülle und Vielseitigkeit ihres Werkes verfügte Hildegard auch sprachlich über große Variationsmöglichkeiten: sie beherrschte den narrativen Stil ebenso wie den dramatischen, den wissenschaftlichen in gleicher Weise wie den lyrischen. Sie füllte alte Begriffe mit neuen Inhalten, schuf völlig neuartige Worte, komponierte Lieder und Hymnen und betätigte sich nicht zuletzt auch als Dramaturgin.

Der ewige Kampf zwischen Gut und Böse
Letzteres fand seinen Niederschlag in dem von ihr komponierten und getexteten Singspiel "Ordo Virtutum" (Spiel der Kräfte), in dem Hildegard den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, der sich im Menschen wie auch in der Welt immer neu ereignet, anhand von 35 dramatischen Dialogen zwischen Tugenden und Lastern zur Darstellung bringt. 1152 erlebte das allegorische Musikdrama - das erste mit Musikbegleitung überlieferte überhaupt - seine Uraufführung im Kloster Rupertsberg, in das Hildegard 1150 zusammen mit zwanzig Nonnen nach langen und harten Auseinandersetzungen vom Disibodenberg aus übergesiedelt war. 800 Jahre später, im Jahr 1982, fand dann eine zweite Welturaufführung statt: im monumentalen romanischen Ambiente von Groß St.Martin in Köln.

Seinen theologischen Niederschlag fand das Grundthema des Ordo Virtutum in Hildegards zweitem großen Hauptwerk, dem "Liber Vitae Meritorum" (Buch der Lebensverdienste). Auch hier geht es um die immer wieder zu treffende Entscheidung des Menschen zwischen Gut und Böse, zwischen Glaube und Unglaube, zwischen Hinwendung zu und Abkehr von Gott. Tugenden und Laster begegnen einander - rhetorisch meisterhaft inszeniert - in argumentativen Streitgesprächen. Diese werden immer wieder unterbrochen durch die Worte des "vir" (= Gott), dessen Gestalt vom Himmel bis in die Tiefen des Abgrunds hinabreicht. Der Mensch, so Hildegards Grundanliegen, ist frei geschaffen und sein Leben lang in die Entscheidung gestellt, seiner in der Schöpfung grundgelegten Gottesebenbildlichkeit zu entsprechen. "Werde, was du bist", "Mensch, werde Mensch!" (Jakob Böhme: Das ewige Bildnis)- beide Kurzformeln könnten nahtlos dem Denken Hildegards entnommen sein.

Die Welt als Kunstwerk Gottes
In ihrem dritten Hauptwerk, dem "Liber divinorum operum" (Welt und Mensch), das sie nach elfjähriger Arbeit 1174 abschließt, gelingt Hildegard noch einmal ein großer Entwurf. Die gewaltige Kosmosschrift läßt die Welt vor den Augen des Lesers als Kunstwerk Gottes erstrahlen.
Aus der Urkraft der Liebe Gottes fließen die Schöpfung, die Inkarnation in Gestalt des Sohnes und die endgültige Erlösung des verlorenen Menschen am Ende der Zeiten in einer all-umfassenden Einheit zusammen. Der Mensch erscheint als Mikrokosmos, der in allen seinen körperlichen und geistigen Gegebenheiten die Gesetzmäßigkeiten des gesamten (Makro)-Kosmos widerspiegelt. Im Menschen hat Gott die anderen Geschöpfe gezeichnet und die Menschengestalt dem Bau des Firmaments und des Schöpfungsalls entsprechend geordnet: "So wie ein Künstler seine Formen hat, nach denen er seine Gefäße macht", schreibt Hildegard, "so bildet Gott die Gestalt des Menschen nach dem Bauwerk des Weltgefüges, nach dem ganzen Kosmos". Urformen des Seins sind für Hildegard dabei Kreis und Kreuz - Symbole der göttlichen Liebe, der Einheit und der Erlösung wie auch Chiffren für Zeit und Ewigkeit.

Ihren ganz besonderen Ausdruck haben die Kosmosvisionen in den farbenprächtigen Miniaturen gefunden, die die Visionen Hildegards exakt im Bild sichtbar werden lassen. Insgesamt sind 42 Miniaturen (davon 35 zum "Scivias" und sieben zum "Liber divinorum operum") überliefert. Sie alle sind wohl nicht mehr unter dem direkten Einfluß Hildegards, sondern erst kurz nach ihrem Tod entstanden. Unvergleichlich sind hier vor allem die Darstellungen des Menschen im Kosmosrad, der göttlichen Liebe in Gestalt einer Frau und die Darstellung der Trinitätsvision. Besonders auffallend ist die weit ausholende, der mittelalterlichen Ikonographie entnommene Farbsymbolik, deren sich Hildegard und in ihrem Gefolge die Miniaturen-Maler bedienen. Sie lenkt das Verständnis und die Interpretation immer neu auf das eine, große Grundanliegen des hildegardischen Werkes, das sie am Ende ihres dritten Hauptwerkes noch einmal zusammenfaßt: "Und wiederum sah ich das lebendige Licht und hörte ich eine Stimme vom Himmel, die mich diese Worte lehrte: Nun sei Gott Lob in Seinem Werke, dem Menschen! Um seiner Erlösung willen hat Er die gewaltigsten Kämpfe auf Erden gefochten"...

Die Einheit von Heil und Heilung
Auch die Erlösungsbedürftigkeit des Menschen sah Hildegard ganz unter der Prämisse der untrennbaren Einheit von Kosmologie, Anthropologie und Theologie. Das Licht der göttlichen Gnade, so Hildegard, läßt den Menschen seine Unvollkommenheit und Heilungsbedürftigkeit erkennen. Wer sich des Anrufs verschließt und seine Freiheit im Wahn absoluter Autonomie mißbraucht, gerät in Schuld und Sünde, wird krank an Seele und Leib und bringt damit letztlich auch die Elemente des Kosmos in Aufruhr. Heil und Heilung können so allein von der Hinwendung zu Gott ausgehen, vom Glauben, der die guten Werke und eine maßvolle Lebensordnung hervorbringt und so im ganzheitlichen Sinne heil und gesund macht. Hildegards Sorge um das Heil des Menschen fand auch seinen Niederschlag in einer Vielzahl naturkundlicher und therapeutischer Äußerungen und Anregungen. Bis heute allerdings nicht geklärt ist die Frage, ob die ihr zugeschriebenen Werke "Physica" und "Causae et Curae", in denen es einerseits um die Beschreibung bestimmter Arznei- und Heilmittel geht, andererseits um die Behandlung von Krankheiten, wirklich in ihrer Ganzheit von Hildegard stammen. Solange die Quellen- und Überlieferungsgeschichte dieser Werke weithin im Dunkeln liegt, erscheint es deshalb angezeigt, gegenüber Stichworten wie "Hildegard-Medizin" oder gar "Offenbarungs-Medizin" eher vorsichtig zu sein. Hildegard ging es um eine ganzheitliche, umfassende Sicht des Menschen und der Welt als Schöpfungswerk Gottes, als "Opus Dei", das einerseits reines Geschenk der Gnade Gottes ist, andererseits den Menschen zum Mitschöpfer macht und deshalb als einfordernder Auftrag, der sich im Alltag und in der konkreten (maßvollen) Lebensgestaltung bewähren muß, verstanden werden muß.

Die Wucht der ungeschminkten Wahrheit
Unverwechselbaren Ausdruck verlieh Hildegard ihrem prophetischen Anliegen vor allem auch in ihren Briefen. 390 Schreiben aus ihrer umfangreichen Korrespondenz sind bis heute überliefert: Zeugnisse unerschrockener Direktheit, mahnender Sorge, erfrischend-humorvoller Weitherzigkeit, persönlichen Engagements und weitreichender (kirchen)-politischer Einflußnahme. Einem verzagenden, selbstquälerischen Abt schrieb sie einmal ins Stammbuch: "Denk daran, daß du ein irdischer Mensch bist, und fürchte dich nicht so sehr, denn Gott sucht nicht immerzu Himmlisches in dir!" Hildegard, und das kann man all ihren Briefen entnehmen, war bereits zu Lebzeiten, eine anerkannte Autorität. Ihr Rat war begehrt, auch dann, wenn er oftmals unbequem und keineswegs schmeichelhaft war. Dasselbe berichten ihre zeitgenössischen Biographen von ihren Predigten, die sie überall im Land auf Markt- und auf Domplätzen gehalten hat: in Köln, Trier, Metz, Würzburg und Bamberg, in Siegburg, Eberbach, Hirsau, Zwiefalten und Maulbronn. War das Reisen allein für eine Nonne des 12.Jahrhunderts bereits eine Ungeheuerlichkeit, so waren die Inhalte dessen, was sie ihren Zuhörern bisweilen zumutete, nicht selten ein Skandal. Und dennoch war Hildegard alles andere als eine Revolutionärin. Ihre Theologie war durchaus orthodox, ihre Schau streng ekklesiologisch orientiert und ihr Menschenbild entsprach ganz dem biblischen Fundament.

Was war es also, das die Menschen an dieser Frau so faszinierte und was den Namen Hildegard von Bingen noch heute so unverwechselbar und aktuell erscheinen läßt? War es ihre radikale Ehrlichkeit, ihr kompromißloses Eintreten für die Wahrheit, die sie im himmlischen Licht geschaut hatte und die im ausgehenden ersten Jahrtausend vermeintlich niemand mehr hören wollte? War es ihre kraftvolle und bildreiche Sprache, die es verstand, "alte" Wahrheiten den Menschen auf ganze neue Weise nahe zu bringen? War es ihre wahrhaft kosmische Theologie, die die untrennbare Einheit und Sinnhaftigkeit allen Lebens in ganz neuem Licht erstrahlen ließ? Hildegard war und ist ein ein Mensch, der uns wachrütteln kann, ein Stachel im Fleisch von Kirche und Welt. Sie war Prophetin im wahrsten Sinne: unerschrocken, klar, sich selbst verzehrend im Feuer radikaler Nachfolge. Bis zuletzt blieb sie Vorkämpferin für einen gelebten Glauben und Anwältin der Liebe und Gerechtigkeit. Das zeigt ein noch einmal ein Ereignis kurz vor ihrem Tod: Hildegard begrub den Leichnam eines jungen Edelmannes, der zwar exkommuniziert, aber vor seinem Tod durch den Empfang der Sakramente wieder in die Kirche zurückgekehrt war, auf ihrem Klosterfriedhof. Die Prälaten des Bischofs von Mainz, die von der Umkehr des Edelmannes keine Kenntnis hatten, forderten die Exhumierung des Leichnams, da dieser nicht in "geweihter Erde" habe beerdigt werden dürfen. Hildegard aber weigerte sich und verhinderte die gewaltsame Herausgabe, in dem sie den Friedhof umpflügen ließ und so das Grab des jungen Mannes unkenntlich machte. Die unbeugsame Haltung Hildegards wurde mit dem Interdikt bestraft. Die Klostergemeinschaft wurde ihres Herzstückes beraubt: sie durfte nicht mehr öffentlich das Gotteslob vollziehen und der Kommunionempfang wurde ihr verboten. Erst nach zwei Jahren zähen Ringens erreichte die Äbtissin vom Rupertsberg die Aufhebung des Interdikts. Der letzte Rest ihrer Lebenskraft war aufgezehrt. Hildegard starb am 17. September 1179.

Schon wenige Jahre nach ihrem Tod, 1223, wurde der Heiligsprechungsprozeß eingeleitet. Warum dieser sehr bald buchstäblich im Sande verlief, ist bis heute nicht geklärt. Zuletzt versuchten die deutschen Bischöfe im Jahr 1978, Hildegard den Titel einer Kirchenlehrerin zu verleihen. Auch diesem Versuch aber war kein Erfolg beschieden, da Hildegard - so die Nachricht aus Rom - zunächst einmal heiliggesprochen werden müsse. Doch ob mit oder ohne amtliche Bestätigung: Hildegard von Bingen ist längst eine Lehrerin der Kirche geworden. Unzählige Menschen verehren sie als Heilige und pilgern auf ihren Spuren. Hildegards Ruf in die Zeit scheint also damals so aktuell gewesen zu sein wie heute. Es ist ein Ruf, der zu einer ganz persönlichen Antwort herausfordert - vor 900 Jahren ebenso wie auch heute - ein Ruf, der ungeahnte schöpferische Kräfte freisetzen könnte.

 

Zeittafel

1098
Hildegard wird in Bermersheim bei Alzey geboren

ca. 1112
Eintritt in die dem Mönchskloster Disibodenberg angeschlossene Klause Jutta von Spanheims

1136
Hildegard wird zur Äbtissin des aus der Klause entstandenen Nonnenklosters gewählt

1141-1151
Arbeit am "Scivias", an zahlreichen Liedkompositionen und am Mysterienspiel "Ordo Virtutum"

1147/48
Auf einer Reformsynode in Trier beglaubigt Papst Eugen III. Hildegards Schriften

1150
Übersiedlung mit zwanzig Nonnen in das errichtete Kloster auf dem Rupertsberg bei Bingen

zwischen
1158 und 1170

Mehrere öffentliche Predigten u.a. in Mainz, Würzburg, Bamberg, Trier, Metz und Köln

1158-1173
Arbeit am "Liber Vitae Meritorum", an den heilkundlichen Schriften und am "Liber divinorum operum"

1165
Hildegard gründet ein zweites Kloster in Eibingen oberhalb von Rüdesheim

1174/75
Der Mönch Gottfried beginnt mit der seiner Hildegard-Vita

1178
Konflikt mit der Mainzer Bistumsverwaltung, über das Kloster Rupertsberg das Interdikt verhängt

17.9.1179
Hildegard stirbt im Kloster Rupertsberg

ca.1180-1190
Der Mönch Theoderich vollendet die von Gottfried begonnene Vita

ca.1223-1237
Das Heiligsprechungsverfahren für Hildegard scheitert aus unbekannten Gründe

1632
Zerstörung des Klosters Rupertsberg in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges

1802
Aufhebung des Eibinger Klosters im Zuge der Säkularisation

17.9.1904
Benediktinerinnen der Abtei St.Gabriel in Prag besiedeln die neu errichtete Abtei St.Hildegard oberhalb des alten Klosters Eibingen

1978-1994
Textkritische Editionen aller Hauptwerke der hl.Hildegard

Lebenskultur im Geist des heiligen Benedikt
Hildegard von Bingen - Lehrmeisterin für unsere Zeit?

Von Sr.Philippa Rath OSB
In der "ZEIT" schrieb Marion Gräfin Dönhoff vor nicht allzu langer Zeit den für mich bemerkenswerten Satz: "Erst allmählich zeigt sich, daß die säkularisierte Emanzipation und das ungebremste Streben nach immer neuem Fortschritt, nach Befriedigung der ständig zunehmenden Erwartungen und nach wachsender Macht zu Sinn-Armut, Vereinsamung und Entfremdung führt.
Die totale Säkularisation, also die ausschließliche Diesseitigkeit, die den Menschen von seinen metaphysischen Quellen abschneidet und ihn auf die Belange dieser Welt beschränkt, ... kann als einzige Sinngebung auf die Dauer den Menschen nicht befriedigen."
Ein solches Wort läßt aufhorchen. Nicht nur, weil es die geistigen "Grenzen des Wachstums" aufzeigt und die Schattenseiten der (post)-modernen säkularen Gesellschaft offen beim Namen nennt, sondern vor allem, weil es auch die Wurzel des Übels deutlich ins Gedächtnis rufen: Der Mensch des ausgehenden 20. Jahrhunderts hat den Kontakt zu seinen Lebensquellen verloren. Er ist im wahrsten Sinne "abgeschnitten" vom Ursprung und Grund seines Seins. So, scheinbar befreit von aller Rückbindung, schwebt er nun im leeren Raum, ist haltlos und orientierungslos - dürstend nach Sinn und ständig auf der Suche nach sich selbst.

Daß Marion Dönhoffs nüchterne und in einem ganz konkreten Sinn wegweisende Gegenwartsanalyse aber nicht nur für unsere Zeit zutreffend ist, zeigt ein Blick zurück in die Geschichte. Vor fast 900 Jahren schrieb Hildegard von Bingen in ihrem großen Alterswerk "Welt und Mensch" ihren Zeitgenossen folgendes ins Stammbuch:

"O Mensch, achte auf die Worte desjenigen, der war und der ist, ohne dem Wandel der Zeiten unterworfen zu sein. Wer zu seinem Schöpfer aufblickt und sagt 'Mein Gott bist du', der entzündet das Feuer der Liebe, aus dem alles Leben und alles Gute hervorgeht...Der Mensch hat die Wahl, denn er kann nicht zwei Herren dienen. Wer etwas anderem dient als Gott, der schaut nur auf sich selbst und kann mit dem, was er schafft, keinem anderen dienen. Wer aber Gott und seinen Willen erkennt und ihm dient, der leuchtet wie die Sonne und wandelt im Licht der Wahrheit."

Die Sprache ist eine andere. Aber ist das, was Hildegard hier beschreibt, nicht dem, was Marion Dönhoff meint, verblüffend ähnlich? Gehen wir noch einmal 600 Jahre zurück. Im 6. Jahrhundert lebte ein Mann, der aus langer gelebter Erfahrung eine Lebensregel für Mönche niederschrieb - Benedikt von Nursia, der Vater des abendländischen Mönchtums und der Patron Europas. Er legte seinen Brüdern (und Schwestern) im Prolog zur Regel folgende Mahnung ans Herz:

"Öffnen wir unsere Augen also dem göttlichen Licht und hören wir mit aufgeschreckten Ohren, wozu uns die mahnende Stimme ruft: Wenn ihr heute seine [Gottes} Stimme hört, verhärtet eure Herzen nicht ... Lauft, so lange ihr das Licht des Lebens habt."

Wiederum ist die Sprache eine ganz andere. Aber der Inhalt? Fragen wir uns, was die drei prophetischen Mahnungen aus ganz verschiedenen Epochen gemein haben. Zum einen: sie alle sind in eine gesellschaftliche Umbruchs- und religionsgeschichtliche Wendezeit hinein gesprochen. Gegebene Wertordnungen und Lebensmodelle hatten und haben sich als nicht mehr tragfähig erwiesen. Orientierungs- und Haltlosigkeit bestimmen das Bild. Zugleich aber ist da die Suche nach dem, was bleibt, was festen Grund gibt, um in einer sich wandelnder Zeit bestehen zu können.

Zum anderen: alle drei haben den Mut, auf die Transzendenz hinzuweisen. Sie zeigen dem Menschen und seinem Machbarkeitswahn (der offenbar zu allen Zeiten derselbe war) seine Grenzen auf. Und sie rufen ihn zur Umkehr: unmißverständlich, klar, ohne faule Kompromisse. Und schließlich: sie wagen es, Alternativen zu benennen, Werte und Wege aufzuzeigen, mit deren Hilfe Leben gelingen kann.

Jede Zeit braucht ihre Propheten, heißt es - Menschen, die ansagen, was die Stunde geschlagen hat. Manchmal weisen die Propheten aber auch über ihre Zeit hinaus und haben den Menschen aller Zeiten etwas zu sagen. Benedikt von Nursia und Hildegard von Bingen waren solche Menschen. Sie können auch heute richtungweisend sein - durch ihr Wort und durch ihr Lebensbeispiel. Beide hatten den Mut, gegen den Strom zu schwimmen und die Welt prophetengleich aus wahrhaft 'ver-rückter' Perspektive zu betrachten. Benedikt, der mit seiner Lebensregel die ganze abendländische Kultur geprägt und ihr die entscheidenden Werte vermittelt hat, und Hildegard von Bingen, die in ihrer Zeit im Geist benediktinischer Lebensordnung lebte und ihn in ganz eigenständiger Weise neu geprägt und weitergegeben hat.

Es lohnt sich also, diesem Geist und diesen beiden Persönlichkeiten nachzuspüren. Vielleicht können sie auch helfen, die von Marion Dönhoff eingangs benannten Fragen unserer Zeit einer Lösung ein wenig näherzubringen.

Die Suche nach dem transzendenten DU
Hildegard von Bingen verstand sich als Prophetin. Vor allem anderen sah sie sich berufen,
ihre Zeitgenossen aus dem "Schlaf der Gottvergessenheit" wachzurütteln. In immer neuen Bildern beschreibt sie in ihren Werken, daß solche Gottvergessenheit, wie sie es nennt, ins Chaos führt - ins Chaos der individuellen menschlichen Beziehungen, aber auch zur Zerstörung des Kosmos insgesamt. Ohne Einschränkung verweist sie die Menschen auf Gott als den Schöpfer aller Dinge. Nur in Ihm kann der Mensch den wirklichen und wahren Sinn seines Lebens finden. Spüren nicht auch wir heute immer deutlicher, daß der Mensch sich selbst niemals genug sein kann und nur dann Sinn findet, wenn er über sich selbst hinausschaut?. Kein innerweltliches Glück, weder Erfolg noch Macht, weder Konsum noch Leistung vermögen ihn auf Dauer zu befriedigen - das wußte Hildegard, und das wissen im Grunde auch wir. Seine Ursehnsucht und seine Suche nach Sinn verweisen den Menschen auf das Absolute und auf das Ewige. Das ist eine Wahrheit, die zu allen Zeiten ihren Bestand hatte.

Nicht umsonst steht die Suche nach Gott für Benediktinerinnen und Benediktiner seit jeher im Mittelpunkt ihres Lebens. Auch Hildegard war und blieb immer eine Suchende und Fragende. Gott und seinen Willen suchen in allen Dingen, in den großen Vollzügen des Lebens, aber auch in den scheinbaren Banalitäten des Alltags - das war ihr Lebensprogramm. Dabei blieb sie allerdings stets nüchtern und illusionslos, fest verwurzelt im Glauben und im Vertrauen auf eine immer neue Zukunft in Gott. Die Suche nach dem Transzendenten also - wäre sie nicht auch heute im wahrsten Sinne des Wortes not-wendend für unsere Zeit? Suchen nicht auch wieder zunehmend viele Menschen nach diesem sie selbst übersteigenden Ursprung und Ziel - oft allerdings auch dabei steckenbleibend im Vorletzten? Der personale Gott läßt sich finden, wenn wir ihn suchen. Aber "machen" können wir dies nicht - nicht durch noch so ausgefeilte Techniken, Meditationsübungen oder Kurse. Das Bild der leeren Hände und offenen Herzen, in die sich die Gnade ergießt, ist dabei keineswegs ein frommer Überbau. Es wird Realität, wenn es uns gelingt, von uns selbst weg auf den ganz Anderen zu schauen.

Ehrfurcht - ein vergessener Wert?
Hildegard verweist ihre Zeitgenossen in einem weiteren Schritt auf die Dankbarkeit. Für sie ist das Leben Geschenk, sie weiß sich verdankt und ruft dazu auf, den Irrglauben einer falschen Autonomie über Bord zu werfen. Wer sich verdankt weiß, erfährt, daß eben nicht alles machbar ist, daß vieles, ja das Wesentliche unseres Lebens, Geschenk ist und nur dankbar staunend angenommen werden kann. Wer sich verdankt weiß, der wird auch mit dem Leben, mit allem Leben, ehrfürchtig und mit Achtung umgehen. Auch hier war Hildegard ganz Benediktinerin, heißt es doch in der Regel des hl. Benedikt: "Die Brüder und Schwestern sollen einander in Ehrfurcht zuvorkommen", und an anderer Stelle: "sie sollen alles wie heiliges Altargerät behandeln". Alles - jeden Menschen ohne Ausnahme, jedes Tier und jede Pflanze, auch alle Dinge - in Ehrfurcht betrachten, im Wissen um die Größe und Schönheit allen Lebens und das Wunder Gottes, das uns in allem Geschaffenen begegnet. Hildegard hat gezeigt, daß dies kein Traum bleiben muß. Jeder kann bei sich selbst anfangen, kann der Wegwerfmentalität im eigenen Herzen begegnen. Und vielleicht wird mancher staunen, wie sehr sich auch durch kleine Schritte die Welt verändern kann. Wäre die Wiederentdeckung der Dankbarkeit und der Ehrfurcht nicht ein Schritt zur Wiederherstellung gesunder menschlicher Beziehungen - im Großen wie im Kleinen, in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft ebenso wie im normalen Alltag?

Das Maß aller Dinge
Auf dem Weg zu einer neuen Ehrfurcht nennt Hildegard von Bingen als wichtiges Hilfsmittel die "Discretio", die weise Maßhaltung und Unterscheidung, die Benedikt in seiner Regel einst als "Mutter aller Tugenden" bezeichnet hat. Die Maßlosigkeit war und ist offenbar zu allen Zeiten die Versuchung schlechthin. Liegt ihr Ursprung nicht im Bestreben des Menschen, in allem autark und autonom zu sein, niemanden zu brauchen und alles selbst zu beherrschen? Doch nicht erst wir Heutigen wissen, sondern auch Hildegard wußte bereits, daß solche Art Unmäßigkeit und Maßlosigkeit im wörtlichen Sinne weitreichende Folgen haben kann. Die vielen verschiedenen Formen der Sucht in unserer Zeit - Alkohol, Tabletten-, Drogen-, aber auch Arbeits-, Freizeit-, und Spielsucht - sprechen davon eine beredte Sprache. Sie alle, das wissen wir nur zu gut, sind Fehlformen, die aus ungestillter Sehnsucht nach heilem Leben erwachsen. Ausgewogene und maßvolle Lebensführung dagegen kann solchen "Krankheiten" vorbeugen und darüberhinaus die Grundlage für eine neue Kultur des Alltags schaffen. "Ordo" und "Regula", Schlüsselbegriffe benediktinischen Lebens, weisen den Weg zu einer Lebensordnung, die zu heilen vermag. Das gilt für alle Bereiche des Lebens: für Essen und Trinken, Schlafen und Wachen, Bewegung und Ruhe, Schweigen und Kommunikation, Arbeit und Muße, Einsamkeit und Gemeinschaft. Hildegard, die Zeit ihres Lebens in der Ausgewogenheit des benediktinischen "Ora et Labora" lebte, hat eine solche im wahrsten Sinne heil-bringende Ordnung immer neu im Bild der Harmonie beschrieben. Sich einfügen in das Ordnungsgefüge der Welt, Mitschwingen in der Harmonie des Kosmos und des Lebens, darum geht es. Und um das rechte Verhältnis der Lebensvollzüge, um das, was man heute Lebenstil nennen würde. Der Mensch braucht die Anstrengung ebenso wie das Zur-Ruhe-Kommen, die Stille ebenso wie die Unterhaltung, die Hinwendung zum Mitmenschen ebenso wie die Hinwendung zu Gott. Mit dem, was manche Zeitgenossen heute als Lustprinzip bezeichnen, hat das nur wenig zu tun. Auch die vielzitierten, sogenannten "Sachzwänge" würde Hildegard nicht gelten lassen. Denn meist genügt schon ein kleiner Schritt, um die Meßlatte für Sinn, Inhalt und Ausrichtung des alltäglichen Lebens im Sinne der "Discretio" wieder zurechtzurücken. Allerdings braucht es dazu den konkreten Willen zur Veränderung. Die Möglichkeit der Einsicht dazu hat der Mensch durch seinen Verstand. Er ist eben nicht dem eigenen Sosein hoffnungslos ausgeliefert, sondern kann sein Leben ändern. Er ist in der Lage, in Freiheit das rechte Maß zu finden und das Gute zu tun, denn, so wußte Hildegard von Bingen schon vor 900 Jahren: "O Mensch, du hast das Wissen um das Gute und Rechte in dir selbst. Deshalb kannst du dich durch nichts entschuldigen". Womit entschuldigen wir uns?

Die armen Reichen und die reichen Armen
Eng verbunden mit der "Discretio" ist für Hildegard der Wert der Armut im umfassenden Sinne. Armut hat im heutigen Sprachgebrauch einen ausschließlich negativen Klang. Im benediktinischen Sinne geht es bei der Armut nicht um die Idealisierung von Not oder Mangel, sondern um ein konkretes Mehr an Leben, um ein Reicherwerden an Freiheit - im Loslassen der Dinge, die uns binden. Mehr Lebensqualität kann durchaus darin bestehen, sich zu bescheiden und die eigenen Grenzen anzuerkennen, nicht aus Zwang, sondern freiwillig, großmütig und gern. Gewinn durch Verzicht - wäre das nicht auch heute ein ganz und gar alternatives Lebensmodell? Dabei muß freilich der ganze Mensch in den Blick genommen werden. Zu allen Zeiten strebten die Menschen danach, zu haben, zu besitzen, mehr zu haben und immer mehr zu besitzen - und das nicht nur in materiellem Sinne. Der Mensch kann vieles, ja nahezu alles haben wollen: Begabung, Wissen, Zeit, Ehre, Ansehen, Beruf, Erfolg, Geld, Freiheit, Sicherheit, Gesundheit, Schönheit, Macht, Recht, Liebe, um nur einiges zu nennen. Wer aber alles haben will, der hat am Ende nichts. Wenn Hildegard und lange vor ihr der heilige Benedikt von Armut und Demut - diesem heute so vielfach verkannten Wert - sprechen, dann geht es ihnen darum, von "Menschen des Habens" zu "Menschen des Seins" zu werden. In der Freiheit des Loslassen-Könnens, des Verzichts z.B. auf bestimmte Lebensmöglichkeiten, Ausdrucksformen, Ideen und Ideale liegt für sie der eigentliche, oft ungeahnte Reichtum des Lebens. Nur, wer sich selbst loslassen kann, ist auch in der Lage, sich selbst zu überschreiten - hinein in die Unendlichkeit. Ahnen wir eigentlich noch, daß es durchaus möglich sein kann, sich selbst zu verwirklichen, in dem man sich selbst zurücknimmt? Wissen wir noch - oder vielleicht wieder - , daß das Wesentliche des Lebens eben nicht darin besteht, alles zu haben und alles zu tun, was wir tun möchten und tun können? Dies alles hat nichts mit Einschränkung und Minderung zu tun, viel aber mit wahrer Freiheit und mit Verantwortung. Vielleicht brauchen wir heute eine neue Befreiung, eine Emanzipation von der Versklavung an die Selbstsucht - hinein in eine neue Freiheit in Gebundenheit und Verantwortung.

Weltgestaltung in Freiheit und Verantwortung
Die Spannungseinheit von Freiheit und Verantwortung ist vielleicht der für uns heute wichtigste Kerngedanke, den uns Hildegard von Bingen ans Herz legt. Zwar ist der Mensch frei erschaffen, aber diese Freiheit darf keineswegs mit Beliebigkeit oder gar Willkür gleichgesetzt werden. Der Mensch ist Geschöpf und von daher eingebunden in die Schöpfungsordnung. Er ist immer und von jeher Gerufener, Hörender und Antwortender zugleich. Es lohnt sich an dieser Stelle, einen Blick in die Benediktus-Regel zu werfen, aus der Hildegard gelebt und geschöpft hat. Nicht umsonst beginnt dieser auch nach 1400 Jahren noch faszinierende Text mit dem Wort "Höre!" - "Obsculta o fili, praecepta magistri" (Höre, mein Sohn, auf die Weisung des Meisters). Hören setzt Schweigen voraus, ebenso aber die Bereitschaft, dem Anruf in Freiheit zu antworten. Ant-wort und Ver-antwort-ung gehören dabei untrennbar zusammen. Für Hildegard wie für Benedikt ist der Mensch nicht nur "Opus", freies Geschöpf Gottes, sondern zugleich auch "Operarius", Mitschöpfer Gottes, der die Weltkräfte kultiviert und sie zum Wohle aller gebraucht. Der Mensch hat einen Auftrag in der Welt und an der Welt und trägt Verantwortung für sich selbst wie für die gesamte Schöpfung. Das gilt für jede und jeden, nicht nur für die Großen und Mächtigen. Hildegard betont dabei immer wieder die Wechselwirkung zwischen dem Handeln des einzelnen und den Auswirkungen dieses Handelns auf das Ganze dieser Welt. Mikro- und Makrokosmos sind wechselseitig Spiegel füreinander. Das gilt im positiven wie im negativen Sinne. Nichts geht verloren oder ist unwichtig. Kein Bemühen ist umsonst. Ist dies nicht ein tröstlicher, aber auch ein ungeheuer herausfordernder Gedanke angesichts des in unserer Zeit oft so entsetzlichen Gefühls der Ohnmacht und des Ausgeliefertseins an anonyme Mächte und Gewalten? Wissen wir überhaupt noch um diese einmalige Würde des Menschen, die ihn befähigt, sich selbst und die ganze Welt sinnvoll zu gestalten? Schaffen wir uns noch Raum für das Schweigen, aus dem erst das Hören geboren werden kann und in einem zweiten Schritt das zielorientierte Handeln möglich wird? Haben wir den Mut zur Veränderung: in Freiheit und Verantwortung?

Liebe und Barmherzigkeit als Heilmittel für eine kranke Welt
Ein Letztes: in Freiheit übernommene Verantwortung für sich selbst und für die ganze Welt ist für Hildegard ein schöpferischer Akt der Liebe. Es ist die liebende Antwort des Menschen auf die unendliche, ganz und gar ungeschuldete, immer schon dagewesene Liebe Gottes zum Menschen. Die Liebe bewegt die ganze Welt, sie sitzt genau in der Mitte der Achse und entscheidet darüber, ob die Welt im Lot bleibt oder aus den Fugen gerät. Das zeigt einmal mehr, daß Liebe im eigentlichen Sinn nicht erstlich eine Sache des Gefühls ist. Hildegard, wie nach ihr der große Thomas von Aquin, versteht die Liebe als eine vernünftige, geordnete, bewußt gewollte und weise Lebenskraft, die schöpferisch wirkt und alles zusammenhält. Daß solche Liebe auch Mühe kostet und Kraft, ja sogar Leiden schaffen kann, ist selbstverständlich. Die Liebe ist für Hildegard "brennende Vernunft", "rationalitas", in der Gottes Geist selbst west und immer neu - oft unter Schmerzen - Leben schafft. Liebe hat also mit Vernunft zu tun. Sie muß gewollt sein und erstrebt werden. Wäre nicht auch das für uns heute ein geradezu revolutionärer Gedanke? Wissen wir überhaupt noch um eine solche vernünftige, auch kämpferische Liebe - oder baden wir nur noch in der unverbindlichen Gefühligkeit dessen, was moderne Zeitgenossen uns als wahre Liebe verkaufen wollen? Die Liebe beweist sich in der Standhaftigkeit und Treue und ist deswegen keineswegs immer der leichtere, wohl aber der wahrhaftigere Weg.

Gilt die Liebe allen Menschen - und das wäre das Ziel -, so erweist sie sich vor allem in der Barmherzigkeit, die einer für den anderen aufzubringen bereit ist. Für Hildegard - und auch hier steht sie ganz in der Tradition des hl. Benedikt - ist solche Barmherzigkeit die "magna medicina", die Medizin für Leib und Seele schlechthin. Wer barmherzig sein kann mit sich und vor allem mit anderen, der weiß um seine eigene Begrenztheit und Schwäche, besitzt aber gleichermaßen eine Ahung dessen, wie Gott sich den Menschen und seine ganze Schöpfung ursprünglich gedacht hat. Er kann Fehler nachsehen, strahlt Güte aus und vor allem Geduld. Uns Heutigen sind solche Haltungen vielfach abhanden gekommen, obwohl wir uns im Grunde unseres Herzens so sehr danach sehnen. Besinnung tut da not, aber auch Neuanfang in kleinen Schritten. Wie befreiend und tröstlich kann es sein, wenn wir Menschen begegnen, die etwas ausstrahlen von dem, was im wahrsten Sinne des Wortes Heil und Leben spendet. Benedikt von Nursia und Hildegard von Bingen waren solche Menschen. Doch auch heute können wir Menschen dieser Art begegnen oder danach streben, solche zu werden. Wir sollten sie nicht vorschnell als weltfremde Utopisten und Träumer abtun. Denn sind sie es nicht eigentlich, die uns hoffen lassen? Hoffen, daß es sich lohnt, zu werden, was wir sind: Menschen?

Himmlisches mit Irdischem verbinden
Die Welt der Hildegard von Bingen

von Sr.Philippa Rath OSB

"Himmlisches mit Irdischem verbinden" - das war zu allen Zeiten die besondere Aufgabe derer, die ihr Leben nach der Weisung des heiligen Benedikt ausrichten. Benediktinerinnen und Benediktiner - als Gesegnete und als Segnende, wie es ihr Name besagt - wollen Brückenbauer sein zwischen Himmel und Erde. In dem sie mit beiden Beinen fest auf der Erde stehen und doch zeichenhaft an die eschatologische Dimension des Lebens erinnern, wollen sie mitwirken an der Verwandlung der Welt. Hildegard von Bingen war in diesem Sinne ganz eine Tochter des heiligen Benedikt. In ihrer Person verbanden sich scheinbar unvereinbare Gegensätze zu einer Spannungseinheit, die ungeahnte Kräfte und Möglichkeiten freisetzte - vor 900 Jahren und auch heute.Wer war diese Frau, die ihre Zeitgenossen gleichermaßen in ihren Bann zog wie die nach Sinn, Orientierung, Ganzheit und Heil suchenden Menschen unserer Tage? Kann ein Sprung über 900 Jahre hinweg gelingen, ohne in die Abgründe der Geschichte abzustürzen? Gibt es mehr und andere Vergleichspunkte zwischen der Jahrtausendwende damals und der heute als die allgemeine Glaubens- und Haltlosigkeit des Menschen und der steigende Autoritätsverlust der Kirche?

Zunächst gilt es ganz nüchtern festzuhalten: Historisch Zuverlässiges wissen wir nur wenig über Hildegard von Bingen. Als Hauptquelle bleibt bis heute eigentlich nur die zeitgenössische Vita, die von den Mönchen Gottfried und Theoderich noch zu Lebzeiten Hildegards begonnen und kurz nach ihrem Tod fertiggestellt wurde.

Hildegards Lebensweg läßt sich deutlich in drei Abschnitte einteilen: 1) die Kindheit in der Geborgenheit der (adligen) Familie, 2) der Rückzug aus der Welt in die Einsamkeit des klösterlichen Lebens; 3) der Auszug aus der Einsamkeit in das öffentliche Wirken. In diesem klassischen Dreischritt unterscheidet sich der Lebensweg Hildegards kaum von dem der großen Gestalten des Mönchtums, denken wir nur an den berühmten Wüstenvater Antonius (+ 356), dessen Vita der hl. Athanasius überliefert hat, oder an den heiligen Benedikt, dessen Leben Papst Gregor der Große beschrieben.

 

Kindheit in Bermersheim - historisches Umfeld

 

Folgen wir ihrer Spur vom Beginn an: Geboren wurde Hildegard von Bingen im Jahr 1098 - das genaue Datum ist unbekannt, da es bis ins späte Mittelalter hinein üblich war, nur die Todestage zu dokumentieren. Hildegard wurde in eine Zeit des Umbruchs hineingeboren, eine Wendezeit - wie man heute sagen würde. Im 11. Jahrhundert (1054) war es zu dem verhängnisvollen Riß zwischen Rom und Byzanz und zu der Spaltung in eine West- und Ostkirche gekommen. Die eine Christenheit war zerbrochen. Im Westen tobte der Streit zwischen Kaiser und Papst um die Oberhoheit im Reich. Die Kaiser wollten ihre Rechte erweitern, die mächtigen und machtbewußten Päpste dagegen ihre geistliche Vollmacht auf die politische Ebene weiter ausdehnen. Im Jahr 1097, ein Jahr vor Hildegards Geburt, brach der erste Kreuzzug in den nahen Osten auf. 1099 - ein Jahr nach ihrer Geburt - wurde Jerusalem von den Kreuzfahrern zurückerobert und damit das Vordringen des Islam zunächst einmal gestoppt.

Im Zuge der Kreuzzugsbewegung - eines der dunkelsten Kapitel der Kirchengeschichte - ereignete sich allerdings auch eine bis dahin nicht gekannte Begegnung der verschiedenen Kulturen. Diese wirkte sich auf das ganze Abendland aus, und auch Hildegard profitierte später z. B. in ihren Studien der aristotelischen Schriften und der Werke arabischer Natur- und Heilkunde nachhaltig von diesem Austausch. Auch in die Theologie kam im 11. und 12. Jahrhundert Bewegung. Mit Anselm von Canterbury und Petrus Abaelard begann die Frühscholastik, die nach Einsicht und Verständnis des Glaubens und nach einer Übereinkunft von Glauben und Wissen strebte. Sie löste im 12. Jahrhundert die sogenannte Monastische Theologie ab, zu deren letzten großen Vertretern Hildegard von Bingen zu rechnen ist.

Worin bestand der Unterschied zwischen der Monastischen und der Scholastischen Theologie ? Kurz gesagt geht es dabei um zwei verschiedene Wege der Erkenntnis: Die Monastische Theologie, die aus der Tradition und dem Umfeld der Klöster erwachsen war, fußte auf dem Dreischritt "Lectio" (Lesen und Betrachten der hl.Schrift), "Meditatio" (Meditation und inneresVerkosten der biblischen Texte) und "Oratio" (Gebet); die spätere Scholastische Theologie vollzog dagegen den Dreischritt "Lectio" (Lektüre der Texte), "Quaestio" (Formulierung der Fragestellung), und "Disputatio"(kontroverses Gespräch über die Frage). Während Letztere vornehmlich nach Wissen und Wissenschaft strebte, ging es der Monastischen Theologie vor allem um die Weisheit, um das innere Verstehen der Dinge, um die Erkenntnis der übergeordneten Zusammenhänge und um das tiefe Erkennen des Wesens alles Geschaffenen. Hildegard steht noch ganz in der Tradition dieses Erkenntnisvorgangs. Sie denkt symbolisch und versucht, hinter allen äußeren Erscheinungen eine analoge geistige und geistliche Bedeutung zu finden, um so Gott, Welt und Mensch als Ganzes zu deuten.

Erste Begegnung mit dem Licht 

Schon im frühen Kindesalter von drei Jahren hat Hildegard, wie sie selbst es später beschrieben hat, "ein so großes Licht gesehen, daß meine Seele erbebte" (Vita, S. 64). In der Begegnung mit dem Licht - später von ihr selbst das "Lebendige Licht" genannt - schaute und sah sie Dinge, die für andere unsichtbar und auch ihr selbst lange unverständlich blieben. Viele Jahre schwieg und erzählte sie niemandem von diesen ihren Erfahrungen. Doch später hat sie den Einbruch des Lichtes in ihr Leben als Zeichen der Erwählung und Berufung von Anfang an gedeutet: "Die Gabe der Schau", so schrieb sie, " wurde meiner Seele schon vor meiner Geburt vom Schöpfergott eingeprägt" (Briefwechsel, S.236) Licht war und ist von jeher ein Zeichen für Gott und seine Selbstoffenbarung an den Menschen und wird als Bild dafür gebraucht, das unsagbare Geheimnis sagbar zu machen. 

Auf dem Disibodenberg 

Im jugendlichen Alter übergaben ihre Eltern Hildebert und Mechthild Hildegard der Klausnerin Jutta von Sponheim auf den Disibodenberg zur Erziehung. Was für heutige Ohren befremdlich klingen mag, war damals keineswegs unüblich. Seit Generationen waren die Klöster anerkannte Hochburgen klassischer Bildung und Wissenschaft und übten bis zum Aufkommen der Universitäten im ausgehenden 12. Jahrhundert eine große Anziehungskraft auf die bildungshungrigen Mitglieder des europäischen Adels aus. Der Disibodenberg in seiner noch heute spürbaren geheimnisvollen Entrücktheit übte darüberhinaus seit Jahrhunderten eine geradezu magische Anziehungskraft auf die regionale Bevölkerung aus. Im 7. Jahrhundert hatte hier der irische Missionar Disibod dort zunächst als Einsiedler begonnen und später den Grundstock für ein Kloster gelegt, das zu Zeiten Hildegards bereits weithin bekannt und angesehen war. Jutta von Sponheim hatte im Schatten der mächtigen Benediktinerabtei im Jahr 1106 eine Frauenklause gegründet. Sie nahm in einer Seitenkapelle am Chorgebet der Mönche teil und führte ansonsten das Leben einer Reklusin und Leiterin der kleinen Frauengemeinschaft.

Der Alltag in der Frauenklause war geprägt durch den typisch benediktinischen Lebensrhythmus mit seinem Wechsel von Gebet und Arbeit, Studium und geistlicher Lesung, gemeinschaftlichem Leben und Einsamkeit. Hier lernte Hildegard Lesen und Schreiben, hier wurde sie unterwiesen im Psalmengesang, in der lateinischen Sprache, im Gesang und in der damals noch üblichen Neumennotation. Hier übte sie sich in der Betrachtung und Meditation der hl. Schrift und im Gebet. Der Dreischritt "Lectio", "Meditatio" und "Oratio", die Grundlage der Monastischen Theologie, wurde ihr so sozusagen von Kindheit an zur zweiten Natur. Fast 40 Jahre vollzog sich Hildegards Leben in diesem schlichten Gleichmaß benediktinischen Alltags.

Auf dem Disibodenberg hat sich Hildegard - vermittelt durch die Meisterin Jutta und durch den Mönch Volmar, der später ihr Sekretär werden sollte - aber auch eine profunde Bildung und Gelehrsamkeit angeeignet. Obwohl sie sich in ihren Schriften später immer wieder als ungelehrte Frau, als "forma indocta" und als "simplex homo" bezeichnete, besaß sie dennoch umfangreiche biblische, theologische, philosophische und naturkundliche Kenntnisse.

Begegnung mit dem Lebendigen Licht 

Biographisch gesehen ist das Jahr 1141 wohl das entscheidene Lebensjahr Hildegards gewesen. Denn von nun an sollte sich ihr Leben dramatisch ändern. Es begann der Lebensabschnitt, der ihr die alsbaldige Verehrung als Heilige eintrug und ihr später die Titel "prophetissa teutonica", "Posaune Gottes", erste deutsche Theologin, Komponistin und Naturforscherin verlieh. Sie selbst beschrieb diese entscheidende Wende in ihrem Leben im Vorwort zu ihrem Erstlungswerk "Scivias":

"Im Jahre 1141 der Menschwerdung Jesu Christi, als ich 42 Jahre und sieben Monate alt war, kam ein feuriges Licht mit Blitzesleuchten vom Himmel hernieder. Es durchströmte mein Gehirn und durchglühte meine Brust. Und plötzlich erschloß sich mir der Sinn der Schriften ... Und ich vernahm eine Stimme vom Himmel, die zu mir sprach: Schreibe auf, was du siehst und hörst!" ... Und weiter an anderer Stelle: "Ich sehe all diese Dinge nicht mit den äußeren Augen und höre sie nicht mit den äußeren Ohren; ich sehe sie vielmehr einzig und allein in meinem Inneren, aber mit offenen leiblichen Augen, so daß ich niemals die Bewußtlosigkeit einer Ekstase erleide, sondern wachend schaue ich dies bei Tag und bei Nacht."

Der erneute Einbruch des Lichtes in ihr Leben und die damit verbundene Gabe der Schau hat Hildegard den Namen einer Visionärin verliehen. Sie nahm den göttlichen Auftrag, der übrigens wiederum in vielem auffallende Parallelen zu den Berufungsgeschichten der alttestamentlichen Propheten aufweist, an und begann das niederzuschreiben, was sie im "Lebendigen Licht" erkannte. Sie betrachtete sich dabei, gleich wie die Propheten, als Werkzeug und Sprachrohr Gottes. Es ging ihr nicht um eine persönliche Seelenmystik oder eine weltlose Innerlichkeit, nicht um private Versenkungen oder Einungserlebnisse mit dem göttlichen Gegenüber, sondern darum, die Menschen ihrer Zeit wachzurütteln, sie zur Umkehr zu bewegen und der wachsenden Gott-Vergessenheit entgegenzutreten. Hildegards Schau drängte auf ein Tun, ihr Erkennen zielte auf ein Wirksamwerden und auf die Mobilisierung der Weltverantwortung - in aller Nüchternheit, aber auch mit "brennender Vernunft", von der sie so oft sprach.

Faszinierend an Hildegards Visionen ist nicht nur die inhaltliche Fülle und Vielseitigkeit, sondern vor allem auch die einzigartige Verknüpfung theologischer, kosmologischer, naturkundlicher und spiritueller Erkenntnisse. Alles Geschaute erhält bei Hildegard auf den verschiedensten Ebenen seinen Sinn und seine Entsprechung. Alles ist miteinander verbunden und aufeinander bezogen. Hildegard ging es um eine religiöse Deutung des ganzen Universums und um ein konsequent gelebtes christliches Lebens in allen Bereichen des Lebens. Alles, Himmel und Erde, Glaube und Naturkunde, das menschliche Leben in all seinen Facetten und Möglichkeiten, war für sie ein Spiegel der göttlichen Liebe (speculum divinae caritatis) und wird damit transparent auf den Schöpfer hin.

Bezeichnend ist auch Hildegards souveräner Umgang mit den Quellen, die sie völlig frei und schöpferisch in ihre Gesamtschau einfließen läßt. Hildegard greift auf Vorgegebenes zurück, und dennoch entsteht immer völlig Neues, Einzigartiges, das ohne Vorbild und in dieser Form auch ohne Nachkommen ist. Beeindruckend ist auch die elementare Sprachgewalt ihrer Bilder, die es dem heutigen Leser allerdings oft auch schwer macht, ihre Gedanken und Deutungen zu verstehen. Auch sprachlich verfügt sie über große Variationsmöglichkeiten: sie beherrscht den narrativen Stil ebenso wie den dramatischen, den wissenschaftlich-deskriptiven in gleicher Weise wie den lyrischen. Sie füllt alte Begriffe mit neuen Inhalten, schafft völlig neuartige lateinische Begriffe ("fenestraliter", "viriditas"), komponiert Lieder und Hymnen und betätigt sich auch als Dramaturgin. Nicht umsonst wird sie in der Literatur bisweilen ein Universalgenie genannt. 

Scivias - Wisse die Wege 

An ihrem Erstlingswerk "Scivias -Wisse die Wege" arbeitete Hildegard zehn Jahre - nicht wie sie immer wieder betont, aus Freude am Schreiben, sondern aus der Verpflichtung heraus, das zu verkünden, wozu sie sich berufen wußte. Wie groß die Mühe war, die sie das Schreiben kostete, und wie stark die inneren Widerstände waren, die sie zu überwinden hatte, schildert sie im Vorwort zum Liber Scivias: "Erst als Gottes Geißel mich auf das Krankenlager warf, legte ich endlich Hand ans Schreiben. Die heftigen Schmerzen erlitt ich deshalb, weil ich die Schau, die mir gezeigt worden war, nicht offenbaren wollte." Zeit ihres langen Lebens hat Hildegard offenbar unter einer chronischen Krankheit gelitten, die sie immer wieder daniederwarf. Doch - wie eingangs aus der Kindheit berichtet - waren Geist und Willen dafür um so stärker. Was in mühevoller Arbeit entstand, war dann eines der imponierendsten Weltpanoramen des Mittelalters - nicht selten als Grundlage von Dantes "Divina Commedia" bezeichnet.

Im "Scivias" schlägt Hildegard in einer wahrhaft prophetischen Glaubenskunde den großen heilsgeschichtlichen Bogen von der Schöpfung der Welt und des Menschen über das Werden und Sein der Kirche bis zur Erlösung und Vollendung der Welt am Ende der Zeiten. Hildegard stellt den Menschen als die vornehmste Schöpfung Gottes in den großen kosmischen Bezügen der Schöpfungsgeschichte dar. Sie beschreibt in herrlichen Bildern die ursprüngliche Harmonie von Mensch und Kosmos, von Geist und Welt, die erst durch die Sünde des aufbegehrenden Menschen, des "homo rebellis", gestört und immer wieder neu zerstört wird. Ausgangspunkt ihres Nachdenkens ist Gott selbst, dessen Wesen Hildegard in immer neuen Bildern beschreibt: Er ist die höchste Kraft aus Feuer (summa et ignea vis), Er ist das Leben (vita), Er ist der Geist, der dem Menschen die Kraft zum Denken gibt (rationalitas), Er ist das umfassende und geordnete Leben (integra vita), Er ist die Liebe (caritas) und die Weisheit (sapientia). Er ist das Rad (rota), das ohne Anfang und ohne Ende ist, unendlich und doch immer neu.
In ihm, in Gott, existiert das Gesamt der Schöpfung, das er immer schon, von Urbeginn an, in seinem unendlichen und unbegreiflichen Vorauswissen (praescientia Dei) im Herzen trug. Der Schöpfungsvorgang selbst geschieht aus reiner Liebe, und sein Sinn liegt allein in dem Wunsch und dem Verlangen Gottes, sich zu offenbaren und sich mit-zuteilen. Alles Geschaffene ist so von Anfang an auf Gott hin bezogen. Er wartet auf die Antwort des Menschen und der Kreatur. Diese Antwort aber kann nur im Erkennen und Anerkennen dieser Liebe Gottes bestehen. Daher ist die ganze Schöpfung so angelegt, daß sie Gott preist - sei es durch ihre Schönheit wie bei der Natur, sei es durch die antwortende Liebe des Menschen. Erst durch diese Antwort gelangt alles Geschaffene selbst zur Fülle des Lebens. Schöpferisches Wort Gottes und die Antwort der Schöpfung sind für Hildegard ein dialogisches Geschehen. Dieses wird auch wunderbar deutlich in dem lateinischen Wort "Opus Dei", das einerseits das Werk Gottes bezeichnet, andererseits aber auch die Antwort der Schöpfung, das Lob Gottes, den Gottesdienst.

Hildegards Entwurf einer Schöpfungs- und Erlösungstheologie fand bereits während seiner Niederschrift weithin Beachtung. Vermittelt durch den Mainzer Erzbischof Heinrich und unterstützt von dem mächtigen und einflußreichen Bernhard von Clairvaux fand Hildegards "Scivias" 1147 sogar den Weg zur Reformsynode in Trier, an der auch Papst Eugen III. teilnahm. Dieser las - ein bis dahin undenkbarer Vorgang - den dort versammelten Bischöfen eigenhändig aus Hildegards Schrift vor und bestätigte und beglaubigte damit den Inhalt mit seiner höchsten kirchlichen Autorität. Für Hildegard war diese Anerkennung Ermutigung und Ansporn zugleich, für ihre Umgebung aber der endgültige Beweis dafür, daß die Meisterin vom Disibodenberg eine wirkliche "Posaune Gottes" war. Entsprechend verbreitete sich die Verehrung Hildegards sehr rasch. Es begann, das, was eingangs als die dritte Lebensphase Hildegards skizziert wurde: das öffentliche Wirken und Engagement, der Auszug aus dem zurückgezogenen Leben auf dem Disibodenberg mitten hinein in das Zentrum kirchlicher und politischer Macht. 

Auf dem Rupertsberg 

Es ist wohl kein Zufall, daß Hildegard parallel zu diesen Ereignissen bereits seit einigen Jahren die Absicht verfolgte, gemeinsam mit ihren Schwestern den Disibodenberg zu verlassen und damit aus dem Schatten der mächtigen Männerabtei herauszutreten. Im "Lebendigen Licht" hatte sie einen Ort geschaut, der etwa einen Tagesritt naheabwärts lag, dort, wo der Fluß bei Bingen in den Rhein mündet, und wo seit alters her in einem kleinen Heiligtum des Heiligen Rupertus und seiner Mutter Berta gedacht wurde. Bereits 1150 zog Hildegard gegen den erbitterten Widerstand der Mönche vom Disibodenberg mit ihren 20 Schwestern in das noch nicht fertige gebaute Kloster auf den Rupertsberg.

Das Kloster Rupertsberg muß ein ansehnliches Gebäude gewesen sein, gut geplant und durchdacht, mit einer dreischiffigen Pfeilerbasilika als Zentrum. Leider wurden die letzten verbliebenen Ruinen 1858 im Zuge des Baus der Nahetaleisenbahn endgültig zerstört. Von dem vormaligen Langhaus sind nur fünf Arkaden der Mittelschiffswand erhalten geblieben. Eine Vorstellung vom Aussehen der ehemaligen Abtei vermittelt Matthias Grünewald im Hintergrund seiner Verkündigungsdarstellung auf dem Isenheimer Altar. 

Ordo Virtutum - Liber vitae meritorum 

Noch in den Jahren des Umzugs und Neubaus des Rupertsberges entstand ihr Mysterienspiel "Ordo Virtutum" (Spiel/Ordnung der Kräfte), das im Jahr 1152 anläßlich der Weihe der neuen Abteikirche uraufgeführt wurde, und dessen Grundthema später in ihrem zweiten theologischen Hauptwerk, dem "Liber vitae meritorum" (Buch der Lebensverdienste) noch einmal ausführlich seinen Niederschlag fand (1158-1163). In ihm schildert Hildegard den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse, der sich im Herzen des Menschen und überall in der Welt immer neu als Preis der Freiheit ereignet. In 35 dramatischen Dialogen läßt Hildegard Tugenden und Laster zu Wort kommen und ihren Streit um die Seele des Menschen ausfechten. Der Mensch ist in diesem Kampf aufgefordert, sich immer neu zu entscheiden. Er ist dazu fähig, weil er von Natur aus mit der - wie Hildegard sie nennt - "bona et mala scientia" (dem Wissen um Gut und Böse) ausgestattet ist, jener Gewissensinstanz, die tief im Inneren anzeigt, was richtig und was falsch ist, und die Hildegard radikal ernst nahm. "Da du dieses Wissen um Gut und Böse in dir hast", sagt sie "und da du die Fähigkeit hast, entsprechend zu wirken und zu handeln, kannst du dich durch nichts entschuldigen". Und weiter: "Wer das Gute nicht tut, wen Gesetzlosigkeit, Gewalt und Willkür beherrschen, der macht sich selbst unfrei und wird so zum Sklaven seiner eigenen Begierden."

Sind diese Gedanken vor dem Hintergrund mancher heutiger Wertediskussionen in Politik und Gesellschaft nicht aktueller denn je? Und erst recht, wenn man bedenkt, daß Hildegard das gute Handeln und das Leben gemäß bestimmter Werte wie Ehrfurcht, Liebe, Wahrheit, Treue, Maßhaltung, Freude und Hoffnung nicht nur als ethische Forderungen betrachtete, sondern als Mittel und Weg zu heilem und gesunden Leben? Sittliches Handeln und äußeres Wohlbefinden, d.h. Gesundheit, gehörten für Hildegard untrennbar zusammen. Christus selbst ist für sie der "magnus medicus" (Scivias I,3). Deshalb ist eine Leben nach seinen Geboten das Heilmittel und Mittel zum Heil schlechthin. Auf dem Weg über die Ethik weist uns Hildegard also den Weg zu einer heilsamen und gesunden Lebensordnung, Lebensführung und Lebensplanung. Ziel ist es dabei auch hier wieder, die verlorene Einheit zwischen dem Schöpfer auf der einen Seite und dem Geschöpf und der Schöpfung auf der anderen Seite wieder herzustellen. 

Die natur- und heilkundlichen Schriften 

Der Einheits- und Ganzheitsgedanke steht auch im Mittelpunkt der natur- und heilkundlichen Schriften Hildegards, die ca. zwischen 1150 und 1165 ebenfalls auf dem Rupertsberg entstanden. Das nicht mehr erhaltene Originalwerk trug einst den Titel "Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum", wurde aber bereits im 13 Jahrhundert aufgeteilt in die beiden Werke "Physica"(Liber simplicis medicinae), die eine Beschreibung bestimmter Arznei- und Heilmittel enthält, und in die "Causae et curae", in der Heil- und Behandlungsmethoden verschiedener Krankheiten beschrieben werden. Ungeklärt ist bis heute, ob und wenn ja, welche Teile dieser Werke aus der Feder Hildegards direkt stammen und welche Teile später hinzugefügt wurden. Inhaltlich handelt es sich bei beiden Schriften um sehr kenntnisreiche Kompilationen aus volkskundlichen Erfahrungen, antiker medizinischer Überlieferung sowie christlichen und vor allem benediktinischer Traditionen, so z.B. wenn Hildegard die Barmherzigkeit (misericordia), die Reue des Herzens und eine maßvolle, geordnete Lebensführung als die Heilmitttel schlechthin bezeichnet. Klöster - und das traf sowohl für den Disibodenberg wie auch für den Rupertsberg zu, waren im Mittelalter die Heilstätten schlechthin. Mönche und Nonnen hatten Kräutergärten und Apotheken und gaben schriftlich und mündlich ihr Heilwissen von einer Klostergeneration zur anderen weiter. Auch Hildegard stand ganz in dieser Tradition. Zudem hatte sie, wie eingangs berichtet, von früher Jugend an Zugang zu entsprechender griechischer und arabischer Literatur. Außerdem besaß sie ganz offenkundig eine gute Beobachtungsgabe, dazu eine hohe Intuition und ein großes Einfühlungsvermögen für die Sorgen und Nöte der Menschen. Dies alles zusammen brachte den Ruf einer "ersten deutschen Ärztin" ein, und dies ist es wohl auch, was sie heute bei Freunden und Anhängern der Naturheilkunde und Alternativmedizin so begehrt macht.

Die Symphonia
Einen besonderen Stellenwert in diesem einzigartig geschlossenen Welt- und Menschenbild Hildegards nehmen auch ihre Lieder, die sogenannten "Symphonia", ein. Diese entstanden zwischen 1151 und 1158 und wurden von ihr erstlich für den liturgischen Gebrauch im Kloster Rupertsberg gedichtet und komponiert. Der eigentliche Titel, den Hildegard den 77 Liedern, Hymnen, Antiphonen, Sequenzen und Responsorien gab, läßt erahnen, worum es ihr ging. Er lautet "Symphoniae harmoniae celestium revelationum", d.h. Lieder, die die himmlische Harmonie erkennen bzw. erklingen lassen. Auch die Musik ist für Hildegard also göttlichen Ursprungs. So läßt sie Gott selbst einmal sagen: "Ich habe den Lebenshauch in preisende klingende Harmonien gebracht". Welt und Mensch als Ganzes bilden ein wohlklingendesGefüge der Beziehungen und Entsprechungen. Der Kosmos ist musikalisch strukturiert (musica mundana) und die Seele des Menschen ist symphonisch gestimmt (anima symphonizans est). Alles ist harmonisch aufeinander abgestimmt und legt so Zeugnis ab für die ursprüngliche himmlische Harmonie. 

Briefwechsel und Predigtreisen
Einen ganz anderen als den poetisch-lyrischen Stil ihrer Lieder schlug Hildegard in ihrem umfangreichen Briefwechsel an. Hier war sie wieder ganz die "Posaune Gottes", die ihr prophetisches Anliegen wortgewaltig in die Welt tragen wollte. 390 Briefe sind uns überliefert. Es sind Zeugnisse unerschrockener Direktheit, mahnender Sorge, erfrischend humorvoller Weitherzigkeit, persönlichen Engagements und auch weitreichender (kirchen)-politischer Einflußnahme. Mehr als aus ihren anderen Schriften kann man den Briefen entnehmen, daß Hildegard bereits zu Lebzeiten eine anerkannte Autorität gewesen sein muß. Ungezählte Menschen, Große und Kleine, Päpste, Kaiser, Fürsten und Äbte, ebenso aber einfache Bauern, Priester und Ordensleute suchten bei hr Rat. Ihre Meinung war gefragt, auch wenn sie nur allzu oft unbequem und keineswegs immer schmeichelhaft war.

Einer der bekanntesten Briefwechsel ist wohl der mit Friedrich Barbarossa, "durch Gottes Gnade römischer Kaiser und ständiger Mehrer des Reiches" - wie sein offizieller Titel damals lautete. Ihm schrieb Hildegard folgende Mahnung ins Stammbuch:

"Auch du bist ein Diener Gottes, der du eingesetzt bist, Gottes Herde zu leiten und zu schützen. So höre: Gott gab dem Menschen das Gesetz. Deshalb ahme auch du den höchsten Richter und Lenker in seiner Barmherzigkeit nach. Er allein ist der Weg der Wahrheit. Alle Gewalt und Herrschaft geht allein von ihm aus; alles empfängt von ihm seinen Namen. Dem gemäß sollen die Herrscher der Erde ihre Völker regieren ... Möge der Heilige Geist dich also belehren, daß du gemäß seiner Gerechtigkeit lebst und wirkst."

Nicht nur den weltlichen Herrschern bot Hildegard mutig die Stirn. Wenn es um die Wahrheit ging, dann war sie kompromißlos bis zum Letzten. Unzählige Geistlliche, Priester und Ordensleute mahnte sie zu mehr Glaubwürdigkeit und zu überzeugenderem Engagement. Leben und Lehre - davon war sie überzeugt - mußten miteinander übereinstimmen. Und so schrieb sie etwa an den Klerus von Köln:

"Geliebte Söhne, Gott hat euch eingesetzt, damit ihr leuchtet durch das Feuer der Lehre, glänzt durch euren guten Ruf und die Herzen der Menschen brennen macht ... Eure Zungen aber sind stumm. Deshalb fehlen bei euren Predigten die Lichter, wie wenn die Sterne nicht leuchten. Ihr seid Nacht, die Finsternis aushaucht ... Ihr solltet eine Wohnstätte sein, in der Gott wohnt. Aber das seid ihr nicht ... Ihr schaut nicht auf Gott und verlangt auch nicht danach, ihn zu schauen. Ihr blickt vielmehr auf euch selbst und auf eure Werke und urteilt nach eurem eigenen Gefallen. ... Ihr müßtet die starken Eckpfeiler sein, die die Kirche stützen, aber ihr seid kein Halt mehr für sie. Deshalb kehrt um und müht euch nach Kräften, diesem Wandel zu entfliehen."

Deutliche Worte, die auch heute, 900 Jahre später, nichts an Aktualität verloren haben. Hildegards Aufrufe zu Umkehr und Neuorientierung fanden Gehör. Überallhin wurde die Äbtissin vom Rupertsberg nun eingeladen, um öffentlich zu predigen. Und trotz ihres inzwischen fortgeschrittenen Alters scheute sie keine Mühe. Per Schiff oder zu Pferd reiste sie in den Jahren 1160-1170 in ca. 20 Städte und rief zu Besinnung und Neubeginn im Geist des Glaubens auf: Mainz, Würzburg und Bamberg standen auf dem Programm, Trier und Metz, Köln und Siegburg, Maulbronn, Hirsau und Zwiefalten. Hildegard wurde geachtet, mancherorts auch gefürchtet - überall aber bewundert und verehrt. 

Zweitgründung in Eibingen
Die Berühmtheit Hildegards hatte den Zulauf auf den Rupertsberg beständig anwachsen lassen, und schon 15 Jahre nach seiner Begründung war das Kloster schon wieder zu klein geworden. Nicht zuletzt auch der Wunsch vieler nichtadeliger Frauen, ins Kloster zu gehen, (im Kloster Rupertsberg hatte Hildegard, die sehr standesbewußt war, nur adelige Frauen aufgenommen) bewog Hildegard dazu, noch einmal eine Klostergründung in Angriff zu nehmen. Schon nach kurzer Suche wurde sie jenseits des Rheins, in Eibingen , fündig. Dort befand sich ein leerstehendes ehemaliges Augustinerkloster, das sie kaufte und umbauen ließ. 1165 wurde die Zweitgründung eingeweiht; 30 Nonnen bildeten den Konvent von Eibingen. Hildegard selbst war damit Äbtissin zweier Klöster und fuhr wöchentlich zweimal mit einem Nachen über den Rhein, um ihre Schwestern in Eibingen zu besuchen.

Zur selben Zeit begann sie auch mit der Niederschrift ihres großen Alterswerkes, dem "Liber divinorum operum" (Welt und Mensch). In dieser gewaltigen Kosmosschrift fließt noch einmal alles zusammen, was Hildegard Zeit ihres Lebens so wichtig gewesen war. Welt und Mensch erstrahlen als Kunstwerk Gottes; aus der Urkraft Seiner Liebe fließen Schöpfung, Inkarnation und Erlösung in einer all-umfassenden Einheit zusammen. Der Mensch erscheint als Mikrokosmos, der in all seinen körperlichen, geistigen und seelischen Kräften die Gesetzmäßigkeiten des gesamten Makro-Kosmos widerspiegelt. "So wie der Künstler seine Formen hat, nach denen er seine Gefäße macht", schreibt Hildegard, "so bildet Gott die Gestalt des Menschen nach dem Bauwerk des Weltgefüges, nach dem ganzen Kosmos". Die Urformen des Seins sind für Hildegard dabei der Kreis bzw. das Rad und das Kreuz - Symbole der unermeßlichen, nie endenden Liebe Gottes, der Einheit und Verbundenheit alles Geschaffenen und der unerschütterlichen Hoffnung auf Erlösung und auf den Sieg des Guten. Und wie schon in ihrem ersten großen Werk "Scivias" ruft Hildegard dem Menschen zu:

"O Mensch, schau dir den Menschen an: er hat Himmel und Erde und die ganze übrige Kreatur in sich. In ihm ist alles verborgen schon vorhanden. O wie herrlich ist Gott, der schöpferisch wirkt und seine eigene Herrlichkeit durch die Geschöpfe offenbart. Wenn du zu deinem Schöpfer aufblickst und sagst 'Mein Gott bist du', dann entzündet sich in dir das Feuer der Liebe, aus der alles Leben entsteht und alles Gute hervorgeht. Du hast also die Wahl, denn du kannst nicht zwei Herren dienen. Darum, o Mensch, schau auf zu deinem Gott - und die Erde wird neu werden!"

In diesen Worten findet sich die bleibende Botschaft und das eigentlicheVermächtnis Hildegards von Bingen. Hildegard war und ist ein Stachel im Fleisch von Kirche und Welt und ruft jeden Menschen ganz persönlich in die Entscheidung. Sie hat sich selbst verzehrt und blieb bis zuletzt Kämpferin für den Glauben und Anwältin Gottes und seiner schöpferischen Liebe. Sie hat dafür bis zu ihrem Tod bisweilen einen hohen Preis bezahlt. Das zeigt noch einmal ein Ereignis in ihrem letzten Lebensjahr: Hildegard hatte einen jungen Edelmann, der exkommuniziert war, aber vor seinem Tod durch den Empfang der Sakramente wieder in die Kirche zurückgekehrt war, auf dem Rupertsberger Klosterfriedhof beigesetzt. Der Bischof von Mainz forderte die Exhumierung des Leichnams, doch Hildegard weigerte sich standhaft und verhinderte die gewaltsame Herausgabe, in dem sie das Grab unkenntnich machte. Ihre unbeugsame Haltung wurde mit dem Interdikt bestraft. Die Klostergemeinschaft war damit ihres Herzstückes beraubt: sie dürfte nicht mehr öffentlich das Gotteslob vollziehen, der Kommunionempfang wurde verboten. Hildegard nahm die Strafe auf sich, wurde aber nicht müde, trotz ihres hohen Alter noch um deren Aufhebung zu ringen. Nach zwei Jahren erreichte sie ihr Ziel und das Interdikt wurde aufgehoben. Der letzte Rest ihrer Lebenskraft war aufgezehrt. Am 17. September 1179 starb Hildegard von Bingen. Bei ihrem Tod soll ein helles Licht am Himmel aufgestrahlt sein - ein letztes Mal, diesmal von Angesicht zu Angesicht, durfte sie das "Lebendige Licht" schauen.

Bermersheim
Als "Rheinhessen" wird auch heute noch jenes mittelrheinische Gebiet zwischen Nahe und südlichem Rheinknie bezeichnet, das ehemals linksrheinische Provinz des Großherzogtums Hessen war. Es ist eine geschichtsträchtige Landschaft, die Spuren aus der Bronze- und Eisenzeit (2000 v. Chr.) aufweist, sodann von der späteren Besiedlung durch die Kelten, Römer und Germanen und schließlich - nach Eingliederung ins Frankenreich - von fränkischen Siedlern. Stets war es das Schicksal dieses Rhein-Nahe-Raums, als Grenz- und Durchgangsland auch mehr dem ,Wandel und der Zerstörung" ausgesetzt zu sein als andere deutsche Landstriche.
All das ist mit zu bedenken auf der Suche nach Spuren Hildegards, die 1098 im rheinhessischen Bermersheim als zehntes Kind des Edelfreien Hildebert von Bermersheim und seiner rau Mechtild geboren wurde. Nichts weist heute in diesem kleinen, beschaulichen Ort darauf hin, daß er einstmals der Stamm- oder Herrschaftssitz eines Geschlechtes war, das sich sowohl "durch hohen Adel und überfließenden Reichtum" als auch "durch erleuchten Ruf und Namen" - so die Hildegard-Vita - auszeichnete. Dabei darf sich Bermersheim, wie so viele fränkische Siedlungen mit dem auf die Silbe "-heim" ausgehenden Ortsnamen, einer jahrhundertelangen Geschichte rühmen. Es wird bereits in der 2. Hälfte des 8. Jh. in Schenkungsurkunden des Klosters Lorsch eine geschlossene "Dorfgemarkung" genannt; seine Entstehung muß also noch früher datiert werden. Einzige Zeugin aus dieser Zeit kann die kleine Kirche sein, deren massiver Turmbau wohl noch ins vorige Jahrtausend weist; ansonsten haben, wie schon erwähnt, Wandel und Zerstörung" ihre Opfer gefordert. Es gibt jedoch eine Handschrift von 1731, "Renovation der Bermersheimer Lagerbücher", die in unmittelbarer Nähe der Kirche noch einen "herrschaftlichen Hof" verzeichnet. Danach darf also vermutet werden, daß die kleine Kirche - wie im Mittelalter üblich - mit dem Bermersheimer Herrenhof verbunden, und somit wohl auch die Taufkirche Hildegards gewesen ist. Doch mit welcher Sicherheit kann Hildegard überhaupt als Bermersheimerin ausgewiesen werden? Abt Trithemius vom Kloster Sponheim
gibt um 1500 in einer Lebensbeschreibung Hildegards ihren Geburtsort mit Schloß Böckelheim an der Nahe an, doch ging es ihm bei der Darstellung eines Heiligeniebens nie so sehr - wie auch an anderen Stellen deutlich wird - um historische Genauigkeiten.
Die noch zu Lebzeiten Hildegards verfaßten Viten begnügen sich mit der Angabe "... im diesseitigen Frankenland......
bzw. lassen eine Lücke für eine spätere" Eintragung frei. Lediglich ihre Eltern werden mit Vornamen genannt, - Hildebert und Mechtild, - was für eine rechtskräftige Dokumentierung, etwa von Urkunden, damals völlig ausreichte. Auffällig ist, daß das Güterverzeichnis (Fundationsbuch) des von Hildegard um 1150 gegründeten Klosters Rupertsberg an der Spitze aller Eintragungen über neun Seiten hinweg Schenkungen aus dem Bermersheimer Gebiet aufführt. Zudem wird durch eine Schenkungsnotiz aus der Zeit um 1158 die Vergabung des Herrenhofes zu Bermersheim und anderer Höfe an die "Herrinnen" des Klosters Rupertsberg bestätigt. Die Aussteller der Schenkung sind nachweislich die drei Brüder Hildegards, - offenbar ohne Nachkommen, - denn Hildegard als Jüngste zählte zu dieser Zeit schon 60 Jahre. Einer der Brüder, Drutwinus, findet erstmals in einer Urkunde des Mainzer Erzbischofs von 1127 als Zeuge Erwähnung.
Damit schließt sich der Kreis, und es dürfte erwiesen sein, daß Hildegard eine "von Bermersheim" gewesen ist. Erhärtet wird diese Aussage auch dadurch, daß die jeweilige Äbtissin des Klosters Rupertsberg - nach dessen Zerstörung 1632 die des Klosters Eibingen - die Ortsherrschaft über Bermersheim ausübte. Eine Schutzherrschaft übernahmen dazu die Pfalzgrafen, die dann allerdings zur Zeit der Reformation und später zu einer "Gewaltherrschaft" wurde. Dennoch konnten sich die klösterlichen Rechtsansprüche bis zur Abtrennung des linken Rheinufers zugunsten Frankreichs 1801 durchsetzen. Die Bermersheimer Kirche wurde seit der Reformation immer wieder und schließlich endgültig bis in unsere Tage als Simultankirche von beiden Konfessionen benutzt. Wie für eine fränkische Gründung charakteristisch, steht sie bis heute unter dem Patronat des hl. Martinus.

Sr.TeresaTromberend OSB
Der Disibodenberg
Wenngleich der Besucher des Disibodenbergs heute nur noch Ruinen als Zeugen einer großen und geistlich bedeutenden Vergangenheit vorfindet, so wird ihn doch die geradezu weihevolle Atmosphäre dieser Stätte beeindrucken und in ihren Bann ziehen. Hier nun hat Hildegard den größten Teil ihres Lebens verbracht.
Der Disibodenberg am Zusammenfluß von Nahe und Glan war spätestens seit dem 7. Jh. ein Mittelpunkt christlichen Lebens, vermutlich aber schon ein Heiligtum in vorchristlicher Zeit. Die auf dem Berg errichtete Taufkirche wurde zum Ausgangspunkt der Missionierung des Naheraums. Missionare aus bereits christlichen Gebieten kamen in dieses Land, darunter auch Disibod, der auf dem s ' päter nach ihm benannten Berq eine Zelle für sich errichtete, - der Tradition nach, auf die auch Hildegard sich in ihrer Disibod-Vita bezieht, sogar ein Kloster. Schon vor dem 9. Jh. ist seine Verehrung als Heiliger bezeugt. Um die Jahrtausendwende gründete Erzbischof Willigis von Mainz neben der Taufkirche auf dem Disibodenberg ein Kanonikerstift für zwölf Geistliche, die die seelsorgliche Betreuung der umliegenden Siedlungen übernahmen.
1108 berief der Mainzer Erzbischof Ruthard dann Benediktiner von der Abtei St. Jakob in Mainz auf den Disibodenberg, und noch in diesem Jahr wurde mit dem Bau eines neuen Klosters begonnen, dessen imposante Ausmaße die bis heute erhaltenen Ruinen immer noch erahnen lassen. Eben diese Bautätigkeit hat dann die junge Hildegard mit eigenen Augen verfolgen können, vielleicht auch als Anregung für den späteren Bau ihres Klosters Rupertsberg genommen.
Den Gepflogenheiten der Zeit entsprechend war dem Mönchskloster auf dem Disibodenberg auch eine Frauenklause angeschlossen. Über deren genaue Lage im Klosterbereich können bis heute letztlich nur Vermutungen angestellt werden, da die Ausgrabungen noch nicht abgeschlossen sind. Hier zog Jutta von Sponheim im Alter von 20 Jahren als Klausnerin ein. Die junge Hildegard mit noch zwei weiteren Gefährtinnen wurden ihr zur Erziehung anvertraut. Eine bislang unbekannte Lebensbeschreibung der später als Selige verehrten Jutta läßt auch Rückschlüsse auf die Spiritualität zu, durch die Hildegard in ihrer Jugend geprägt worden war. Neben dieser geistlichen Prägung muß Hildegard aber ebenso eine umfassende und vielseitige geistige Bildung erhalten haben. Benediktinerklöster der damaligen Zeit waren Hochburgen der Kunst und Wissenschaft, und so, wie Hildegard später den Mönch Volmar als gelehrten Berater zur Seite hatte, wird sie auch von frühauf durch die Disibodenberger Mönche in das vielschichtige Geistesgut benediktinischer Tradition eingeführt worden sein. Ihr Lebenswerk gibt Zeugnis von ihrer universal ausgerichteten Bildung, die im Hinblick auf die Theologie, die Natur- und Heilkunde, in der Darstellung von Kosmos, Welt und Mensch oder in ihren Liedkompositionen und zahlreichen Briefen zum Ausdruck kommt.
In den Jahren zwischen 1112 und 1115 hat Hildegard sich endgültig für das klösterliche Leben entschieden und sich durch die benediktinischen Gelübde gebunden. In ihrer Lebensbeschreibung wird Bischof Otto von Bamberg in diesem Zusammenhang erwähnt. Er nahm in der Zeit, da Erzbischof Adalbert 1. von Mainz in kaiserliche Gefangenschaft geraten war, die Belange des Bistums wahr. 11 36 starb Jutta von Sponheim, die Meisterin der Frauenklause auf dem Disibodenberg. "Einmütig", so ist uns überliefert, wurde Hildegard von dem inzwischen auf zehn Frauen angewachsenen Konvent zur Nachfolgerin gewählt.
Das Jahr 11 41 brachte in das Leben der neuen Meisterin vom Disibodenberg einen tiefgreifenden Einschnitt. Als sie "42 Jahre und sieben Monate alt war', wie sie selbst genau vermerkt, erlebte sie in vollem Umfang den Durchbruch dessen, was
sie ihre Schau' nannte. Schon von früher Kindheit an war Hildegard mit einer außergewöhnlichen Intuition begabt gewesen. Nun wurde sie gleichsam vom Feuer des göttlichen Geistes ergriff en, wie eine Miniatur ihres ersten Werkes Scivias' es darzustellen versucht, und in diesem Licht erblickte sie das "Lebendige Licht". Nicht mit äußeren Augen und äußeren Ohren, sondern allein in ihrem Innern sah und hörte sie, - wachen Geistes, mit offenen leiblichen Augen und außerhalb jeglicher Ekstase. Diese Art Schau stellt sie in eine Reihe mit den alttestamentlichen Propheten, und wie sie erhielt sie den Auftrag: Schreibe, was du siehst und hörst.'
Nur mit Widerstreben folgte Hildegard der Weisung und begann 1141 auf dem Disibodenberg mit der Niederschrift ihres ersten theologisch-visionären Werkes "Scivias", das sie 1151 beendete. In den Zweifeln, die sie während ihrer Arbeit immer wieder befielen, wandte sie sich ratsuchend an Abt Bernhard von Clairvaux, der anfänglich mit Zurückhaltung reagierte. Schließlich aber setzte er sich auf der Synode zu Trier 1147148 in Anwesenheit von Papst Eugen 111. so für Hildegards Visionsschriften ein, daß der, nach Überprüfung der Texte, sie in eigener Person den versammelten Kardinälen vorlas. Damit bestätigte er die Seherin", der später der Titel "Prophetissa Teutonica" zuerkannt werden sollte, und ermutigte sie zu weiteren Schriften. Vom "Glanz" dieser päpstlichen Anerkennung mag damals auch ein wenig auf den Disibodenberger Mönchskonvent gefallen sein.
In eben dieser Zeit bahnte sich aber dann auch die Abtrennung des Frauenkonvents vom Mönchskloster an. 1147 faßte Hildegard - auch ein Beweis ihrer inneren Eigenständigkeit - mit ihren Schwestern den Entschluß, allen Schwierigkeiten zum Trotz den Disibodenberg zu verlassen. Dazu mögen verschiedene Gründe sie bewegt haben, der schwerwiegendste war wohl der nicht mehr ausreichende Lebensraum für die aus 18 Nonnen bestehende Frauengemeinschaft. In einer Schau wurde Hildegard als Platz für das neuzuerbauende Kloster der Ort zugewiesen, wo am Zusammenfluß von Nahe und Rhein einstmals der hl. Rupertus als Einsiedler gelebt hatte. Unter den Gönnern, die den Bau des Klosters Rupertsberg ermöglichten, wird im Rupertsberger Güterverzeichnis an erster Stelle der Pfalzgraf Hermann von Stahleck erwähnt. Zwischen 1147 und 1151 fand die Übersiedlung des Frauenkonventes statt. Für 1152 ist die Weihe der Kirche und des Klosters auf dem Rupertsberg urkundlich bezeugt.
Bei Hildegards Weggang vom Disibodenberg dürften sich bereits erste Anzeichen der Dekadenz im Benediktinerkonvent angedeutet haben. Sie führten im- 13. Jh. zum Niedergang, so daß der Mainzer Erzbischof das Kloster mitsamt seinem Besitz den Zisterziensern übergab, die sich etwa 300 Jahre lang halten konnten. 1559 war dann der endgültige Untergang besiegelt, der sich trotz mancher Versuche der Wiederbelebung nicht mehr rückgängig machen ließ. Von der Mitte des 18. Jh. an begann die Zerstörung der Gebäude, die fortan als Steinbruch benutzt wurden, bis das Gelände 1804 in private Hände überging.
Die letzte private Besitzerin, Ehrengard Freifrau von Racknitz, geb. Gräfin von Hohenthal, überführte am 21. Mai 1989 das ehemalige Klostergelände in eine Stiftung. Die Disibodenberger SCIVIAS-Stiftung bemüht sich um weitere Forschungsmaßnahmen und den Erhalt bzw. die Sicherung der Ruinen als Zeugen einer über 1000jährigen christlichen Kulturtradition.

Sr.TeresaTromberend OSB

Der Rupertsberg
Wer auf den Spuren der hl. Hildegard von Bingen wandert, wird die letzten authentischen Reste ihres ersten Klosters auf dem Rupertsberg nur finden, wenn er den Schleier einer doppelten Verfremdung zerreißt. Der Ort ihres Klosters heißt seit dem 19. Jh. Bingerbrück. Und was die Zeit übrig ließ vom Kloster Rupertsberg - fünf Arkaden der Klosterkirche - ist heute ein Teil des Ausstellungshauses der Firma Würth. Diese fünf Arkaderl führen den Spurensucher jedoch zurück in das 12. Jh. Zwischen 1147 und 1151 verließ Hildegard den Disibodenberg und gründete über dem Grab des hl. Rupertus ihr erstes Kloster. Ihre Vita erzählt: "Hildegard wurde vom Heiligen Geist jene Stätte gezeigt, wo die Nahe in den Rhein mündet, nämlich der Hügel, der früher vom heiligen Bekenner Rupertus seinen Namen erhielt." Über die Baugeschichte des Klosters Rupertsberg ist wenig bekannte Aus verstreuten Bemerkungen und bildlichen Darstellungen läßt sich die Klosteranlage annähernd beschreiben. Den Mittelpunkt der Anlage bildete die Klosterkirche, die 1152 durch Erzbischof Heinrich von Mainz konsekriert wurde. Es war eine dreischiffige Kirche, für die man folgende Maße errechnete: 30 m lang, Hauptschiff 7 m breit, Seitenschiffe je 4,35 m breit. Die zur Nahe hin gelegene Schauseite, der Ostchor, besaß eine halbrunde A ' psis mit bekrönendem Giebel. Flankiert wurde das Hauptschiff von zwei breiten Türmen. Die Kirche besaß kein Querschiff, die Apsiden der Seitenschiffe waren in den Türmen untergebracht.
Urkunden erwähnen eine gewölbeartige Gruft, den Aufbewahrungsort der Reliquien des Klosterheiligen Rupertus und seiner Mutter Berta. Diese Gruft wurde dann auch Grabstätte der hl. Hildegard. Sie lag wie in allen Kirchen unterhalb des Altarraumes. Ein Stich von Meissner, um 1620 entstanden, zwölf Jahre vor der Zerstörung durch die Schweden, zeigt die Kirche, umgeben von zahlreichen hohen und niedrigen Wohn- und Wirtschaftsgebäuden. Der gesamte Klosterbezirk ist von einer Ringmauer umgeben. Über die Zuordnung der verschiedenen Gebäude läßt sich folgendes ausmachen: Vom südlichen Seitenschiff aus gelangte man über Stufen in den tieferliegenden Kreuzgang. Um den Kreuzgang herum waren die Prälatur, das Konventgebäude, das Dormitorium, das Kapitelhaus und die Klosterschule angeordnet. Südwestlich vom Kreuzgang lag der Friedhof mit der Michaelskapelle. In Urkunden werden im Klosterbezirk noch andere Gebäude erwähnt: das Sommerhaus, das Propsthaus mit dem "Patersgarten", das Gästehaus. Im Klosterbereich lag ebenfalls der Konventgarten, von dem zwei Morgen als Weingarten angelegt waren. Gesindehaus und Wirtschaftsgebäude fehlten ebenfalls nicht. Von den Wirtschaftsgebäuden innerhalb der Klostermauern führte ein Tor nach Weiler, wo sich der Meierhof des Klosters befand. Eingebaut in die Klostermauer, also von beiden Seiten zugänglich, war die Nikolauskapelle, und nahe bei dieser Kapelle lag die Klosterpforte mit der Pförtnerwohnung.
Das Hildegardkloster auf dem Rupertsberg war wohl keine repräsentative Anlage, der eine geschlossene architektonische Idee zugrunde lag. Die Schilderung des Wibert von Gembloux aus dem Jahre 1177 wird der Wirklichkeit sehr nahegekommen sein: "Dieses Kloster ist nicht von einem Kaiser oder Bischof, einem Mächtigen oder Reichen der Erde, sondern von einer armen, zugezogenen, schwachen Frau gegründet worden. Innerhalb kurzer Zeit, seit 27 Jahren hat es sich sowohl dem monastischen Geist als auch dem äußeren Aufbau nach so hoch entwickelt, daß es nicht durch prunkvolle, aber durch stattliche und geräumige Gebäude ... in allem wohl bestellt ist.'
Die geistige Ausstrahlung des Rupertsberges erlosch mit dem Tod Hildegards im Jahre 1179. Die Quellen berichten zwar interessante Details über die konfliktreiche Nachbarschaft zwischen Bingen und dem Kloster, über Verfallszeiten und Reformen, aber eine spirituelle Rolle hat das Kloster wohl nie mehr spielen können. Bis zur Zerstörung durch die Schweden im Jahre 1632 war der Rupertsberg wie viele andere Nonnenklöster eine mit benediktinischen Elementen versehene"Versorgungsanstalt" für die Töchter des Adels. Der zerstörte Rupertsberg wurde nie wieder aufgebaut. Er blieb Klostergut der zweiten Gründung Hildegards in Eibingen, wo nach den Wirren des Dreißigjährigen Krieges ein monastischer Neuanfang gesetzt wurde. Die Klosterruine diente fortan als Steinbruch zum Bau von Wirtschaftsgebäuden des Klostergutes, wobei die Kirchenruine mit Apsis, Giebel, Turmstümpfen und Außenmauern bis zum Ende des 18. Jh. romantische Generationen beeindruckte. Nach der Säkularisation kam das Klostergut in private Hände, und die Zerstörung durch Verbauung nahm ihren Fortgang.
Als 1857 für den Bau der Nahetal-Eisenbahn der Felsen gesprengt wurde, auf dem sich die Reste der Türme und des Chores befanden, verschwanden auch die letzten sichtbaren Spuren der Klosteranlage. Dieser Sprengung fiel auch, soweit noch vorhanden, die Grabkrypta unter dem Chorraum zum Opfer. Es blieben nur die Teile der romanischen Kirchenarchitektur erhalten, die in Wohngebäude mit einbezogen waren, eben die fünf Arkadenbögen im heutigen Würthschen Haus. Immer wieder berichten die Quellen vom Neu- oder Umbau der Kelleranlagen. Was davon bis ins 12. Jh. zurückreicht, wird, wenn überhaupt, nur durch gründliche Untersuchungen festzustellen sein. Die von Herrn Würth liebevoll gepflegten und der Öffentlichkeit zugänglich gemachten Kellergewölbe atmen den Geist der langen und wechseivollen Geschichte dieses authentischen Ortes des Lebens der hl. Hildegard von Bingen.

Der Hildegardisaltar in der Binger Rochuskapelle

Der Untergang des Klosters Eibinqen 1814 war gleichzeitig der Beginn der Beziehungen der Binger St. Rochuskapelle zur hl. Hildegard. Zur Einrichtung der 1795 zerstörten und 1814 wiederaufgebauten St. Rochuskapelle kaufte die Rochusbruderschaft die gesamte Inneneinrichtung der Eibinger Klosterkirche. Hinzu kam der Reliquienschatz, vor allem die Gebeine des ehemaligen Rupertsberger Klosterheiligen St. Rupertus. Dadurch wurde die Rochuskapelle Heimat der wohl wichtigsten authentischen Spur der Hildegardzeit und der gesamten klösterlichen Tradition auf dem Rupertsberq und in Eibingen. Durch die Ausgestaltung der Rochuskapelle mit Altären und Bild-ern aus der Klosterkirche in Eibingen wurde diese im 19. Jh. zu einer Hildegard-Gedächtniskirche. Der Brand der Kapelle 1889 zerstörte fast alle Spuren Hildegards bis auf einige gerettete Bilder. In Erinnerung an diese Hildegardtradition war in der neuen St. Rochuskapelle von 1895 ein aufwendiger Hildegard- und Rupertusaltar vorgesehen, doch nur der Hildegardalter wurde vollendet. In Anlehnung an das gerettete großflächige Vita-Bild der Heiligen hatte Max Meckel den Entwurf erstellt, die Steinheimer Schnitzerfamilie Busch ihn ausgeführt. Die Stifterin des Hildegardaltars war die Witwe Margarethe Krug, geb. Merz. Aus diesem Grunde befindet sich an der geschlossenen Seite des Baldachins das Bild der hl. Margaretha. Zentrum des Altars ist eine Halbreliefstatue der hi. Hildegard. Um diese Statue herum sind acht Stationen des Lebens der Heiligen szenisch dargestellt, vier im Mittelteil des Altars, je zwei rechts und links der Statue, sowie je zwei auf den inneren Seiten der Altarflügel. Die Vita Hildegards beginnt für den Betrachter links oben:
Hildegard schaut als Kind ein geheimnisvolles Licht.
Hildegard wird von ihren Eltern zu Jutta in die Klause auf den Disibodenberg gebracht.
Hildegard schreibt auf dem Disibodenberg ihr Werk "Scivias" '
Erzbischof Heinrich von Mainz legt 11 47 auf der Synode von Trier Papst Eugen 111. und Bernhard von Clairvaux die Schriften der hl. Hildegard vor.
Die Begegnung mit Bernhard von Clairvaux (historisch falsch).
Kaiser Barbarossa empfängt Hildegard 1155 in Ingelheim.
Hildegard predigt vor Klerus und Volk.
Hildegards Tod auf dem Rupertsberg.

Leider wurden nur die Szenen auf den Seitenflügeln als fein geschnitzte Holzreliefs fertig ausgearbeitet. Das gesamte Mittelstück des Altars einschließlich der Predella scheint lediglich eine Vorstufe, nämlich ein aus Gips geformtes, anschließend bemaltes Modell. Die Ausarbeitung in Holz unterblieb aus Geldmangel. Daher wirken die Figuren des mittleren Altarteils grob - man vermißt die weichen Linien der Figurengruppen auf den Seitenflügeln. Dieser gestalterische Mangel hat die Beliebtheit des Hildegardisaltars jedoch keineswegs beeinträchtigt. Die Außenseiten der seitlichen Flügel sind versehen mit zwei Großgemälden des leidenden Heilands, rechts ein Ecce-Homo-Bild, wohl in Erinnerung an die großeEcce-Homo-Statue aus Eibingen in der alten Rochuskapelle, links der vom Kreuz abgenommene tote Christus. In der Mitte der Predella ist der Reliquienschrein der hl. Hildegard eingefügt. Der Schrein wird frankiert von je zwei Heiligenbüsten. Sie stellen die hl. Berta dar sowie den hl. Wigbert, den hl. Bernhard und den hl. Rupertus.
Dr. Josef Krasenbrink

Das alte Kloster Eibingen

Hildegard von Bingen gründete zwei Klöster: das Kloster Rupertsberg bei Bingen sowie das Kloster Eibingen unweit von Rüdesheim. Dort hatte die Adelige Marka von Rüdesheim 1148 ein Augustiner-Doppelkloster gestiftet, das bereits 1165 verwaist war, bedingt durch die von Kaiser Barbarossa ausgelösten Kriegswirren. Das Anwachsen des Rupertsberger Konvents bewog Hildegard, die beschädigten Gebäude 1165 zu erwerben. Sie ließ sie für 30 Benediktinerinnen herrichten und fuhr selbst zweimal in der Woche vom Kloster Rupertsberg aus über den Rhein zu ihrer neuen Klostergemeinschaft. Am 22. April 1219, rund vier Jahrzehnte nach Hildegards Tod, unterstellte Papst Honorius 111. das Kloster Eibingen seinem Schutz. Die Aufsichtsrechte der Rupertsberger Meisterin hinsichtlich der Zweitgründung regelte erstmals eine Urkunde vom 28. November 1268.
Laut Verzeichnis der Eibinger Äbtissinnen - zunächst Meisterinnen - trug Benigna von Algesheim 44 Jahre lang Würde und Bürde des Amtes (1373-1417) - länger noch als Hildegard selbst. Die Nonnen waren im Kloster Eibingen teilweise bürgerlicher Herkunft. Im ausgehenden 15. Jh. und im Laufe des folgenden traten häufig - wie z.B. zwischen Kurmainz und Pfalz - Spannungen auf; diese wirkten sich bis in den Klosterbereich aus. Unter dem Mainzer Erzbischof Jakob von Liebenstein erfolgte um 1505 die Klosterreform in Eibirigen. Doch auch diese vermochte die rückläufige Entwicklung nicht aufzuhalten. 1575 lebten im Kloster Eibingen nur noch drei Schwestern, die schließlich auf Anweisunq des Erzbischofs Daniel Brendel von Homburg in die nahegelegene Zisterzienserinnenabtei Marienhausen übersiedelten. So konnte Eibingen den vor der Welle der Reformation flüchtenden Augustinerinnen von St. Peter bei Kreuznach viele Jahre eine Bleibe bieten. Nach langwierigen Unterredungen erreichte Cunigundis Freiin von Dehrn, Äbtissin von Rupertsberg, die urkundlich verbürgte Rückgabe des Klosters
Eibingen und seiner Besitztümer. Seit 1603 ist daher der Titel üblich Äbtissin von Rupertsberg und Eibingen" '
Im Dreißigjährigen Krieg, 1632, zerstörten die Schweden durch Brand das Kloster Rupertsberg. Die Nonnen kamen mit den Hildegard-Reliquien 1636 über Köln zum Kloster Eibingen, wo Not und Entbehrung herrschten. Die Plünderung durch Kriegsvolk gab später Anlaß zur Flucht nach Mainz. Erst Ende 1641 kehrten die Nonnen zurück. Anna Lerch von Dirmstein, die letzte Äbtissin von Rupertsberg, blieb nur kurze Zeit in Eibingen; 1642 mußte sie ihr Amt niederlegen. Ein gedeihlicher Zeitabschnitt begann für das Kloster Eibingen mit der jungen Abtissin Magdalena Ursula von Sickingen. Das monastische Leben im Wechsel von Gebet und Arbeit blühte wieder auf. Im Alter von 52 Jahren starb Äbtissin Magdalena im Sommer 1666 an der Pest. Ihr Wappen ziert noch heute die Türumrandung aus Sandstein im Innenhof der Eibinger Pfarrkirche.
Innerhalb einiger Jahre hatte sich die wirtschaftliche Lage des Klosters Eibingen so gefestigt, daß sich auch größere Bauvorhaben ausführen ließen. Die Erneuerung der wohl ursprünglich quadratischen Klosteranlage verlief in drei Etappen. Betreut von Architekt Giovanni Angelo Barello wurden von 1681 bis 1683 Kirche und Westflügel von Grund auf restauriert. Einem 1701 von Papst Clemens Xi. ausgestellten Ablaßbrief zufolge hatte die den Hil. Rupert und Hildegard geweihte Kirche sieben Altäre. In Mainz wurde 1709 bei Johanil Mayren auf Veranlassung des Eibinger Konvents ein Andachtsbüchlein gedruckt: Verzeichnuß der fürnehmsten Reliquien ... So in dem HochAdelichen Jungfrau-Closter Eybingen im Rheingau Ehrerbietlich aufbehalten Im selben Jahr errichtete man ein Kreuz "Zur Ehr Gottes und für die Abgestorbene[nl", das jetzt seinen Platz auf dem alten Teil des Friedhofs hat. Der Besuch der Klosterkirche nahm zwar zu, doch entwickelte sich keine eigenständige Wallfahrt nach Eibingen. Pilger, die morgens nach Marienthal oder Nothgottes zogen, hielten auf dem Heimweg hier lediglich Einkehr zu stillem Gebet, vor allem am Fest Mariä Geburt (8. September). Am 21. Februar 1737 begann man mit dem Abbruch des Ostflügels. Die Baupläne für den Neubau shatte der Mainzer Architekt Johann Valentin Thoman entworfen. Die feierliche Setzung des Grundsteins erfolgte am 21. März, dem Fest des hi. Benedikt. Bei der Ausführung wurde tragfähiges Gemäuer aus Hildegards Zeit mit einbezogen. Bis zum 8. November hatten die Zimmerleute das Gebälk aufgeschlagen. Das Dach konnte im Oktober 1738 mit Schiefer gedeckt werden. Zwischen 1746 und 1752 entstanden der Südflügel sowie Stallungen und Scheune. Das Aussehen des alten Klosters Eibingen gibt eine von Propst Joseph Otto (1763-1788) angefertigte Zeichnung wider. In der kurzen Spanne der Klosterleitung durch Maria Hildegard von Rodenhausen (1780-1788) verstärkte sich der Einfluß einer neuen Geistesströmung, der Aufklärung. Unter Kurfürst Friedrich Karl Joseph von Erthal sollte aus Kloster Eibingen ein weltliches Damenstift werden. Diese Absicht löste bei den Nonnen heftigen Widerspruch aus. Vorsorglich brachte man 1789, im Jahr des Ausbruchs der Französischen Revolution, das Klosterarchiv nach Alzey, wo es bis 1798 verblieb. Der Verlust der Güter links des Rheines beeinträchtigte jedoch die wirtschaftliche Lage. Zudem hatte der Zeitgeist das klösterliche Leben ausgehöhlt. 1802 wurde das Kloster aufgehoben, 1814 auf Beschluß der nassauischen Regierung geräumt. Den Ostflügel verwandelte die Behörde in ein Zeughaus, die Kirche in ein Waffenlager. Beim Abriß von West- und Südflügel verlor 1817 der Gebäudekomplex seine quadratische Form. 1831 kaufte die Gemeinde Eibingeri das Anwesen. Statt der baufällig gewordenen Dorfkirche diente nun die ehemalige Klosterkirche als Pfarrkirche. Das Patrozinium der Dorfkirche, Johannes der Täufer, wurde übernommen. Pfarrer Ludwig Schneider gelang es 1857, die Echtheit der Hildegard-Reliquien nachzuweisen.

Der Hildegardis-Schrein in der Pfarrkirche

Im Jubiläumsjahr 1929 wurde der Hildegardis-Schrein für die nunmehrige Pfarrkirche nach dem Entwurf von Bruder Radbod Commandeur, in Maria Laach und in Köln angefertigt. Das vergoldete Reliquiar ähnelt einem Gebäude, auf dessen Türflügeln die Kardinaltugenden allegorisch dargestellt sind: Gerechtigkeit, Tapferkeit, Klugheit und Mäßigung. Auf Vorder- und Rückseite sind je vier Heilige wiedergegeben. Außer Schädel, Haar, Herz und Zunge verwahrt der Schrein Gebeine der hl. Hildegard und kleinere Reliquien der Hll. Giselbert, Rupert und Wigbert.
Drei Jahrhunderte nach der Zerstörung von Kloster Rupertsberg brach in der Nacht vom 3. zum 4. September 1932 in der Eibinger Kirche aus ungeklärter Ursache ein Feuer aus. Trotz Rauch und Hitze gelang es, den Hildegardis-Schrein in Sicherheit zu bringen. Kirche und Ostflügel brannten nieder. Unter Berücksichtigung früherer Stilelemente entstand dann eine neue Kirche, die am 14. Juli 1935 durch den Limburger Bischof Antonius Hilfrich eingeweiht und unter den Schutz sowohl des hl. Johannes des Täufers als auch der Ortspatronin Hildegard gestellt wurde. Aus praktischen Erwägungen liegen die beiden Portale nach Osten. Altarbild, Kieselsteinmosaik und Fenster gestaltete Ludwig Baur, Telgte. Der Glasschrank an der linken Seite enthält u.a. den Schädel der hi. Gudula, Patronin von Brüssel. Hildegard erhielt diese Reliquie vermutlich von Freunden aus Brabant. An der Südecke der Kirche steht über dem Grundstein eine von Frariz Bernhard, Frankfurt am Main, geschaffene Hildegard-Skulptur aus fränkischem Muschelkalk. Sie wurde 1957 in das Mauerwerk eingefügt und soll an die erste Hildegardis-Prozession erinnern, die 1857 stattfand. Besonders am 17. September, dem Todestag Hildegards, kommen in zunehmendem Maße Wallfahrer nach Eibingen, um an der Reliquienprozession zu Ehren der großen Heiligen teilzunehmen.

Dr. Werner Lauter

Grundwerte geistlichen Gemeinschaftslebens
nach Hildegard von Bingen

Von Sr.Philippa Rath OSB

Hildegard von Bingen war eine vielseitig begabte, wahrhaft charismatische Persönlichkeit, die ein breitgestreutes theologisches, anthropologisches und naturkundliches Werk hinterlassen hat. In erster Linie jedoch war sie Ordensfrau und später Äbtissin zweier Konvente. Sie lebte nach der Regel des heiligen Benedikt und war ganz und gar Benediktinerin. Ihre ganze Person und ihr ganzes Werk sind vom Geist der Benediktusregel durchdrungen. Als geistliche Mutter ihrer Konvente, ebenso aber als Beraterin zahlreicher Persönlichkeiten aus Kirche und Welt, hat sie sich als weise Ratgeberin einen Namen gemacht. Vor allem ihr drittes Hauptwerk, der "Liber vitae meritorum" und ihr umfangreicher Briefwechsel zeugen von ihrem Engagement für bestimmte Grundwerte des geistlichen Lebens in Gemeinschaft.
Das Ziel jedes geistlichen Weges, wie Hildegard ihn beschreibt, kann mit dem biblischen Kernsatz umschrieben werden: "Ich will, daß sie das Leben haben, und es in Fülle haben" (Joh 10,10). Immer geht es Hildegard um die Förderung des Lebens, um Reifung und Vollendung der im Menschen angelegten Lebensmöglichkeiten, niemals um bloße Moralvorschriften oder einengende Gebote. Der Geist und das Herz sollen in die Weite geführt werden, in die Freiheit der Kinder Gottes. Gleichzeitig will Hildegard den Menschen jedoch zur Verantwortung führen und schreibt ihm deshalb ins Stammbuch "O Mensch, du hast das Wissen um das Gute in dir selbst. Deshalb kannst du dich durch nichts entschuldigen". Geistliches Leben spielt sich für sie also im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Verantwortung ab. Das ist der Weg, auf dem wir, die wir uns immer wieder von Gott enfernen, zum Vater zurückkehren. Das, was sie an Grundhaltungen und Grundwerten beschreibt, dient diesem Ziel, ist Geländer auf unwegsamen Pfaden, ist Hilfe zum Leben und zum Gelingen des Lebens.

Aus dem umfangreichen Werk und Wirken Hildegards möchte ich versuchen, sieben Grundhaltungen herauszufiltern, die mir aus Hildegards Sicht für Menschen auf dem geistlichen Weg entscheidend zu sein scheinen.

1) Die Gottvergessenheit fliehen

"O Mensch, warum schläfst du noch in deinem Inneren? Steh auf!", so ruft Hildegard einem ihrer Briefpartner zu und sagt damit der praktischen Gottvergessenheit ihrer Zeit den Kampf an. Jeder, keineswegs nur Ungläubige, sondern gerade auch wir "Hauptamtlichen", stehen immer wieder in der Gefahr, Gott zu vergessen. Gottvergessenheit, so sagt Hildegard, "entsteht im Menschen, der mehr auf sich selbst vertraut als auf seinen Gott". Es ist die immer wieder aufkeimende Ursünde des Seinwollens wie Gott. Die "Machermentalität", die sich auf die eigenen Kräfte verläßt und alles selbst ins Werk setzen will. Der erste Schritt auf dem geistlichen Weg - wobei wir immer neu beginnen und immer Anfänger sind - besteht also für Hildegard darin, sich im Herzen an Gott zu erinnern, ihm mehr zuzutrauen als sich selbst, die göttlichen Spuren, den roten Faden, im eigenen Leben immer neu aufzuspüren. Hildegard nennt das die "Re-cor-datio", wörtlich übersetzt also "das Herz zurückgeben", zum usprünglichen Du Gottes zurückkehren - und das immer dann, wenn das Herz entfliehen will. Hinwendung zu Gott hieß damals aber und heißt auch heute: Abwendung von allen selbstgezimmerten Götzen, Ent-sagung im ursprünglichen Sinn des Wortes, Neinsagen zu bestimmten Normen und Verhaltensweisen, von denen wir uns vorgaukeln, sie gehörten unbedingt zu einem sinnerfüllten Leben. Kritische Distanz zu sich selbst ist da gefordert - und auch zu manchen Trends der Zeit. Hierbei geht es nicht um düstere Weltverachtung, sondern um die kleine Wendung des Herzens zum Himmel, die alles verwandeln kann. "Schau auf zum Herrn", ruft Hildegard einem ängstlich auf sich fixierten Briefschreiber zu, "und die ganze Welt wird neu!"

2) Hören - gehorchen

Dem Sich-Erinnern folgt für Hildegard das Hören. Der Mensch, der sich neu auf das göttliche Du einläßt, ist bereit zu hören. Er ist ganz wach auf Gott hin, ganz aufmerksam auf Sein Wort - wie es in der Heiligen Schrift, in der Liturgie, ebenso aber in den täglichen Begegnungen und Ereignissen seines Lebesn auf ihn zukommt. Die Benediktusregel beginnt mit den Worten "Obsculta, o fili, praecepta magistri - Höre, mein Sohn, auf die Lehren des Meisters". Hildegard wird nicht müde, daran zu erinnern. Bereit sein zu hören - immer und überall, das ist die Lebensaufgabe des Gottsuchers. Hören kann freilich nur der, der auch schweigen kann, der den Lärm von außen, aber auch den Lärm im eigenen Herzen, zur Ruhe und zum Schweigen bringen kann. Räume der Stille und des Schweigens schaffen ist deshalb unabdingbare Voraussetzung für das Hören - gerade dort, wo Menschen gemeinsam auf dem Weg sind.

Zum Hören gehört für Hildegard untrennbar der Gehorsam - ein unpopulärer Wert - damals übrigens genauso wie heute. Hildegard geht es nicht um den blinden Gehorsam, sondern um das, was wir heute dialogischen Gehorsam nennen würden. Sie weiß um die Grenzen der Freiheit, um die Verbundenheit des einzelnen mit anderen Freiheitssubjekten und um die Spannung von Rechten und Pflichten, die immer neu ausgetragen und auch ertragen werden muß. Der Gehorsame ist für Hildegard der wahrhaft liebende, freie und humane Mensch, der sich befreit hat von der Versklavung an die Selbstsucht. Wichtig ist dabei, daß der Gehorsam bei Hildegard für alle gleichermaßen gilt. Die Brüder und Schwestern sollen auf das Wort der Autoritäten hören, ebenso aber aufeinander; die Älteren sollen auf die Jüngeren hören - und alle gemeinsam auf das, was Gott ihnen in einer jeweils ganz konkreten Situation sagen will. Solches Hören und Gehorchen hat mit verantworteter Freiheit zu tun, ebenso aber mit Verzicht. Auch hier geht es Hildegard um ein Mehr an Leben, um ein Reicherwerden, aber im Loslassen. In der Freiheit des Loslassen-Könnens, des Verzichts z.B. auch auf bestimmte Lebensmöglichkeiten, Ausdrucksformen, Ideen und Ideale sieht sie einen Weg, um gemeinschaftlich aufeinander zu hören und Gottes Willen zu erkennen. Selbstverwirklichung um jeden Preis ist ein Lebensziel, das Hildegard nicht kennt. Daß man den Sinn und die Erfüllung des Lebens auch im Sich-selbst-Zurücknehmen finden kann, das ist die Erfahrung, die sie ihren Zeitgenossen und auch uns glaubhaft vermittelt.

3) Die Ehrfurcht - reverentia

Als eine Voraussetzung des Gehorsams betrachtet Hildegard die Ehrfurcht voreinander und vor allem Geschaffenen. Letztlich wurzelt diese in der Gottesfurcht, der Ehrfurcht vor Gott, dem Schöpfer aller Dinge. In ihrem "Liber vitae meritorum" läßt Hildegard die Ehrfurcht selbst sprechen und sagen: "Ich eile durch die Höhen und Tiefen des Lebens und finde an allem, was Gott eingerichtet hat, mein Gefallen. Keinem tue ich etwas zuleide ..., denn Gott, der Herr, hat alles geschaffen nach seinem Bilde" (S.223). Die Ehrfurcht ist heute leider eine weithin vergessene Haltung - man spricht allenfalls noch von ihr im Zusammenhang mit der Ehrfurcht vor der Schöpfung (und zitiert dann gerne Hildegards "Klage der Elemente", in der die Elemente den Menschen ob seines Mißbrauchs und seiner Ausbeutung der Natur anklagen). Ehrfurcht, das ist die Fähigkeit und Haltung des Sich-Verneigens vor der Größe und Schönheit Gottes, die uns in jedem Menschen und in jedem Geschöpf begegnet. Sie befreit uns aus egoistischen Zwängen und öffnet uns für das Geschenk des je Größeren. Die Ehrfurcht gewährt eine gewisse, heilsame Distanz zueinander. Sie schützt den Eigenraum und die Würde des anderen und läßt ihn sein, wie er ist. Sie läßt uns aber auch für den anderen dasein, ihm dienen, ohne ihn zu vereinnahmen oder ihn für eigene Zwecke oder Wünsche zu mißbrauchen. Letztlich geht es bei der Ehrfurcht um eine neue Kultur der Liebe, die Hildegard übrigens als Kraft des Geistes, ja sogar als "brennende Vernunft" bezeichnet und nicht erstlich als Sache des Gefühls. Wohl nicht zufällig hat Thomas von Aquin dies nicht lange nach dem Tod Hildegards bestätigt und gesagt, daß die Liebe den Sitz im Willen des Menschen hat. Ehrfurcht und Liebe muß man wollen. Die Nächstenliebe und die Achtung vor allen Menschen hat uns der Herr selbst aufgetragen - und dies ohne Unterschied und Ausnahme.

4) "Ordo" und "Discretio"

Ein Leben in Ehrfurcht und Achtung vor Gott, vor sich selbst und voreinander ist für Hildegard nicht denkbar ohne die "discretio", die weise Maßhaltung und Unterscheidung der Geister, die der heilige Benedikt als "Mutter aller Tugenden" bezeichnet hat. Die Maßlosigkeit ist offenbar zu allen Zeiten eine Versuchung gewesen, doch gerade für uns heute erscheint mir diese Lebensweisung Hildegards im wahrsten Sinne des Wortes not-wendend zu sein. Aus eigener Lebenserfahrung weiß jeder von uns, daß Unmäßigkeit und Unausgewogenheit schon in einem Lebensbereich schwere, nicht zuletzt auch gesundheitliche Folgen haben können. Das Leben gerät aus dem Lot, bekommt Schlagseite und kann daran zugrundegehen. Die vielen Formen von Sucht in unserer Zeit sprechen eine beredte Sprache. Sie alle sind, das wissen wir heute, Fehlformen, die aus ungestillter Sehnsucht nach heilem Leben erwachsen. Das wußte auch Hildegard bereits, wenn sie die "Discretio" als Grundwurzel (radix prima) allen Handelns bezeichnet. "Discretio temperat omnia" (mäßigt alles), sagt Hildegard. Sie ist die heilsame Lebenskraft schlechthin, sie gewährleistet eine ausgewogene und maßvolle Lebensführung und schafft die Grundlage für eine wirkliche Kultur des Alltags. In diesen Zusammenhang gehört auch der benediktinische und zugleich auch hildegardische Schlüsselbegriff "Ordo", der für alle Bereiche des Lebens gilt: Für Essen und Trinken, Schlafen und Wachen, Arbeit und Muße, Bewegung und Ruhe, Schweigen und Kommunikation, Einsamkeit und Gemeinschaft. Es geht um die Ausgewogenheit des Lebensrhythmus', um das rechte Verhältnis der Lebensvollzüge zueinander, letztlich sogar darum, sich einzufügen in das Ordnungsgefüge der Welt, in den Ordo des Kosmos, der sich im Leben jedes einzelnen wiederspiegelt. "Lustprinzip" und Genießen um jeden Preis, wie es heute vielfach auf die Fahnen der Sehnsucht nach Selbstverwirklichung geschrieben wird, würde Hildegard ebenso wenig gelten lassen wie die berühmten"Sachzwänge", die uns angeblich immer wieder gegen unseren Willen daran hindern, ein ausgewogenes, im wahrsten Sinne geordnetes Lebens zu führen.

Wichtig erscheint mir in diesem Zusammenhang noch, daß Hildegard keineswegs von den bei ihr Ratsuchenden, deren Leben aus dem Gleichgewicht geraten ist, verlangt, alles sofort und gleichzeitig zu ändern. Oft genügt schon ein kleiner Schritt an einer konkreten Stelle (für jeden liegt der Knackpunkt woanders!), um das Leben wieder zurechtzurücken und neu auszurichten. Alles andere ergibt sich dann daraus. Allerdings braucht es den konkreten Willen zur Veränderung und zur Umkehr. Niemand ist dem eigenen Sosein und So-Gewordensein hoffnungslos ausgeliefert. Jeder hat die Freiheit, sich zu ändern und neu zu beginnen - jeden Tag. Manchmal braucht es allerdings auch einen deutlichen oder auch einen nur leisen, aber heilsamen Anstoß von außen. Wir sollten den Mut haben, uns diesen Hilfsdienst ohne falsche Angst und Scheu auf der einen Seite, und ohne allzu große Empfindlichkeit auf der anderen Seite gegenseitig zu leisten.

5) Der geistliche Kampf

Hildegard beschreibt - wie viele geistliche Lehrmeister vor ihr - das geistliche Leben als Weg. Als Weg, der Abstiege und Aufstiege kennt, Höhen und Tiefen, Kurven und Umwege. Letztere sind sozusagen mit einkalkuliert und können, recht genutzt, sogar zum Heil dienen, wenn der Mensch sich aufmacht, an geeigneter Stelle Kurskorrekturen vorzunehmen. Hildegard rechnet dabei aber immer mit der Schwäche des Menschen, mit Halbheiten und Brüchigkeiten, ja sie weiß um die Sündhaftigkeit des Menschen - und das aus eigener langer Erfahrung, nicht zuletzt mit sich selbst. Immer wieder gilt es für sie, innere Widerstände zu überwinden und den Kampf mit der eigenen Gebrochenheit aufzunehmen. Ihren Schwestern schreibt sie einmal: "Wir haben immer den Geschmack des Paradiesapfels im Mund, und er schmeckt uns besser als die Tugend. Wir scheuen die Auseinandersetzung mit dem Bösen in uns und haben vor Gott manche Ausrede wie 'ich kann nicht gegen mich selbst kämpfen, ich habe nicht die Kraft, Gutes zu tun'". Sogleich läßt sie aber Gott darauf anworten: "Du kannst es dennoch. Höre zu: wenn dich das Böse überlisten will und du nicht weißt, wie du es abschütteln sollst, dann schreie, bete und weine, daß ich dir zu Hilfe komme. Dein Vertrauen wird meine Hilfe erlangen. Ich werde das Böse von dir nehmen, doch nicht ohne Kampf."

Das unerschütterliche Vertrauen in den Gebetsruf des "Deus, in adiutorium meum intende" hat Hildegard von den Mönchsvätern übernommen. Und ebenso auch den Gedanken des geistlichen Kampfes. Daß geistliches Leben nicht nur wohlige Harmonie und immerwährende Hochstimmung am Herzen des Vaters bedeutet, sondern Mühe kostet, ja Kampf, ist heute kein moderner Gedanke. Aber er entspricht der glaubwürdigen Erfahrung vieler Generationen - und je eher wir selbst auch diese ernüchternde Erfahrung machen, desto kraftvoller und überzeugender können wir unseren Weg dann auch weitergehen. Eine Leidensmystik späterer Jahrhunderte liegt Hildegard fern - dazu ist sie viel zu nüchtern und realitätsbezogen. Aber das existentielle Ringen des Menschen mit Gott (vgl. der Jakobskampf) bleibt für sie dennoch konstitutiv. Schmerz und Verwundung sind unumgängliche Phasen des geistlichen Lebens, die niemand überspringen kann. Der Aufblick zum leidenden Christus ist für Hildegard dabei Trost und Ermutigung in einem. Ebenso aber auch die Erfahrung der Solidarität. Denn jeder ohne Ausnahme hat diesen Kampf zu bestehen, ein jeder an einem anderen Ort und an einer anderen, ganz persönlichen Stelle. Gerade hier erfahren wir etwas von dem, was "communio peccatorum" im Tiefsten bedeutet. Im Vertrauen auf die Hilfe des Herrn, so sagt Hildegard einem ihrer Briefpartner, nehmen wir den Kampf gemeinsam auf, und wissen, daß der Herr denen, die ihn lieben, alles zum Guten gereichen läßt.

6) Die Barmherzigkeit - misericordia

Wer sich selbst im Angesicht Gottes als hilfsbedürftig und schwach erkannt hat, der - so Hildegard - wird auch mit den Schwächen der anderen barmherzig umgehen. Er kann Fehler nachsehen, er urteilt nicht, vergleicht sich nicht mit anderen, ist nicht neidisch und eifersüchtig, sondern strahlt Güte aus, Milde und Geduld. Die "misericordia", die Barmherzigkeit, ist für Hildegard das Leitbild eines humanen Umgangs miteinander schlechthin. Diese wendet sich dem anderen zu, freut sich mit ihm und leidet mit ihm und verkörpert einfach die Mitmenschlichkeit, die zum Heile dient. Es ist sicher kein Zufall, daß die Barmherzigkeit bei Hildegard in das grüne Gewand der "viriditas" gekleidet ist - jener Grünkraft, die die elementare Lebenskraft überhaupt ist. Wer barmherzig sein kann, der hilft zum Leben, zum Wachsen und Reifen. Hier erscheint das Bild des barmherzigen Vaters vor unserem geistigen Auge - dessen, der dem heimkehrenden Sohn mit offenen Armen entgegengeht, der vergessen kann und einen neuen Anfang gewährt. Der Barmherzige weiß um die Begrenztheit und Schwäche des Menschen, besitzt aber auch eine Ahnung dessen, wie Gott sich den Menschen ursprünglich gedacht hat. Gütiges und barmherziges Denken sind also eine Nachahmung der göttlichen Denkweise. Diese ist - wie die Ehrfurcht - unabhängig von Sympathie und Antipathie und nimmt jeden ohne Ausnahme hinein in die Liebe Gottes.

7) Hoffnung gegen Angst und Resignation

Unbarmherziges Denken und Handeln sind oft in Angst und Verzweiflung begründet, das wußte Hildegard zu ihrer Zeit, und das wissen auch wir heute. Es ist bemerkenswert, daß Hildegard Angst und Verzweiflung zu den Lastern zählt, die es zu besiegen gilt. Hierin folgt sie dem Altvater Johannes Cassian, dessen Schriften auch der heilige Benedikt als Inspirationsquelle für seine Regel benutzte. Immer wieder ermutigt sie die Menschen zur Hoffnung und bestärkt sie im Glauben. Denn beides - Angst und Verzweiflung (desperatio) haben für sie ihre Ursache im Unglauben. "Sie schlagen", wie sie sagt, "Gottes Gnade in den Wind und umgeben sich nicht mit der Herrlichkeit der Hoffnung". Und weiter: "Sie denken weder an Gottes Güte, noch setzen sie darauf ihr Vertrauen, vielmehr häufen sie in ihrem Herzen alles Übel und jedes Ungemach elendiglich auf, so daß sie den Menschen in den Untergang ziehen." Christsein heißt für Hildegard, Festhalten am Bekenntnis der Hoffnung, sich nicht Hineinreißen-lassen in den Strudel von Resigantion und Verzweiflung, Angst, Ohnmacht und Gewalt. In ihrem eigenen Leben hat Hildegard dies vorgelebt - sie hat bis kurz vor ihrem Tod in der Auseinandersetzung mit den Mainzer Prälaten um das Interdikt über ihr Kloster Rupertsberg nicht aufgehört zu hoffen. So wurde sie selbst zur Zeugin für eine Hoffnung wider alle Hoffnung. "Die Stärke Gottes ist am Werk", schrieb sie in ihrem berühmten Brief, "und sie erweist sich am Ende als Kämpferin gegen die Ungerechtigkeit, bis diese besiegt am Boden liegt". Die Hoffnung ist eine Frucht des Geistes. Sie wird dem geschenkt, der in allem, was ihm begegnet, Gott sucht, der alles zum Sprungbrett macht hinein in die Tiefe Gottes. Am Ende des vierten Kapitels seiner Regel, in dem es um die Werkzeuge der geistlichen Kunst geht, ruft der heilige Benedikt seine Mönche auf: "De Dei misericordia numquam desperare" (Von der Hoffnung auf Gottes Erbarmen niemals lassen). Die heilige Hildegard hat uns gezeigt, welche Kraft von diesem Worten ausgeht. Dieselbe Erfahrung wünsche und erbitte ich Ihnen und mir heute abend - und jeden Augenblick unseres Lebens.

Musik
Abglanz himmlischer Harmonie
Die Musik der hl.Hildegard und die benediktinische Liturgie

Von Sr.Christiane Rath OSB
Die Musik der hl. Hildegard ist ohne den Hintergrund ihrer benediktinischen Lebensform nicht zu verstehen. Schon mit acht Jahren begann für Hildegard das klösterliche Leben im Schatten eines Mönchskonventes. Mit 16 Jahren entschied sie sich auf Lebenszeit für die benediktinische Lebensform. Die heutige Interpretation der Hildegard-Musik ist häufig gelenkt von der Suche nach "Außergewöhnlichem". Hier nun ein anderer Ansatz: Ihre benediktinische Lebensform, ihr Alltag, der zunächst der gewöhnliche in einem benediktinischen Kloster war.

1.Benediktinische Liturgie im Mittelalter - das Umfeld, in dem Hildegard aufwuchs

Wie sah Mönchtum, benediktinisches Leben zur Zeit Hildegards aus? Ja, man darf wohl sagen, das sich viele Spuren, die Grundwerte, bis in unsere Tage erhalten haben. Mönchtum nach Benediktusregel bedeutet, dem Gottesdienst nichts vorziehen. Der Glaube der Mönche äußert sich nirgendwo so intensiv wie in der Liturgie - leiturgia: Gottes Werk an uns, unser Werk für ihn - Dienst. Liturgie steht im Mönchtum in engster Verbindung mit dem gesamten monastischen Leben. Allein schon die Tagesordnung in einem mittelalterlichen Kloster zeigt dies auf: das Opus Dei ist die Hauptpflicht eines Klosters im Mittelalter. Gleichzeitig ist sie damit auch Quelle aller monastischen Bildung zu der sie gleichzeitig anregte und worin sie sich verwirklichte, denn in ihr begegnet der Mönch zu einem großen Teil der Hl.Schrift und den Gedanken der Kirchenväter, also der theologischen Überlieferung. In der Liturgie fand die monastische Bildung aber auch ihre vornehmliche Ausdrucksmöglichkeit. Für die Liturgie, oder durch sie angeregt, verfaßten die Mönche ihre meisten Schriften, ja man darf auch sagen: ihre Meisterwerke, die heute zum Allgemeingut abendländischer Liturgie geworden sind. Liturgie, d.h. hier im weitesten Sinn: alle Ausdrucksformen des Gebetes. Im Mittelalter gewinnt immer mehr die besondere Hochschätzung des öffentlichen Gottesdienstes an Bedeutung, ja sie wird zum Merkmal monastischen Lebens schlechthin. Das ganze monastische Leben verlief unter dem Zeichen der Liturgie, im Rhythmus des Stundegebetes, der Zeiten und Feste des Kirchenjahres. Liturgie war einfach das Beherrschende im Mönchsleben, die Sorge: Gott in allem zu verherrlichen. Dieses Grundanliegen kommt in allen Schriften zum Ausdruck und zwar in dreifacher Hinsicht:

1. Schriften, die Themen der Liturgie behandeln
2. Texte, die für den Gebrauch im Gottesdienst bestimmt waren
3. Schriften, die den Einfluß der Liturgie auf die Frömmigkeit der Mönche bezeugen.

Im Zusammenhang des Themas interessiert besonders der 2.Punkt: Die Schriften, die die Mönche für die Liturgie verfaßten. In diesen Jahrhundert entstehen eine Fülle neuer Texte: Tropen, Hymnen, Sequenzen - Gedichte von höchster künstlerischem Wert - bis hin zu Mysterienspielen. Alle diese Werke haben nur das eine Ziel: Gott zu loben, ihm Antwort zu geben auf seine Liebe. So schreibt z.B. Walter von Coincy, daß alle Mönche in seinem Kloster "die lieblichen Litaneien, die schönen und süßen Sequenzen mit lauter Stimme und in hellen Tönen" sangen. Es gab sogar Klöster, die ein Fest einsetzten oder einen Festrang erhöhten, nur um der Freude willen, dabei schöne Texte zu singen oder vorzutragen.

Was kennzeichnete diese Literatur?: Sie nährten sich aus der Bibel und den Schriften der Väter. Die Ausdrucksweisen sind konkret und reich an Bildern. ihre Worte wiegen weniger durch das, was sie sagen, als durch das, was sie sagen wollen; die Kraft der Vergegenwärtigung ist größer als die begriffliche Genauigkeit. Jedes Wort gleicht einer Note, die den ganzen Akkord zum Klingen bringt. Die mittelalterlichen Autoren bedienen sich der Worte der Heiligen Schrift in freier, harmonischer Form. Die großen Heilswahrheiten der Offenbarung stehen im Mittelpunkt ihrer Frömmigkeit, ihres Denkens. In ihren Gottesdiensten feiern die Mönche die Geheimnisse der Erlösung, die Heiligen, die deren lebendige zeugen waren, die Gottesmutter Maria, in der sich die Geheimnisse des Glaubens erfüllt haben. In allen Dichtungen spiegeln sich froher Glaube, glühende Begeisterung, innige Freude und Vertrauen in die Führung Gottes wider. Freude an Gott, an seinen Wohltaten in der Schöpfungen - das mußten die Mönche des Mittelalters einfach heraussingen, herausjubeln und immer wiederholen.

Nun mußten die Texte aber noch in eine musikalische Form gebracht werden. In ihren Gottesdiensten wurde - und bei uns in Eibingen wird es bis auf den heutigen Tag - alles gesungen. Gottesdienst war aber selbstverständlich kein Konzert oder primär ästhetisches Tun. Ja im "Speculum virginum" (unbekannter Verfasser) wurde sogar gesagt: "Lieber mit rauher Stimme singen als sich im Chor langweilen." "Musicus et monachus" - das war für mittelalterlichen Mönche ein wichtiges Zusammenspiel in einer Persönlichkeit (Guido v. Arezzo). Sie wurden Musiker, weil sie Mönche waren. In allen ihren Schriften stehen nebeneinander Theorien über modi und toni und Gedanken über Liturgie und monastisches Leben. Der Zweck ihrer Arbeit sahen sie darin, ihren Mitbrüdern zu helfen, sich durch einen wohlgeordneten einmütigen Gesang dem Lobpreis anzuschließen, den das All und die Engel Gottes darbringen und schon auf Erden den ewigen Gesang im Himmel vorwegzunehmen.

Insgesamt kann man sagen: Die Liturgie hat dem ganzen Leben der Mönche, der ganzen monastischen Kultur ihr Siegel aufgedrückt. Die Liturgie und ihre Feste haben den Lebensrhythmus der Mönche geprägt. Umgekehrt gilt: Die Liturgie ist Widerschein und Krönung ihrer Kultur. In den Texten und Kompositionen verdichtet sich die Theologie der Mönche, fand ihre Sehnsucht nach Gott den ihr angemessenen Ausdruck. In der Liturgie hatten die Mönche Anteil am ewigen Lobgesang

2. Hildegards musikalisches Schaffen im Rahmen ihrer benediktinischen Lebensform

"Nunc omnis ecclesia in gaudio rutilet ac in symphonia sonet." "Nun erstrahle die ganze Kirche in Frohlocken und erschalle in symphonischen Klang." Diese Worte aus dem Hymnus, den wir gerade gehört haben, treffen ins Zentrum dessen, was bisher allgemein über das Mönchtum gesagt wurde. Wie zentral die Musik im Leben, in der Theologie, in der Anthropologie und Kosmologie Hildegard war, läßt sich schon an folgendem Phänomen festmachen: In unzähligen Variationen besingt sie Gott, das Schöpfungsgeschehen, das Mysterium der Inkarnation, ja den gesamten Kosmos mit einer Bildersprache aus dem Bereich der Musik. Vom Urbeginn her ist alles vom Musik durchtönt. Schlüsselworte ihres Werkes sind: Symphonie, Harmonie, Klang.

Ich möchte nun in drei Punkten über das musikalische Schaffen Hildegards sprechen: 1. Aspekte der Überlieferung des musikalischen Werkes Hildegards. 2. Die Texte der Gesänge und ihre Verwurzelung im Gottesdienst des Klosters Rupertsberg. 3. Die musikalische Umsetzung der Texte.

2.1 Aspekte der Überlieferung

Die Lieder der hl. Hildegard sind uns in zwei bedeutenden Handschriften hinterlassen. Die ältere Handschrift, Kodex 9 (Villarenser Kodex, Kloster Villers) des heutigen Klosters Dendermonde ist noch zu Hildegards Lebzeiten auf dem Rupertsberg geschrieben worden. Dann die jüngere HS, kurz nach dem Tod Hildegards ev. im Zusammenhang mit dem Heiligsprechungsprozess auf dem Rupertsberg geschrieben, der sogenannte Riesenkodex, heute HS 2 in der Hessischen Staatsbibliothek/Wiesbaden. Sodann sind uns einzelne Gesänge in verschiedenen HSS z.T. auch ohne Neumennotation überliefert, insgesamt rechnen wir mit 77 Gesängen und das Mysterienspiel "Ordo virtutum". Diese Kompositionen umfassen Antiphonen, Hymnen, Sequenzen und Responsorien, meist zu den vielfältigsten Ereignissen des Kirchenjahres verfaßt. Das wohl bedeutendste Selbstzeugnis in Bezug auf ihre Musik gibt uns Hildegard in der Praefatio zum "Liber vite meritorum". Dort bezeichnet sie selbst ihre Lieder als "symphonia harmoniae caelestium revelationem", etwas frei übersetzt: musikalische Umsetzung der Harmonie des Himmels. Aber auch im "protocollum canonisationis", d.h. in der Heiligsprechungsakte aus dem 13. Jh., ziemlich bald nach ihrem Tod, enthält schon Zeugenaussagen über ihr musikalisches Schaffen. Dort kommen Stellen vor wie : "caelestis harmoniae cantum" - Lieder der himmlischen Harmonie, die sie geschrieben hat, oder von "cantum eius". Daß eine hohe musikalische Begabung bei ihr vorausgesetzt werden kann, darf man vielleicht auch davon ableiten, daß ihr Bruder Hugo Domkantor in Mainz war.

2.2 Die Texte und ihre Verwurzelung im Gottesdienst des Klosters Rupertsberg

Inhaltlich darf man die Lieder Hildegards nicht lösen von ihrem gesamten Prosawerk, wenngleich sie auch daneben recht eigenständig stehen. Sie verarbeiten die Themen etwas anders als in ihren Prosawerken, aber es sind dennoch die Themen, die auch für das 12. Jh. als typisch belegt sind. Gott, der Schöpfer und Vater, neigt sich in Liebe seinen Geschöpfen zu. Jesus Christus, der menschgewordene Sohn Gottes - die Menschwerderung war besonders bei Bernhard von Clairvaux das große Thema des Hochmittelalters. Jesus Christus, der Erlöser steht ganz im Mittelpunkt ihrer Lieder. Der Hl. Geist - die Lieder an den Hl.Geist, zu Ehren des Hl. Geistes, gehören sicher mit zu den schönsten Teilen ihres Schaffens. In einer dieser Aantiphonen "Spiritus Sanctus vivificans vita" besingt Hildegard den Hl.Geistes als "radix in omni creatura" , die Wurzel alles Schöpfung. Der Hl.Geist ist in ihrem Denken derjeigen, der in allem lebt und alles bewegt und neu belebt. Ein relativ großer Teil ihrer Carmina ist Maria gewidmet. Durch Bernhard von Clairvaux wissen wir auch, welche große Stellung als Folge der Menschwerdung Maria im Denken des Hochmittelalters hatte. Durch ihr Ja-Wort holt sie das Nein Evas im Paradies wieder ein (Doppelung Eva - Ave). Maria heilt die Wunde des Todes. Hildegard nennt sie in einem Responsorium "mater sanctae medicinae" - Mutter der Heilkunde. Maria gibt durch die Geburt der verlorenen Menschheit das Leben zurück; und sie gießt dadurch Salböl in die Wunde des Todes und hat dadurch das Leben wieder aufgerichtet. Solche Bilder aus dem Bereich der Medizin benutzt Hildegard immer wieder und weist damit auf die eigentliche Krankheit des Menschen hin, nämlich die Krankheit zum Tod, die Krankheit der Gottverlassenheit, der der Mensch durch die Gottvergessenheit entfliehen will. Heil wird - im Denken Hildegards - nur da, wo sich der Mensch wieder auf den Weg zu rück, auf den Ursprung besinnt und sich wieder in die Urverbundenheit mit Gott begibt. Insgesamt sind uns 16, als eine sehr große Zahl, an Maria überliefert. Die anderen Teile ihres musikalischen Schaffens gelten vor allem den Heiligen. Es fällt auf, wenn man es überblickt, daß sie jeweils zwei Gesänge zu einem Thema geschrieben hat, zwei über die Engel, zwei über die Patriarchen und Propheten, zwei über die Apostel, zwei über die Martyrer, zwei über die Bekenner, drei über die Jungfrauen, eine über die heiligen Frauen. Im Mittelalter beachtete man besonders hoch den Stand der Jungfräulichkeit, d.h. es kommt in ihrem musikalischen Schaffen der ganze "himmlische Hofstaat" vor. Dies ist insofern bemerkenswert, als sie in der Schlußvision ihres Werkes Scivias verschlüsselt beschreibt, welches in ihrem Denken die Aufgabe der Musik ist. In dieser Vision schaut sie die Himmelsbürger in der Gemeinschaft der Heiligen. Sie sind vereint in einem einzigen Lobpreis der Herrlichkeit Gottes. Jeder Gruppe der Heiligen ist ein Musikinstrument zugeordnet, entsprechend Ps 150, wo beschrieben wird, wie und mit welchen Instrumenten in besonderer Weise Gott zu loben ist. Der Mensch wird in dieser Schlußvision aufgerufen, in diesen Lobpreis einzustimmen, denn, so schreibt Hildegard: "Jubellieder, die in Einfalt, Einmütigkeit und Liebe erschallen, geleiten die Gläubigen zu jener Seeleneinheit, die keine Zwietracht kennt. Sie bewirken, daß die, die auf Erden weilen, mit Herz und Mund nach dem himmlischen Lohn trachten." Hildegard meint, daß im Lied, in der Musik der Mensch hier auf Erden schon Anteil am ewigen Lob des Himmels nimmt. Mit dieser Deutung des Liedes sind wir eigentlich im Zentrum dessen, was Hildegard mit ihrer Musik ausdrücken will. Sie steht da ganz in der Tradition unseres Ordensvaters, des hl.Benedikt. Im 19. Kapitel seiner Regel spricht er vom Verhalten beim Psalmensingen: Der Mönch soll wissen, daß er beim Chorgebet Anteil hat an der himmlischen Liturgie, eindedenk des Psalmenwortes: Im Angesicht der Engel will ich dir lobsingen. Das Beten der Klostergemeinschaft ist also ein Eintauchen in das ewige Gebet der Engel, ein Eintauchen in die Gemeinschaft der Heiligen. Engel, hier verstanden als Bild, als Symbol von Gottes Gegenwart. Durch das Gebet, den Lobpreis als gesungenen Gebet wird der Mensch hineingenommen in die heilende und liebende Gegenwart Gottes. Im musikalischen Tun, im Singen erhebt sich der Mensch gleichsam aus seiner Erdenverhaftung und läßt sich schon, natürlich nur anfanghaft, in die Sphäre des Himmels mit hineinnehmen, die Sphäre des Himmels, die uns allen als letztendliches Lebensziel zugedacht ist: das Einswerden mit Gott und mit allen, die schon vor uns dieses Ziel erreicht haben. Wie schlimm muß in diesem Zusammenhang für sie und ihre Schwestern auf dem Rupertsberg das Interdikt durch die Mainzer Prälaten gewesen sein. In einem Brief beschreibt sie ihre Not: Das Interdikt untersagte dem Konvent den gesungenen Vollzug des Stundengebetes. Deswegen war sie und ihre Schwestern in große Traurigkeit gesunken. Gott singend zu loben, ist die Berufung des Menschen, darin sind sie Gefährten der Engel, dadurch halten sie die Verbindung zum ihrem heilen Ursprung aufrecht. Die singende Stimme eines Menschen spiegelt ähnlich der Körpersprache seinen inneren Zustand wider. Das Singen des Gotteslobes ist eine Erinnerung daran, wie wir von Gott gemeint sind und worauf wir uns hin entwickeln dürfen. Es gab zu allen Zeiten Menschen, deren Aufgabe es war, im Menschen die Sehnsucht nach dem göttlichen Ursprung wachzuhalten (Propheten). Als ich diese Gedanken zusammenstellte, fiel mir ein: man müßte einmal darüber nachdenken, was es heißt, wenn heute das Singen für viele Menschen "auf das Badezimmer" reduziert ist. Damit verlernen wir etwas, was Hildegard noch ganz elementar gewußt hat: daß wir im Singen schon unser Lebensziel vorausnehmen, daß wir uns im Singen schon abheben können von dieser Erdenverhaftung. Wenn man weiter darüber nachdächte, käme man sich auf viele anthropologische, psychologische oder vielleicht auch theologische Konsequenzen. Dies sei aber nur am Rande bemerkt. In den monastisch-liturgischen Zusammenhang sind noch andere Gesänge Hildegards einzureihen, die bisher noch nicht erwähnt wurden. Es sind dies Gesänge von mehr lokaler Bedeutung. Hildegard schreibt Lieder auf Heilige, die ihr durch Klosterpatrozinien bekannt sind, z.B. Disibod, Rupertus, Matthias, Eucharius, Maximin und Bonifatius. Diese Lieder geben Aufschluß darüber, welche Beziehung Hildegard zu welchen Klöstern hatte, so natürlich zu ihrem Heimatkloster Disibodenberg, aber auch zu den Klöstern in Trier und Mainz. Auffällig ist auch, daß Hildegard eine große Anzahl von Liedern der hl.Ursula und den Elftausend Jungfrauen gewidmet hat - 13 an der Zahl.. An diesem Beispiel läßt sich erkennen, wie sehr Hildegard trotz der Universalität doch auch ihrer Zeit verhaftet ist. Wir wissen aus anderen Berichten, daß Elisabeth von Schönau, mit der sie sehr verbunden war, die Verehrung der hl.Ursula und der Elftausend Jungfrauen sehr gepflegt und empfohlen hat. Damals fing man auch in Köln an, die vermeintlichen Reliquien auszugraben. Von daher versteht sich die große Anzahl der Ursula-Gesänge. Ein kleiner Teil läßt auch einen direkten liturgischen Bezug ihrer Gesänge erkennen, vier Gesänge zum Kirchweihfest, zwei Antiphonen zu neutestamentlichen Cantica - Magnificat und Benedictus - und ein Kyrie. Im Villarenser Kodex, einer Gebrauchshandschrift, sind auch alle Antiphonen mit Psalmenkadenzen versehen. Das trifft nicht zu für den Riesenkodex in Wiesbaden, weil dieser als Prachthandschrift nicht für den täglichen Gebrauch bestimmt war. In jedem Fall ist jedoch dadurch belegt, daß die Carmina zum liturgischen Gebrauch vorgesehen waren. Wir wissen auch aus Zeugnissen, daß Hildegard ihre Musik im liturgischen Vollzug des Klostergottesdienstes gebraucht hat. Wibert von Gembloux, der 1177- 1179 auf dem Rupertsberg mitlebte, in einem Brief von 1175, die Gesänge von Hildegard seien geschrieben: ad laudem Dei et Sanctorum honorem compositi et in ecclesia publice de cantori facit. - zum Lob Gottes und zu Ehre der Heiligen komponiert, und sie wurden öffentlich in der Kirche vorgetragen.

2.3 Die musikalische Umsetzung der Texte

Die Gesänge, die uns in den erwähnten Codices überliefert sind, sind in der für das 12. Jahrhundert typischen Neumennotation geschrieben. ( 4 Notenlinien, fa-Linie jeweils rot , do-Linie gelb eingefärbt) Kirchmusikalisch gesehen befinden wir uns in der Spätzeit des Gregorianischen Chorals. Die feine Notationsweise der Blütezeit, wie wir das auch heute noch aus den HSS z.B. der Kodices von St.Gallen oder aus dem französischen Laon kennen, ist schon vorbei. Hildegard kennt eben schon das System der Notenlinien, wie es Guido von Arrezzo entwickelt hat. Aus den HSS läßt sich ein Rhythmisierung nicht ableiten. (Interpretationsweisen: Aequalismus - Mensuralismus) Wenn man sich das kirchmusikalische Umfeld des 12. Jh. vor Augen führt, dann scheinen die Gesänge Hildegards das Gewohnte zu überschreiten. Selbst die aus der Spätzeit der Gregorianik entstanden Kompositionen haben zwar Ansatzpunkte und Vergleichspunkte, aber Hildegards Schaffen geht immer über diesen Rahmen hinaus. Die Modalitäten lassen sich oftmals nur schwer erkennen, der Tonraum ( Extrem: 2 ½ Oktaven"(O vos angeli", durchschnittlich 1 1/2) sprengt oft alles das, was wir sonst aus dieser Zeit gewohnt sind. Diese Melismenfreudigkeit fordert von den Sängern ein Höchstmaß an Perfektion, sowohl technisch als auch musikalisch. Dieser Befund steht - vordergründig gesehen - etwas im Widerspruch zu einer Selbstaussage Hildegards, nämlich die, daß sie musikalisch ungebildet war. An vielen Stellen spricht sie davon, daß sie "indocta" sei, ungelehrt. Dies bezieht sich auch auf die Musik. Sie sagt damit von sich, daß ihr das handwerkliche Rüstzeug zum Komponieren gefehlt hat. Aber andererseits ist das auch kein Widerspruch. Wenn man bedenkt, daß das 12.Jh. noch ganz dem antiken Bildungsideal verhaftet war, dann kann sich Hildegard tatsächlich als "indocta" bezeichnen, denn die Antike reihte die Musik innerhalb der sieben Künste an den fünten Platz zwischen Arithmetik und Geometrie. Man betrachtete die Musik rein unter den Aspekten von Gesetzmäßigkeit und Struktur. In diesem Sinn kann man tatsächlich sagen - und würde das alles-sprengende der Hildegardischen Lieder erklären -, daß sie "indocta" war, nämlich in Beziehung auf Struktur und Gesetzmäßigkeit von Musik. Aus meiner Sicht war das vielleicht gerade ihr großer Vorteil. Sie spürte in sich eine große musikalische Intuition und konnte - befreit von allen Strukturen und Gesetzen der Musik - ihren Empfindungen freien Lauf lassen. Insgesamt entspricht meiner Vermutung einem Urteil, dem ich mich anschließen möchte, das Professor Dronke von der Universität Cambridge hinsichtlich der Liedtexte gefunden hat. Dies korrespondiert genau mit dem, was wir auch in der Musik, in den Melodien vorfinden: "In den poetischen Werken Hildegards begegnet uns eine höchst individuelle Sprache, manchmal unbeholfen, manchmal unklar. Die Aneinanderreihung von Adjektiven wirkt begrenzt, manche Einschübe gar übertrieben. Es ist nicht die geschliffene Sprache eines Humanisten des 12.Jh., sondern die eines Menschen, der durch seine einzigartige Kraft poetischen Vision mehr als einmal mit den Grenzen dichterischen Ausdrucks konfrontiert wird. An Höhepunkten jedoch überschreitet Hildegard diese Grenzen nahezu triumphierend und erreicht eine visionäre Konzentration und einen beschwörenden und assoziativen Reichtum, der ihr Werk absetzt von nahezu allen anderen religiösen Dichtungen ihrer Zeit."

Hildegard sagt einmal: symphonialis est anima. Die Seele ist symphonisch. Dieses Wort gilt im höchsten Maß für sie selbst. Symphonisch, so interpretiere ich es, ist die Seele, die zu einer inneren Ordnung zurückgefunden hat, in der die inneren widerstrebenden Kräfte zur Einheit, zur Harmonie zusammengewachsen sind. Dies ist und bleibt Ziel jeden menschlichen Lebens, das wir in dieser Zeitlichkeit und Begrenztheit nie erreichen werden. Genau dies ist der Wurzelgrund, auf dem die Lieder Hildegards gewachsen sind. Sie sind Ausdruck eines Menschen ihrer Zeit, der auch von den Wellen der Zeit hin- und hergerissen wurde, aber dennoch in diesem Hin-und Hergerissensein das Streben nach Ganzheit, nach Einheit nicht aufgegeben hat. Der Einheitspunkt - da dürfen wir vom 12. Jh. lernen, ist für Hildegard unumstritten, der Zentralisationspunkt ist Gott selbst. Nur der kann zur Einheit und Ganzheit finden, der seinen Lebensanker an die richtige Stelle geworfen hat, nämlich in Gott hinein. Hildegards Musikschaffen kann vielleicht in diesem Sinn auch therapeutische wirken. Ihre Musik will heilen, indem sie Zugang zum Heil vermittelt, letztlich zum Heiler selber, der Gott ist, Gott in Christus, Christus in Maria. Da ist das Heil, das Hildegard uns vermitteln will.

In der Sequenz "O virga ac diadema" besingt Hildegard das gesamte Erlösungswerk. In der Heiligsprechungsakte aus dem 13. Jh. wird berichtet, daß drei Nonnen des Rupertsberges nach dem Tod Hildegards bezeugt, daß sie durch den Keuzgang ihres Klosters geschritten und eben diese Sequenz gesungen hat. Der Text der Sequenz endet in der letzten Strophe mit einer Bitte an Maria - Hildegard nennt sie sogar 'salvatrix', Heilerin, Miterlöserin: "Sammle die Glieder deines Sohnes zur himmlischen Harmonie". Wenn man eines aus dem musikalischen Schaffen Hildegards heraushören kann, dann ist es vielleicht die Aktualität dieser Bitte auch für uns heute. Welche Gebetsbitte wäre für die Menschen unserer Tage not-wendender denn diese: Führe uns zur himmlischen Harmonie!

Die Natur- und Heilkunde Hildegards von Bingen
Von Sr.Philippa Rath OSB
Die mittelalterliche Medizin und damit auch die Natur- und Heilkunde Hildegards von Bingen war ganz wesentlich geprägt vom Geist der Heiligen Schrift und der Benediktusregel. Diese haben keinerlei Behandlungsmethoden oder Heiltechniken im modernen Sinne überliefert, wohl aber ein Bild des gesunden und des kranken Menschen, konkrete Wege zu einer gesunden Lebensordnung und Lebensführung sowie die Kunde von Heil und Heilung des Menschen.

Hildegards naturkundliche und medizinische Schriften entstanden zwischen 1150 und 1160. Sie sind Kompilationen aus volkskundlichen Erfahrungen, antiker Überlieferung und benediktinischer Tradition. Obwohl Hildegard selbst ihre Quellen mit keinem Wort erwähnt hat, läßt sich nachweisen, daß sie u.a. folgende Werke gut gekannt haben muß: zunächst das bereits im 2. Jahrhundert in Ägypten enstandene allegorisierende Naturkundebuch, den "Physiologus", welcher in zahlreichen Übersetzungen über die ganze damals bekannte Welt verbreitet war; dann im Bereich der Pflanzenkunde die wichtigste Arzneipflanzenkunde der Antike, die ca. 500 Pflanzen behandelnde "Materia medica" des griechischen Arztes Dioskurides Pedanios (1.J.n.Chr.); dann natürlich den berühmten "Hortulus" des Reichenauer Abtes Walahried Strabo (um 840) sowie das meistgebrauchte Heilpflanzenbuch des Mittelalters, den "Macer Floridus" (11. Jahrhundert), schließlich das verbreitete Pflanzenarzneibuch "Circa instans", das ebenfalls im 11. Jahrhundert in der medizinischen Schule von Salerno entstanden war.

Das nicht enthaltene Originalwerk Hildegards trug den Titel "Das Buch von den Geheimnissen der verschiedenen Naturen der Geschöpfe (Liber subtilitatum diversarum naturarum creaturarum). Es wurde bereits im 13. Jahrhundert aufgeteilt in die "Physica", eine für den Volksgebrauch bestimmte Naturkunde und Heilmittellehre, und in die "Causae et curae", in dem Heil- und Behandlungsmethoden beschrieben sind und in der Hildegard die antike Kosmologie und Humoralpathologie mit der christlichen Schöpfungs- und Erlösungslehre verbindet. Die Handschriften wurde erst 150 bis 300 Jahre nach der Niederschrift des verlorengegangenen Originaltextes zusammengestellt - ein großes Problem für die textkritische Erforschung der Werke. Große Teile, das ergaben die Forschungen von Professor Heinrich Schipperges und von Frau Professor Irmard Müller in Bochum, wurden wohl später hinzugefügt, andere weggelassen oder gekürzt, so daß es bis heute eine nicht gelöste Frage ist, welche Textteile original von Hildegard stammen und welche nicht. Zahlreiche Textteile werden von den Fachleuten heute bereits als unecht angesehen. Heinrich Schipperges kommt in seinem neuesten Buch darüberhinaus zu dem Ergebnis "Ein Großteil der Rezepturen läßt sich nicht ohne weiteres in das Repertoire einer modernen Apotheke oder in die Sprechstunde des Arztes übertragen" (ein vernichtendes Urteil für all das, was heute unter dem Stichwort "Hildegard-Medizin" angeboten und weithin gläubig angenommen wird). Gleichwohl lohnt es sich dennoch, ein wenig tiefer in die Gedankenwelt Hildegards und in ihre Bemühen um die Heilung des Menschen einzudringen.

Zur Begründung ihrer Heilkunde geht Hildegard - ganz ihrer Schöpfungs- und Erlösungstheologie entsprechend - zurück bis zur Erschaffung der Welt, um damit die besondere Stellung des Menschen im Kosmos und seine Heilsbestimmung zu betonen. Dabei wird sie nicht müde, die ursprüngliche Harmonie des Menschen mit Gott und dem ganzen Kosmos, die für sie der Heilszustand schlechthin ist, zu preisen. Von seiner ursprünglichen "constitutio" her ist der Mensch also heil geschaffen und zum Heil bestimmt. Mit dem Sündenfall Adams aber beginnt die Entfremdung des Menschen von Gott und von sich selbst. Der Mensch als Ganzes unterliegt nun dem Verfall, einer krankhaften Verformung, der "destitutio". Krankheit ist in Hildegards Denken kein Prozeß, sondern eine Ermangelung, ein Unterbleiben, eine Verfehlung im Wesen selbst und damit auch ein existentielles Defizit. Aufgabe der Heilkunst ist es angesichts dessen, dem Menschen den Weg zurück zum umfassenden Heil, zur "restitutio", zu ermöglichen.

Vor diesem spirituellen Hintergrund lassen sich auch die Strukturen und Funktionen unserer leib-haftigen Organsiation verstehen. Solange die Elementarkräfte im Organismus ihre von Gott gegebene maßvolle und geordnete Aufgabe erfüllen, garantieren sie dem Menschen Gesundheit und Heil. Sobald sie aber von ihrer geordneten Funktionsweise abweichen, machen sie krank und führen zum Tode. Ein in Verwirrung geratenes Säftesystem (entsprechend der antiken Säftelehre) führt sowohl zu somatischen wie auch zu psychischen Erkrankungen (CaCu 50/51).

Als Gegenstände der Medizin verweist Hildegard auf die Naturkunde, auf die Krankheitslehre und auf die Lebenskunde. Nur in strenger Rangordnung durften diese "pharmaka" verordnet werden: die Chirurgie (Schröpfen und Aderlaß) ganz zuletzt, davor der Arzneimittelschatz, zu Beginn aber und ganz grundsätzlich die alle Therapie begründende und begleitende Diätetik. Sich im Alltag einer festen Lebensregel zu unterwerfen, das gehört für Hildegard einfach zu einem vernünftigen Lebensstil, zu einer ausgewogenen Lebensordnung, die man sich selber gibt oder von einem anderen annimmt. In Hildegards Heilkunde geht es also weniger um eine therapeutische Korrektur, als um die Hinwendung zu sinnvoller und maßvoller Lebensführung (restitutio ad integritatem). Eine solche Lebensführung ist dem Menschen ganz natürlich (LDO IV, 73: ei naturale est). Denn alle Natur will von Natur aus zur Kultur.

Dabei ist es vor allem die "discretio", die der heilige Benedikt als "Mutter aller Tugenden" bezeichnet, die für Hildegard den Weg zu einer solchen Lebenskultur weist. Sie ist die Grundwurzel (radix prima) allen Handelns, mäßigt alles und übt in Mitte und Maß ihre heilsame Funktion aus (discretio temperat omnia). Als wichtige Heilmittel betrachtet Hildegard auch Heilkräfte wie z.B. die heilsamen Kräfte im Wort und in der Musik, vor allem aber in der persönlichen Zuwendung zum Kranken. Den bloßen Salbenmischern schreibt Hildegard ins Stammbuch:"Wie könnt ihr Heilmittel verabreichen, ohne eure Tugend dazuzutun!" Was Hildegards Heilkunde also auszeichnet, ist eine gelungene Synthese der antiken "techne therapeutike" mit dem christlichen Geist der "humanitas" und der "misericordia". Das Ethos des Arztes liegt denn auch nicht im Sanieren und Heilmachen um jeden Preis, sondern in jener Barmherzigkeit, die einer für den anderen aufzubringen bereit ist. Die "misericordia" ist das Leitbild für alles ärtzliche Tun schlechthin. Sie wendet sich hin zum anderen, leidet mit den Kranken und verkörpert einfach die Mitmenschlichkeit, die zum Heile dient. Es ist kein Zufall, daß diese Barmherzigkeit bei Hildegard das grüne Gewand der "viriditas", der Grünkraft trägt, die die elementare Lebenskraft schlechthin ist.

Dahinter steht der Gedanke, daß im Zentrum aller Bemühungen immer Gottes heilende Kraft selbst steht. Sie allein ist es letztlich, die dem Menschen zu Hilfe kommt und ohne die alle ärztliche Kunst und Zuwendung unwirksam bliebe. Der eigentliche Arzt, der "medicus magnus", ist Christus selbst. In seinem Heilshandeln wendet sich Gott selbst den Armen und Kranken zu. Alle, die berufen sind, Menschen zu führen, zu betreuen und zu heilen, haben daher für Hildegard in Christus ihr Vorbild. Ihn müssen sie nachahmen, und das vor allem mit den Tugenden der "discretio" und der "misericordia".

Hildegard von Bingen:
Hoffnungsgestalt der Kirche

Von Äbtissin em. Edeltraud Forster OSB, Eibingen

Ein Wort der Hoffnung können wir uns niemals selbst zusprechen. Hoffnung muß ein anderer uns zusagen, einer, der es gut mit uns meint, einer, der die Grundmelodie unseres Herzens kennt und sie uns zuruft, wenn wir sie vergessen haben. Einem verzweifelten, orientierungslosen und suchenden Zeitgenossen rief Hildegard von Bingen vor 900 Jahren zu: "Schau auf zum Herrn, und die Welt wird neu!"
"Schau auf zum Herrn, und die Welt wird sich verändern, weil du sie mit neuen Augen siehst" - das ist, meine ich, ein wahrhaft prophetisches Wort: zeitlos gültig und heute so aktuell wie damals. Ein Wort, das Richtung weist, auch uns. Vielleicht ist dieses Wort sogar der Schlüssel zu einer neuen Hoffnung. Denn ohne Hoffnung können wir nicht leben. Wo keine Hoffnung ist, da stirbt Leben, da öffnen sich keine Türen mehr, da bleibt alles verschlossen und versinkt in einem Sumpf von Resignation und Verzweiflung. Wir erleben solches heute, doch seien wir getrost: auch zur Zeit Hildegards waren solche Gefühle und Stimmungen keineswegs unbekannt.
Schau auf zum Herrn - das bedeutet: wende deinen Blick zu Gott hin, der dir das Leben geschenkt hat und aus dessen unendlicher Liebe allein uns Hoffnung zuströmt. Schau auf zum Herrn - das bedeutet aber auch: hör auf, nur dich selbst zu sehen und nur um dich zu kreisen. Richte dich auf und aus auf einen anderen hin, auf Christus, den Auferstandenen, in dem allein die Quelle unserer Hoffnung liegt und der Brunnen, aus dem wir immer neu schöpfen dürfen. Betrachte die Welt mit den liebenden, gütigen und barmherzigen Augen Gottes - und sie wird sich verändern, denn du selbst wirst dich verändern.

Wir wissen nicht, ob der hilfesuchende Briefschreiber Hildegards Rat befolgt und daraus neue Hoffnung geschöpft hat. Aber es ist uns bezeugt, daß unendlich viele Menschen zu Lebzeiten Hildegards, aber auch heute, 900 Jahre später, aus der Begegnung mit ihr neue Hoffnung geschöpft haben. So war und ist Hildegard wirklich eine Hoffnungsgestalt der Kirche.

Fragen wir uns, was das Geheimnnis dieser großen Frau ausmacht.

Vielleicht liegt es vor allem darin, daß sie lebte, was sie lehrte - und umgekehrt auch lehrte, was sie lebte. So war sie glaubwürdig und überzeugend - eine wirkliche Zeugin des Glaubens und der Menschlichkeit. Nach solchen Zeugen suchen die Menschen. Das war vor 900 Jahren so und das ist auch heute so.

Folgen wir nun gemeinsam Hildegards Spuren auf dem Weg der Hoffnung. In sieben Schritten mögen wir dabei erahnen, was Hildegard meint, wenn sie das Ziel unseres Lebensweges mit dem biblischen Kernsatz umschreibt: "Ich will, daß sie das Leben haben, und es in Fülle haben".

1) Eine "Feder im Windhauch Gottes" - Hoffen auf den Geist

Hildegard liebte es, von sich selbst als einer "Feder im Windhauch Gottes" zu sprechen. Federleicht wollte sie sein, ganz vom Geist Gottes getragen und geführt. Nicht zielloses Umherschweifen oder hilfloses Hin- und Hergeworfensein in den Wellen des Lebens ist hier gemeint, sondern Offenheit und Verfügbarkeit für den Willen Gottes, Aufmerksamkeit für den Anruf im Augenblick. Hildegard hat in ihrem Leben und Werk niemals sich selbst verkündet. Sie verstand sich als Werkzeug in den Händen Gottes, als "Posaune Gottes" gar, als Prophetin, die die Wahrheit verkündet - ob gelegen oder ungelegen. Sie wollte Fenster sein - "fenestraliter", das heißt wörtlich "fensterhaft", durchlässig für das Licht der göttlichen Liebe, durchscheinend auf IHN hin und damit ein lebendiges, weithin sichtbares Zeichen der Hoffnung.

Dabei war sie sich ihrer Schwäche, ihrer Begrenztheit und Hilfsbedürftigkeit bewußt. Aber sie vertraute darauf, daß der Geist Gottes unserer Schwäche aufhilft, ja daß, wie es im Römerbrief an anderer Stelle heißt, die Kraft Gottes erst in der Schwachheit des Menschen wahrhaft zur Entfaltung kommt.

Hildegard verstand sich immer zuerst als Hörende. Das Hören wird aus dem Schweigen geboren, das Reden und Verkündigen dann im nächsten Schritt wiederum aus dem Hören. Hören gehört zu den Schlüsselbegriffen unseres benediktinischen Lebens. Und Hildegard war durch und durch Benediktinerin. Hören in vertikaler Richtung, also auf Gott hin, aber auch Hören in der horizontalen Dimension, im Aufeinander-Hören und Zu-einander-Gehören ist hier gemeint. Wirkliches Hören hat es immer mit Hoffnung zu tun, mit der Offenheit für neue Lebensmöglichkeiten, neue Herausforderungen und neue Perspektiven. Wie oft denken wir nur noch in vorgefaßten Schablonen, in Schubladen, die randvoll sind mit Vorurteilen, Ressentiments und Halbwahrheiten jeder Art. Wir nehmen uns selbst und auch den anderen damit jede Entwicklungs-möglichkeit, engen uns ein statt dem Geist Raum zu geben und IHN wehen zu lassen, wo er will.

Hildegard war in diesem Sinne ein wahrhaft geistbegabter Mensch - immer bereit, neu zu hören und neu anzufangen - und das Zeit ihres langen Lebens. Die Spannkraft des Hörens und der Hoffnung hat sie dabei jung erhalten bis ins hohe Alter hinein, denn sie wußte, daß der Mensch ein Werdender ist, ein Noch-nicht-endgültig-Angekommener, ein Homo Viator, ein Wanderer auf dem Weg zum Ziel.

2) Hoffnung als Weg zu Gott und zur Vollendung

In der achten Vision ihres Hauptwerkes "Scivias" beschreibt Hildegard die Gestalt der Hoffnung mit folgenden Worten: "Aus der gläubigen Zuversicht auf Gott erhebt sich die Hoffnung zum Leben, das man auf Erden noch nicht besitzt; es ist vielmehr bis zur Zeit der ewigen Vergeltung im Himmel verborgen, und die Hoffnung trachtet danach mit ihrem ganzen Verlangen."

Hildegard wußte, daß der Mensch bis in seinen innersten Kern hinein ein hoffendes Wesen ist. Schon in jedem Wunsch, den ich anderen zuspreche, mag er auch noch so klein und unbedeutend sein, klingt Hoffnung auf. Schon in unserer Alltagssprache blinken immer wieder Hoffnungslichter auf. Von einer Frau, die ein Kind erwartet, sagen wir, sie ist "guter Hoffnung". Ja, wieviel Hoffnung erwächst uns aus dem werdenden Leben oder schaut uns aus weitgeöffneten Kinderaugen an.

Wir alle sind Hoffende. Wir hoffen auf das letzte, ewige Heil, darauf, daß wir das haben, worauf es eigentlich und wesenhaft ankommt. Letztlich geht es bei solcher Hoffnung um die unbeirrte Zuversicht, daß das Gelingen der menschlichen Existenz wider alle Alltagserfahrung eben doch möglich ist, aber im Wissen, daß solches endgültiges Gelingen noch aussteht. Hoffnung, das wußte Hildegard, und das wissen wir im Grunde auch, weist uns über unseren natürlichen Gesichtskreis hinaus. Denn in der Hoffnung drückt sich eine Sehnsucht aus, die alle unsere natürlichen Bedürfnisse übersteigt. Von Natur aus können wir das nicht machen. Solche existentielle Hoffnung, die keineswegs identisch ist mit unseren vielen großen und kleinen Hoffnungen des Alltags, ist Geschenk, für das wir uns nur öffnen können. Jeder Versuch, uns selbst zu erlösen, endet in Resignation und Verzweiflung - das hat Hildegard z.T. schmerzlich erfahren, und das erfahren wir heute vielleicht erschreckender denn je.

In der Tugend der Hoffnung - interessant ist in diesem Zusam-menhang übrigens, daß Hildegard ganz in der Tradition der alten Mönchsväter die Traurigkeit im Sinne von Resignation als Laster betrachtet, das es mit aller Macht zu bekämpfen gilt - in der Tugend der Hoffnung also versteht und bejaht sich der Mensch darin, zu sein, was er wahrhaft ist: Kreatur, Geschöpf Gottes. Hildegard wird nicht müde, den Menschen dies in Erinnerung zu rufen. Unser Leben ist ganz und gar ungeschuldetes Geschenk Gottes. Aus Liebe sind wir geschaffen, sagt sie, und diese Liebe läßt uns vertrauensvoll geborgen sein in der Hand Gottes. Unsere unzerstörbare Herkunft von Gott her ist denn auch der Grund dafür, daß wir lebendige Hoffnung sind und daß wir Hoffnung haben dürfen. Sie läßt uns dankbar sein und dem Leben vertrauensvoll begegnen - im Wissen, daß Gott denen, die IHN lieben, alles zum Guten gereichen läßt.

Wer sich in Gott geborgen weiß, der kann seinen Weg gehen - so, wie Hildegard ihn gegangen ist: ohne Sorge, ohne Furcht vor den Menschen, vor weltlichen Mächten und Gewalten.Wäre es nicht ein geradezu revolu-tionäres Therapeutikum gegen die Angst unserer Zeit, solche Dankbarkeit, solches Vertrauen und solchen Glauben wieder neu zu lernen?

3) Hoffnung erwächst aus Erinnerung

Vertrauen und Hoffnung, das wissen wir sehr wohl, sind nicht beliebig herbeizitierbar, sind nicht markige Parolen starker Männer und Frauen oder gar oberflächlicher Optimismus.

Hoffnung gründet in Erinnerung, nicht im Argument. So wie uns die Erinnerung an vergangene Wunden davor bewahren kann, etwas zu wiederholen, das uns verwundete, so kann uns auch die Erinnerung an erfahrene Liebe, an glückliche Führungen und Fügungen in den Kämpfen des Alltags Kraft und Hoffnung geben. Die Erinnerung verbindet uns nicht nur mit unserer Vergangenheit, sondern erhält uns auch in der Gegenwart am Leben und öffnet uns Hoffnungswege in die Zukunft.

Wenn das Volk Israel z.B. Gottes Heilswirken als große Taten der Liebe und des Erbarmens in Erinnerung ruft, dann tritt es selbst in die Geschichte dieser Taten ein. Sich Erinnern bedeutet also in biblischer Tradition lebendige Teilhabe. Wenn alles finster erscheint, wenn wir von Stimmen der Verzweiflung umgeben sind, wenn wir keinen Ausweg mehr sehen, dann können wir Rettung in der Erinnerung an eine Erfahrung der Liebe finden, an eine Liebe, die nicht einfach nur etwas Vergangenes ist, sondern eine lebendige Kraft, die uns in der Gegenwart trägt. Durch die Erinnerung überschreitet Liebe die Grenzen der Zeit und gibt Hoffnung und Halt in jedem Augenblick unseres Lebens.

Das ist die Botschaft der Bibel, das ist aber auch die Botschaft, die Hildegard uns mit ihrem Leben bezeugt. Hildegard war, wie gesagt, Ordensfrau, Benediktinerin. Im Mittelpunkt ihres wie unseres Lebens standen und stehen das Gebet und die Feier der Liturgie. In beidem vergegenwärtigen wir uns immer neu die bleibende Nähe Gottes und die immerwährende Gegenwart des auferstandenen Christus. In Gebet, Anbetung und Liturgie, in Wort und Sakrament, erinnern wir uns an die Hoffnung, die uns bewegt, und an die Größe und die Großtaten Gottes. Das ist keineswegs nur etwas für "fromme Stunden", sondern war für Hildegard das Zentrum ihres Lebens. Erst aus dieser Mitte heraus fand sie den Stand, von dem her sie wirken konnte.

Hoffnung weitergeben kann nur der, der selbst ein Hoffender ist - nicht nur mit dem Mund, sondern mit dem Herzen. Die stets neu gefeierte Erinnerung an die lebendige Gegenwart des Herrn in der Geschichte befähigte Hildegard dazu, andere zu führen und ihnen zu helfen, Gottes Gegenwart in ihrem Leben zu suchen und zu entdecken. Damit wurde sie zum Hoffnungsträger für viele, auch und gerade dann, wenn sie sich selbst als schwach und begrenzt erfuhr. Denn das ist wohl das Geheimnis, daß der Geist Gottes durch uns hindurchscheint und ans Werk geht, wenn wir nur - wie Christus selbst es uns vorgelebt hat - zuerst versuchen, in Gottes Gegenwart zu leben, und uns von dort aus den anderen zuwenden.

4) Ehrfurcht als Frucht der Hoffnung

Gebet und Meditation haben Hildegard zu einem frohen und dankbaren Menschen werden lassen. Dankbarkeit und Freude, Freude und Hoffnung gehören für mich eng zusammen. Hildegard hat uns dies immer wieder gezeigt und ermahnt uns, die Augen zu öffnen z.B. für die Schönheit der Schöpfung. Diese ist trotz allem, was der Mensch ihr antut (und wohl auch schon zu Hildegards Zeiten angetan hat), voller Hoffnung. In der Schöpfung - so lehrt Hildegard uns auf ihre so unverwechselbare Weise - ist ein schier unerschöpfliches Hoffnungspotential enthalten. Woher wissen wir denn, daß nach jedem Winter ein Frühling kommt, daß aus jedem Weizenkorn eine Ähre wächst? Bedeutet das nicht, daß in der Schöpfung per se immer schon Hoffnung am Werk ist? Wer Umgang mit der Schöpfung hat, der kann eigentlich nicht anders als ein Hoffender sein. Für Hildegard ist die Grünkraft, die "viriditas", die sie so oft erwähnt, nichts anderes als die liebende Schöpferkraft Gottes, die alles durchwest, und die damit durch und durch Hoffnungskraft ist. Die Schöpfung ist ein einziges, großartiges Lesebuch und Lebensbuch der Hoffnung. Hildegard wußte das und hat daraus für sich selbst und für andere immer neue Hoffnung geschöpft. Sie lehrt uns aber auch, daß solche Hoffnungsspender gepflegt und gehütet werden müssen.

Aus der Dankbarkeit erwächst für sie deshalb zunächst vor allem die Ehrfurcht - vor Gott, aber eben auch vor allem Geschaffenen, vor der Natur und vor den Menschen. Die Ehrfurcht ist - ebenso wie das Hören - ein entscheidendes Grundelement benedik-tinischen Lebens. Der hl. Benedikt, nach dessen Lebensregel Hildegard lebte und nach der auch wir heute noch leben, legte einst seinen Mönchen und Nonnen ans Herz, "einander in Ehrfurcht zuvorzukommen". Die Ehrfurcht, so können wir wohl sagen, ist eine heilige Scheu vor dem Großen im anderen. In ihr verzichten wir darauf, den anderen oder das andere in Besitz zu nehmen und für unsere bloßen Zwecke zu vereinnahmen. Die Ehrfurcht schenkt freien Raum zu hoffnungsvoller Entfaltung und läßt den und das andere in seiner Schönheit und Würde gedeihen. Der ehrfürchtige Mensch kann Größe anerkennen und auch das Große im Kleinen entdecken. Alles hat für ihn seinen Wert, weil auch im Unscheinbarsten die Größe Gottes aufleuchten kann.

Hildegard war ganz und gar durchdrungen von solcher Art zu sehen. Nicht umsonst kommt übrigens das Wort "Vision" vom lateinischen Wort "videre" - sehen. Sehen in biblischer Hinsicht bedeutet ja nicht zuerst äußeres Sehen und äußeres Wahr-nehmen der Wirklichkeit. Sehen in der Heiligen Schrift bedeutet immer "liebendes Erkennen", Einsicht in die Wesenheit der Dinge, die Gesamtschau der Zusammenhänge, ja letztlich die Erfahrung des unsagbaren Geheimnisses, das Gott selbst ist. In diesem Sinne ist solche Art des Sehens (ist auch die Vision Hilde-gards) bereits eine Vorform des jenseitigen Schauens, die beginnhafte Vorausgestalt dessen, worauf wir hoffen: nämlich auf die endgültige Anschauung Gottes. Gott selbst ist der Sehende schlechthin, aber er gibt uns, seinen Geschöpfen, Anteil an seiner Sicht der Dinge und der Welt.

Hildegard zeigt uns, daß solche Anteilnahme an der Schau Gottes jeder und jedem von uns offen steht. Freilich - und auch das sagt sie uns sehr deutlich - müssen wir dies auch wollen. Der Mensch hat die Freiheit sich zu entscheiden und kann sich deshalb, wie sie sagt, durch nichts entschuldigen. Hoffnung müssen wir wollen. Sie erwächst aus Glauben. Und der Glaube wiederum ist nicht erstlich eine Sache des Gefühls, sondern, wie Hildegard es so wunderbar klar formuliert, eine Sache der "brennenden Vernunft". Hoffnung muß, ich wiederhole es, also auch gewollt sein. Künstlich erzeugen könen wir sie zwar nicht. Aber wir können unsere Herzen und unsere Augen offen halten für die Hoffnungszeichen dieser Welt. Halten wir also Ausschau nach den Zeichen, in denen Gott uns seine Gegenwart erfahrbar macht und lassen wir uns anstecken von dem, was andere in unserer Nähe an Herrlichkeiten entdecken.

5) Hoffnung drängt zur Tat

Ein fünfter Punkt: wenn wir Hildegard als Hoffnungsgestalt betrachten, dann dürfen wir nicht vergessen, daß die Schau, die Kontemplation bei Hildegard ganz im benediktinischen Geist eng verbunden war mit der Tat. Hoffnung ist kein Besitz, der ein für allemal gesichert ist und mit dem es sich ungestört leben läßt. Man hat der christlichen Hoffnung immer wieder vorgeworfen, sie sei so sehr auf die Vollendung der Welt und des Menschen ausgerichtet, daß nichts mehr übrigbliebe an Hoffnung für das Leben in dieser Welt. Hildegard hat bewiesen, daß gerade das Gegenteil wahr ist. Die Hoffnung, welche den Zielen Gottes und damit der absoluten Zukunft gilt, muß auch der Ursprung und Quell für die Schwungkraft unseres hiesigen Strebens sein. Unser Handeln in dieser Welt steht in engstem Zusammenhang mit dem Reich Gottes der Endzeit - ja, wir können sogar, wie es im Zweiten Petrusbrief heißt - die Ankunft des Reiches Gottes beschleunigen.

Hildegard war in diesem Sinne eine leidenschaftlich engagierte Frau. Sie wartete nicht in stiller Ergebenheit und Untätigkeit darauf bis Gott sozusagen mit einem Schlag alles zur Vollendung führt, sondern sie zeigte Einsatz, Kraft und Mut zum Wagnis. Sie verstand sich nicht nur als Geschöpf Gottes, als "Opus", sondern auch als "Operarius", als Mitschöpfer Gottes. In diesem Sinne tat sie alles, um dem Guten in der Welt zum Sieg zu verhelfen. Der Mensch, so sagt sie, hat einen Auftrag in der Welt und trägt Verantwortung für sich und für die gesamte Schöpfung. Und das gilt für alle, nicht nur für die Großen und Mächtigen. Wir alle sind verantwortlich, daß es Hoffnung gibt für viele, die sonst ver-zweifeln. Kein noch so kleines Bemühen ist dabei umsonst. Nichts geht verloren oder ist unwichtig. Jedes gute und heilsame Wort, jede gute und aufbauende Tat, jedes Salböl der Barm-herzigkeit und Liebe hat Auswirkungen auf das Ganze und läßt das Angesicht der Erde wieder ein Stück menschlicher erscheinen.

Hildegard betont immer wieder diese einmalige Wechsel-beziehung von Mikro- und Makrokosmos. Ist das nicht ein tröstlicher Gedanke, eine befreiende Hoffnung wider alle beklemmenden Gefühle der Ohnmacht und des Ausge-liefertseins an anonyme Mächte? Wir können die Welt verändern. Und die Welt - so schreibt einmal Teilhard de Chardin, der Hildegard wohl mehr als seelenverwandt war - "die Welt wird dem gehören, der ihr die größte Hoffnung anzubieten hat". Gibt es aber eine Hoffnung, die tiefer reicht und vor allem besser begründet ist als die, die uns von Gott her verheißen ist? "Auf Hoffnung hin sind wir erlöst", sagt der Apostel Paulus. Ja, wir sind bereits erlöst, warten aber zugleich voll Sehnsucht auf die endgültige Erlösung und Vollendung. Dieser Erlösung sollten wir uns - wie die hl. Hildegard - würdig erweisen - in Wort und Tat, im Zeugnis eines gelebten Glaubens.

6) Hoffnung führt zusammen

Erlösung kann niemand für sich allein haben. Und auch Hoffnung ist keine Privatsache einzelner. Zur Hoffnung sind wir alle gemeinsam berufen, jede und jeder für sich, aber eben auch für den anderen. Ich möchte hier noch einmal wiederholen, was ich eingangs sagte: Hoffnung können wir uns nicht selbst zusprechen, sie muß uns von anderen zugesagt werden. Daß und ob jemand hoffen kann, hängt zutiefst auch von der Art und Weise ab, wie ich mit ihm umgehe. Wir Menschen sind füreinander Hoffnungsträger, im natürlichen, erst recht aber im übernatürlichen Sinne. Einander anschauen mit den Augen der Hoffnung, mit den Augen der Zukunft, mit den Augen der Offenheit, mit den Augen der Liebe - das schafft Hoffnung.

Und dann erst recht einander ein Wort oder Worte der Hoffnung schenken. Jeder Versuch des Verstehens, jede Geduld, alles wirkliche Zuhören, ja auch jedes Zeichen der Zärtlichkeit ist ein Geschenk der Hoffnung. Ein gutes Wort, so sagt es uns der hl. Benedikt - geht über die beste Gabe.

Hildegard war eine Frau, die unzähligen Menschen zuhörte und ein Wort der Hoffnung zusprach. Sie wußte aber auch, daß sie selbst immer wieder auf ein solches Wort angewiesen war, auf Menschen, die sie aufrichteten, wenn sie selbst müde, mutlos oder krank geworden war. Deshalb hat sie Zeit ihres Lebens die Nähe zu Gott, aber auch die Nähe zu den Menschen gesucht, hat echte Freundschaften gepflegt, hat Gemeinschaft gestiftet und geformt. Darin fand sie selbst die Kraft zur Freude und zur Hoffnung und die Kraft, das ihr Geschenkte weiterzugeben.

Ein beredtes Zeugnis dafür sind die über 300 Briefe, die uns von ihr überliefert sind. Diese Briefe sind voller Leben und spiegeln alle Facetten unseres irdischen Seins wider. Sie sind durchtönt von unerschütterlicher Glaubensgewißheit, von einer unbändigen Liebe und von starkmütiger Hoffnung. Vielleicht sind es gerade diese drei christlichen Tugenden - Glaube, Hoffnung und Liebe -, die diese Briefe auch heute vielen Menschen wieder so wertvoll erscheinen lassen. Hildegards Worte lassen aufhorchen und führen immer wieder Menschen auf neue, sinnerfüllte Lebenswege.

Und, was vielleicht noch wichtiger ist: Hildegards Zeugnis der Hoffnung führt auch nach 900 Jahren Menschen wieder und neu zusammen. In unserer Abtei erfahren wir es zur Zeit jeden Tag, wenn Menschen aller Altersgruppen, vieler Nationen, verschiedener Herkunft und Weltanschauung in freudiger Erwartung zu uns kommen. Für mich grenzt das fast schon an ein Wunder, für das wir nur danken können. Denn viele dieser Menschen haben sich auf den Weg gemacht, um ihrem Leben eine neue Richtung zu geben - auf Hoffnung hin.

Romano Guardini, der große Theologe unseres Jahrhunderts, hat einmal gesagt: "Solches Suchen bedeutet, daß schon ein Finden geschehen ist, deshalb, weil es bereits der lebendige Gott ist, der jenes Suchen und Sehnen bewirkt und darin die Menschen an sich zieht." Das ist für mich ein tröstlicher Gedanke, der uns in gewisser Weise entlastet. Denn was uns dabei noch zufällt, ist dann "nur noch" dieselbe Aufgabe, der auch Hildegard sich niemals entzog, und die im Ersten Petrusbrief so ausgedrückt ist:"Haltet den Herrn Jesus Christus heilig in euren Herzen, und seid allezeit bereit, jedem gegenüber Rechenschaft abzulegen über die Hoffnung, die in euch lebt." (1 Petr 3,15)

7) Hoffnung wider alle Hoffnung

Ein letzter Gedanke: Ausgesprochen, noch häufiger unaus-gesprochen begegnet uns beim Thema Hoffnung die Frage nach dem Tod. Durch den Glauben an die Auferstehung und die Hoffnung auf Vollendung ist die Tragik dieser Welt ja nicht aufgehoben. Aber es ist ihr ein Ende gesetzt. Der Tod, so meine ich, ist geradezu das Sprungbrett zur absoluten Hoffnung hin. Aus dem Tod, aus jedem Tod, erwächst neues Leben: "wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bringt es keine Frucht". Das gilt auch für die vielen kleinen Tode, die wir in unserem irdischen Leben Tag für Tag sterben müssen: Enttäuschungen, Verzichte, Zurücksetzungen, Kränkungen - die Liste ließe sich mühelos fortsetzen.

Hildegard war ein Mensch, der diese kleinen Tode bewußt auf sich nahm und ihnen einen Sinn zu geben vermochte. Noch kurz vor Ende ihres Lebens mußten sie und ihre Gemeinschaft großes Unrecht ertragen. Sie taten es ohne zu jammern und zu klagen - ganz im Vertrauen darauf, daß die Gerechtigkeit am Ende siegen werde. Hildegard lehrt uns damit, daß Zweifel, ja sogar Verzweiflung, kein Gegensatz zur Hoffnung sein müssen, ja daß Zweifel und Verzweiflung sogar erst den Raum für neue Hoffnung schaffen können.

In der Benediktusregel, die für Hildegard wie für uns heutige Benediktinerinnen gleichermaßen Lebensquell und Lebensweisung ist, gibt es drei Stellen, die mir in diesem Zusammenhang besonders wichtig erscheinen. Der Mönch, so heißt es dort zum einen, soll den Tod täglich vor Augen haben. Ein solches Tun übt uns in der Hoffnung, im Loslassen und in der Dankbarkeit. Hildegard wußte das und hat ganz bewußt danach gelebt.

An anderer Stelle werden wir aufgefordert, "niemals an Gottes Barmherzigkeit zu verzweifeln" und unsere Hoffnung ganz auf Ihn zu setzen. Hier geht es nicht um Zweifel und zeitweise Verzweiflung, die durchaus ihren Platz in unserem Leben haben dürfen und sollen, sondern hier geht es um die Grundmelodie unseres Herzens, die sozusagen unter der Oberfläche voll Sehnsucht wartet auf das endgültige Gelingen und die Vollendung unseres Lebens. Hildegard hat dieses Wort des hl. Benedikt besonders geliebt und die Barmherzigkeit immer wieder als das Heilmittel der Hoffnung und Mittel zum Heil schlechthin gepriesen.

Ein Letztes: der Profeßgesang, der uns Benediktinerinnen unser Leben lang begleitet und den auch Hildegard schon gesungen hat: "Nimm mich auf, o Herr, gemäß deiner Verheißung, und ich werde leben. Und laß mich in meiner Hoffnung nicht zuschanden werden." Ein Vers aus Psalm 119, ein einmalig dichtes Gebet der Sehnsucht, der Erwartung und der Gewißheit. Keine Hoffnung bleibt unerhört, der Hoffende wird am Ende nicht enttäuscht werden.

In der Sterbestunde jedes Mönches und jeder Nonne wird dieser Profeßgesang seit alters her ein letztes Mal gesungen. Als Hildegard am 17. September 1179 starb, soll dabei ein hellstrahlendes Licht am Himmel zu sehen gewesen sein. So dürfen wir wohl gewiß sein, daß Hildegard, die so vielen Zeugin der Hoffnung war und ist, am Ende den schauen durfte, auf den sie ihr Leben lang gehofft hat.

"Schaut auf zum Herrn und hofft auf IHN, dann wird die Erde neu". Hildegard hat dies nicht nur gesagt, sondern gelebt. Folgen wir ihrem Beispiel - heute und alle Tage.

Vision -
Frucht kontemplativen Lebens
Von Sr.Philippa Rath OSB
Hildegard beginnt ihre großen Visionswerke mit den Worten "Vidi et audivi". Sie reiht sich damit in die Tradition der altestamentlichen Propheten und vor allem der apokalyptischen Schau des Sehers Johannes ein. Was aber ist eine Vision? Ein "himmlischen Fernsehapparat", mit Hilfe dessen Gott der Seherin ihre Werke in die Feder diktierte? Oder gar eine Lichterscheinung infolge eines Migräneanfalls, wie andere behaupten? Die Wahrheit, denke ich, ist, wie so oft, viel einfacher und elementarer.
Werfen wir einen Blick in die Heilige Schrift - das Sehen kommt dort häufig vor, denken Sie nur an die Blindenheilungen, an Zachäus, an die Berufung des Nathanael, an die Verklärung auf dem Berg Tabor. Das Wort "Vision" kommt vom lateinischen Wort "videre" - sehen. Sehen in biblischer Sicht bedeutet nicht zuerst äußeres Sehen und äußeres Wahrnehmen von Wirklichkeit. Sehen in biblischer Sicht bedeutet immer "liebendes Erkennen", Einsicht in die Wesenheit der Dinge, die Gesamtschau der Zusammenhänge, ja letztlich die Erfahrung des unsagbaren Geheimnisses Gottes in Jesus Christus selbst. In diesem Sinne ist das Sehen eine Art Vorform des jenseitigen Schauens, die beginnhafte Vorausgestalt dessen, was wir gemeinhin als himmlische Glückseligkeit und als endgültige Anschauung Gottes bezeichnen. Gott, der Sehende schlechthin, gibt uns, seinen Geschöpfen, Anteil an seiner Sicht der Dinge und der Welt - und zwar immer dann, wenn wir uns liebend IHM zuwenden, wenn wir SEIN WORT hören und es gläubig annehmen. Sehen und Hören gehören also zusammen: Vidi et audivi - nicht nur bei Hildegard. Im Buch Deuteronomium heißt es: "Das Volk sah das Wort", und bei Jesaja: "Das Wort, das Jesaja in einer Vision vernommen hat" (2,1).

Die Altväter nannten solche Art des Sehens und Hörens Kontemplation. Wichtig ist dabei zunächst, daß wir es nicht "machen" können, so wie wir auch die Liebe nicht machen, sondern nur als Geschenk empfangen können. Es gibt keine "Technik", deren korrekte Anwendung uns bereits den gewünschten Erfolg der Kontemplation beschert. Wir können uns nur bereiten, können offen sein für das Geschenk der Gnade - und dies überall und in jedem Augenblick unseres Lebens. Und, was ebenso wichtig ist, wir können uns ein-üben, Gottes Wort zu hören und alles mit seinen Augen zu sehen. Nichts anderes wollen Exerzitien sein (Übung!), nichts anderes will wohl auch ein Rekollektions-Wochenende wie dieses.

Die Praxis der frühen Kirche, vor allem die Mönchstradition, lehrt uns den Dreischritt "Lectio - Meditatio - Oratio" als Weg der Kontemplation. Hildegard hat diesen Weg von früher Jugend an eingeübt und hat so das Sehen gelernt. Anderthalb Jahrtausende lang fanden Menschen in diesem Dreischritt die Quellen ihres Christseins, beruhte auf ihm auch alle theologische Erkenntnis. Hildegard war wohl die letzte Vertreterin dieser sogenannten Monastischen Theologie. Vielleicht kann sie uns gerade deshalb heute wieder helfen, zu den Ursprüngen unseres christlichen Glaubenslebens und damit auch zur unmittelbaren Begegnung mit Gott zurückzufinden.

Betrachten wir also den erwähnten Dreischritt ein wenig näher. In der "Lectio" wird der Text der Hl. Schrift aufmerksam und ehrfürchtig immer wieder gelesen und "zerkaut" (ruminatio). In der "Meditatio" vertieft der Leser den Text und sucht nach seiner inneren Wahrheit. Im Hören auf Gottes Wort dringt er zugleich auch in sich selber ein, und in dem er tiefer in sich selbst eindringt, erschließt sich ihm wiederum der Text. Ein solches Lesen bedeutet ein Neu-Lesen - nicht die Wiederholung eines toten Buchstabens - und ein Neu-Schaffen, denn der Leser war vor der Lektüre noch nicht das, wozu er im Lesen geworden ist. Die Lesung und Verinnerlichung in der Meditation führen ihn dann schließlich in die "Oratio", in das Gespräch mit Gott. Der Leser erbittet, daß Gott selber ihm den Text erschließt und die wahre Erkenntnis des Wortes schenkt. Nun wird der Leser mit dem Gelesenen innerlich eins. Er ist hineingenommen in die Begegnung mit dem lebendigen Gott und sieht von daher die Welt, ihr Wesen, ihre Zusammenhänge und sich selbst auf neue Weise. Es geschieht das, was wir Erkenntnis nennen, eine Vertrautheit mit dem Ganzen des Lebens und mit dem Absoluten. Es ist eine von der Liebe umfaßte und in ihr gründende Erkenntnis, die Gott in allen Dingen sieht und alle endliche Wirklichkeit auf die Gegenwart des Unendlichen hin durchsichtig werden läßt. Hier scheint dann etwas auf von der "alle Erkenntnis übersteigenden Erkenntnis", von der die Heilige Schrift spricht. Erst eine solche Erkenntnis macht den Menschen, macht uns, dann auch zu wirklichen Zeugen, in deren Nähe Gott für andere spürbar wird.

Hildegard war so ein Mensch. In der Kontemplation erschloß sich ihr - wie sie im Vorwort zu ihrem Hauptwerk SCIVIAS schreibt - "der Sinn der Schriften" und all dessen, was sie gelernt und im Leben erfahren hat. Kontemplation, und das möchte ich hier ganz besonders betonen, ist keineswegs an die Voraussetzung von Klosterzelle und Kreuzgang gebunden. Sie ist ein Weg und ein Geschenk, das Gott für jeden bereit hält. Vielleicht ist es gerade für uns heute besonders wichtig, zu den Quellen des Wortes zurückzukehren, anstatt mehr oder weniger aus Konserven pastoralliturgischer Hilfen zu leben. Lesung, Meditation und Gebet, so meine ich, sind unverzichtbare Voraussetzungen gerade für die Verkündigung - sonst wird es dieser bald an Überzeugungskraft fehlen. Nur wenn das Wort erlauscht, aufgenommen, bewahrt und meditiert wird, kann es Propheten erwecken, die Befreier und Wegweiser sind.

SCIVIAS - Wisse die Wege - heißt das Hauptwerk Hildegards, das den Menschen ihrer Zeit und auch uns Wege zum Glauben an den dreifaltigen, an den liebenden und barmherzigen Gott eröffnete. Gott, Welt und Mensch - vereint in der Gesamtschau und in der Zeugenschaft des leidenschaftlich liebenden Herzens. Ob wir zu Ähnlichem heute die Kraft und den Mut haben?

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Ich möchte Ihnen für die Zeit der stillen Betrachtung die zweite Miniatur aus dem SCIVIAS empfehlen (dazu Jes Sir 1,9 ff.). Hildegard nennt sie "Der Leuchtende", doch mir geht es um die Tugend der Gottesfurcht, die sie als Gestalt, die über und über mit Augen bedeckt ist, darstellt. Die Gottesfurcht hat nichts mit Angst zu tun, ganz im Gegenteil. Sie ist ganz Auge und Ohr für Gott. Gott läßt sich durch die Gottesfurcht erkennen und wird durch sie geschaut. Deshalb ist sie der Anfang der Weisheit, wie es im Buch Jesus Sirach (1,14) heißt. Wer betet, der schaut auf Gott, und Gott schaut auf ihn.

Lasset uns also beten: Gott, du hast in der heiligen Hildegard das Verlangen geweckt, deine Größe allezeit liebend zu betrachten und zu preisen. Schenke uns auf ihre Fürsprache Wachstum in der geistlichen Erkenntnis, damit wir im Dunkel das Licht deiner Klarheit erkennen und wach sind für den Augenblick, wo du uns begegnen willst. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.

Hildegard von Bingen - Prophetin in die Zeit
Hildegard von Bingen (1098-1179) gilt als eine der bedeutendsten Frauen des deutschen Mittelalters und ist heute weit über die Grenzen ihrer rheinischen Heimat hinaus bekannt. Ihre Zeitgenossen zog sie gleichermaßen in ihren Bann wie die Menschen, die heute nach Sinn, Orientierung, Ganzheit und Heil suchen.
Hildegards Werk und Selbstverständnis trägt stark visionäre und prophetische Züge. Göttlicher Ursprung dessen, was sie im "Lebendigen Licht" geschaut und gehört hat, und Sendungsbewußtsein der Prophetin zeichnen sie gleichermaßen aus. Hildegard wollte die Menschen ihrer Zeit aufrütteln und der Gott-Vergessenheit entgegentreten. Dabei predigte sie keineswegs eine weltlose Innerlichkeit. Ihr ging es um die religiöse Deutung des gesamten Universums, um ein konsequent gelebtes christliches Leben. Alles, Himmel und Erde, Glaube und Naturkunde, das menschliche Dasein in all seinen Facetten und Möglichkeiten, war für sie ein Spiegel der göttlichen Liebe, war Geschenk und Aufgabe zugleich.
Hildegards Schriften schöpften vor allem aus der hl.Schrift, der Liturgie und der Regel des hl.Benedikt, aus den Quellen also, aus denen Hildegard als Ordensfrau und Benediktinerin lebte. Aber auch die Kirchenväter kannte sie gut. Drei große theologische Werke hat Hildegard verfaßt. In ihrem ersten Werk "Scivias - Wisse die Wege" schlägt sie einen großen heilsgeschichtlichen Bogen von der Schöpfung der Welt und des Menschen über das Werden und Sein der Kirche bis zur Erlösung und Vollendung am Ende der Zeiten. Die ewige Geschichte von Gott und Mensch, von Abkehr und Hinwendung des Menschen zu seinem Schöpfer wird in immer neuen Bildern anschaulich gemacht. Beeindruckend an Hildegards Visionsschriften ist vor allem ihre elementare Sprachgewalt. Hildegard erweist sich dabei nicht nur als souveräne Theologin, sondern ebenso als Dramaturgin, Dichterin und Komponistin.
Letzteres fand seinen Niederschlag auch in der Komposition von 77 Liedern und dem Singspiel "Ordo Virtutum - Spiel der Kräfte", in dem sie den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse in 35 dramatischen Dialogen zur Darstellung bringt. Theologisch brachte sie dasselbe Thema in ihrem zweiten großen Hauptwerk, dem "Liber Vitae Meritorum - Buch der Lebensverdienste" noch einmal zur Sprache. Der Mensch, so Hildegards Grundanliegen, ist frei geschaffen und sein Leben lang in die Entscheidung gestellt, seiner in der Schöpfung grundgelegten Gottesebenbildlichkeit zu entsprechen. "Werde, was du bist - Mensch, werde Mensch!", dieses heute so oft zitierte Wort könnte sehr wohl dem Denken Hildegards entnommen sein.
In ihrem dritten Werk, dem "Liber divinorum operum - Welt und Mensch", einer gewaltigen Kosmosschrift, läßt Hildegard die Welt als Kunstwerk Gottes aufstrahlen. Der Mensch erscheint als Mikrokosmos, der in all seinen körperlichen und geistigen Gegebenheiten die Gesetzmäßigkeiten des gesamten (Makro)-Kosmos widerspiegelt. Alles ist aufeinander bezogen, wechselseitig miteinander verbunden und in Gott untrennbar vereint.
Der Gedanke der Einheit und Ganzheit ist auch ein Schlüssel zu Hildegards natur- und heilkundlichen Schriften. Diese sind ganz davon geprägt, daß Heil und Heilung des kranken Menschen allein von der Hinwendung zum Glauben, der allein gute Werke und eine maßvolle Lebens-Ordnung hervorbringt, ausgehen kann. Auch hier war Hildegard nicht nur eine Prophetin ihrer Zeit, sondern kann auch dem heute suchenden Menschen Wegweisung und Orientierung geben.
Nachhaltigen Ausdruck verlieh Hildegard ihrem prophetischen Anliegen auch in ihren Briefen, von denen mehr als 300 bis heute überliefert sind. Es sind Zeugnisse unerschrockener Direktheit, radikaler Ehrlichkeit, mahnender Sorge, erfrischend-humorvoller Weitherzigkeit, persönlichen Engagements für die Armen und weitreichender (kirchen)-politischer Einflußnahme. Hildegard galt als anerkannte Autorität ihrer Zeit. Viele suchten ihren Rat, auch wenn er oftmals unbequem war. Hildegard war und ist ein Stachel im Fleisch von Kirche und Welt - vor 900 Jahren wie auch heute. Sie starb am 17.September 1179 im Kloster Rupertsberg bei Bingen.

Sr.Philippa Rath

Benediktinerinnenabtei St. Hildegard